Olympia-Freude und Final-Frust

Toggenburger Schützen besuchten die Olympischen Spiele in London. Erika Breitenmoser aus Dreien sass bei den Einsätzen von Marcel Bürge direkt hinter dem Schweizer Hoffnungsträger, wegen Problemen mit den Tickets mussten die Schlachtenbummler bis kurz vor dem Wettkampf zittern.

Urs Huwyler
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SCHIESSEN. Es hat nicht sollen sein. Der Lütisburger Marcel Bürge verpasste mit den Rängen 14 (Liegend) und 11 (Dreistellung) die Finalqualifikation (Top 8) an den Olympischen Spielen bei seiner dritten Teilnahme an Sommerspielen in beiden Disziplinen. «Die Anspannung war auch bei uns Zuschauern extrem. Ein Punkt mehr oder weniger kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Es war faszinierend und beeindruckend, einen solchen Wettkampf live verfolgen zu können», erzählt Erika Breitenmoser aus Dreien, die im St. Gallischen Kantonalschützenverband (SGKSV) als Bereichsleiterin Nachwuchs die möglichen Olympia-Teilnehmer von 2020 fördern möchte.

Sie sass jeweils hinter Marcel Bürge, den sie seit Jahren persönlich kennt und der zweimal die späteren Goldmedaillengewinner (Martynov/Campriani) neben sich liegen oder stehen hatte. Die Nervosität stieg dadurch zusätzlich, weil der Konkurrent jeweils höhere Resultate erzielte als der eigene Favorit. «Bei jedem Schuss wird gehofft, dass es eine <10> ist. Die Spannung ist kaum zu ertragen. Für die Athleten muss die Belastung während der 60 oder 120 Schüsse extrem sein.» Erika Breitenmoser zieht Quervergleiche: «Im Schiessen ist es wie im Turnen: Ein Fehler bedeutet das Aus. In anderen Sportarten, beispielsweise im Tennis, besteht die Möglichkeit, den Fehler zu korrigieren.»

Marcel Bürge vergab seine Finalchance über 3x40 (je 40 Schüsse liegend/stehend/kniend) mit dem 118. Schuss. Eine «9» statt «10» warf ihn kurz vor der Ziellinie aus der Spitzengruppe zurück. Innerhalb einer Sekunde war alles vorbei, die monatelange Vorbereitung nur noch Schall und Rauch. Andererseits erlebten die rotweissen Schlachtenbummler hautnah, wie Martynov den Weltrekord und Campriani den Olympischen Rekord verbesserten. Ein weiterer emotionaler Höhepunkt zwischen Olympia-Lust und Final-Frust.

Für die Herzblut-Schützin bleibt klar: «Trotz der Enttäuschung, dass es Marcel nicht geschafft hat, und der enormen Konkurrenz und den Entbehrungen, die ein Sportler auf sich nehmen muss, werde ich noch überzeugter jedem Nachwuchsschützen empfehlen, er solle den Weg zum Leistungssportler einschlagen, wenn er dies möchte. Die Erlebnisse waren einmalig. Vielleicht einmal als Aktiver dabei sein zu können muss Motivation genug sein.» Dies bestätigten ihr auch die Gespräche mit verschiedenen Schweizer Athleten.

Gleiche Interessen

Wobei die aktive 300m-Schützin beim Stichwort «Olympia London 2012» nicht nur ans Schiessen zurückdenkt. «Die ganze Atmosphäre war faszinierend. Auch die Tower Bridge mit den Olympischen Ringen oder der Olympia-Park waren ergreifend. Kam dazu, dass ich noch nie in einer so grossen Stadt war», schwärmt Erika Breitenmoser vom perfekt organisierten mehrtägigen Gruppen-Ausflug mit dem Car. Weil alle Mitreisenden die gleichen sportlichen Interessen verfolgten (Schiessen), gab es unter den Teilnehmern keine «Ich-möchte-aber…»-Konflikte.

Ticket-Horror

Wenig hätte allerdings gefehlt, und Erika Breitenmoser hätte ihren Favoriten nicht in Aktion, sondern nur nach dem Wettkampf getroffen. Wie andere Olympia-Reisende sass der Veranstalter im Vorfeld ohne die versprochenen (nicht gelieferten) Tickets zu Hause vor dem Computer und suchte auf den verschiedensten Internet-Seiten nach Alternativen. Irgendwie schaffen es Hanspeter Rohner (Indoor Swiss Shooting Gossau) und sein Team auf wundersame Weise, bei anderen Verbänden die übrig gebliebenen Tickets zu akquirieren. Einzig einzelne Karten für die Königsdisziplin – den Dreistellungsmatch – wurden an der Grenze beschlagnahmt und vorübergehend (noch am Abend vor dem Wettkampf) bestand die Gefahr, Erika Breitenmoser und einige Mitstreiter müssten die Zeit unruhig auf und ab tigernd vor dem Schiessstand verbringen. «Hätte ich Marcel Bürge in diesem Wettkampf nicht verfolgen können, wäre dies eine grosse Enttäuschung gewesen. Aber es hat ja geklappt», fügt sie mit einem Lachen an. «Auch daran werden wir uns noch lange erinnern. Ich bin nach anfänglichen Zweifeln vor den Spielen froh, dabei gewesen zu sein.»