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OLDTIMER: «Mein Auto ist schweizweit einmalig»

Der Wattwiler Josef Kleger fährt einen Wartburg 311/300 HT Coupé – das schönste Auto, das in der Deutschen Demokratischen Republik gefertigt wurde. Das Cabriolet aus dem Automobilwerk Eisenach ist nur wenig älter als sein 52-jähriger Besitzer.
Serge Hediger
Zimmermann Josef Kleger in seinem Wartburg-Cabriolett: «Ich kann mir kein schöneres Auto für gemütliche Ausfahrten vorstellen.» (Bild: Serge Hediger)

Zimmermann Josef Kleger in seinem Wartburg-Cabriolett: «Ich kann mir kein schöneres Auto für gemütliche Ausfahrten vorstellen.» (Bild: Serge Hediger)

Im Leerlauf gluckst und gurgelt der Motor, als wäre er der Big Block eines Amerikanerschlittens. Doch gibt Josef Kleger auf dem Führersitz Gas, so hört sich der Wagen an wie eine knatternde Vespa. Wir sitzen mit offenem Verdeck in einem weissen Wartburg 311/300 HT Coupé, Baujahr 1961. Hubraum: 991 Kubikzentimeter. Leergewicht : 965 Kilogramm. Drei-Zylinder-Zweitaktmotor, 45 PS Leistung. Wie viel das ist, erfahren wir auf der Fahrt durch Lichtensteigs Grabengasse – Kleger muss in den ersten Gang herunterschalten; anders wäre dieser Stutz nicht zu schaffen.

Erinnerung an die Aufbruchszeit in der einstigen DDR

Das Armaturenbrett ist spartanisch eingerichtet. (Bild: Serge Hediger)

Das Armaturenbrett ist spartanisch eingerichtet. (Bild: Serge Hediger)

Doch es ist ja auch nicht die Motorenkraft, die für Josef Kleger den Charme dieses Autos ausmacht. Es ist seine Geschichte und die des Fahrers dazu. 1994, fünf Jahre nach dem Mauerfall, kommt der gelernte Zimmermann und Bauführer aus Wattwil in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge an, um seine Stelle als Montageleiter eines Möbelwerks, einem ehemals volkseigenen Betrieb (VEB), anzutreten. «Auf der Strasse», erinnert sich Kleger, «waren damals acht von zehn Autos Trabbis, Autos der Marke Trabant.» Und die restlichen zwei? «Das waren Wartburgs, die etwas besseren, etwas teureren und etwas schwieriger zu bekommenden Autos aus DDR-Produktion.» Elf Jahre sollte der Wattwiler in der Berglandschaft südlich von Chemnitz wohnhaft bleiben, sollte während der Zeit des ersten wirtschaftlichen Aufbruchs einen eigenen Betrieb für den Bau von Dachstühlen und Carports mit drei Angestellten führen, bevor er 2005 zurück in die Schweiz kommt. «Ich wusste schon bald nach meiner Ankunft im Erzgebirge, dass ich mit einem Wartburg nach Hause zurückkehren würde», sagt Josef Kleger. «Ich bin weder Autoschrauber noch Oldtimer-Fan. Dieser Wartburg, gekauft für 10000 Deutsche Mark, verkörpert die Erinnerung an meine Zeit in der ehemaligen DDR, an meine Zeit in einer Landschaft, die dem Toggenburg nicht unähnlich ist, und an die ich mein Herz verloren habe.»

Die Technik ist mechanisch, die Ausrüstung spartanisch

45 PS kommen aus drei Zylindern. (Bild: Serge Hediger)

45 PS kommen aus drei Zylindern. (Bild: Serge Hediger)

Dennoch fasziniert der formschöne 311/300 HT auch durch seine Bauweise. «Die Technik ist schlicht, alles ist mechanisch», sagt Kleger. Das Armaturenbrett ist gar spartanisch: Geschwindigkeitsmesser, Benzinanzeige, Licht. Drehzahl, Öldruck? Werden nicht erhoben. Dafür verfügt der lenkradgeschaltete Wartburg mit seinen bequemen sofaähnlichen Sitzen über einen Choke. Und über einen Hebel, mit dem die ­Motorenbremse des Zweitakters gelöst wird.

«Ich bin als Bauernbub aufgewachsen», sagt Kleger, «auf dem Hof waren alle Maschinen Zweitakter, der Einachser ebenso wie die Heuraupe. Ich bin mit dieser Art Motoren vertraut.» Zu Hause bewahrt Kleger das Schreiben eines Dresdner Wartburg-Besitzer-Clubs auf. Es bescheinigt ihm, dass er schweizweit der einzige Besitzer dieses Modells aus dem Automobilwerk Eisenach ist. 2670 Kabrioletts 311/300 HT Coupé wurden zwischen 1956 und 1966 insgesamt hergestellt.

Entwicklung vor den SED- Funktionären geheim gehalten?

Besitzer Kleger: «Ein Wartburg ist nie perfekt.» (Bild: Serge Hediger)

Besitzer Kleger: «Ein Wartburg ist nie perfekt.» (Bild: Serge Hediger)

Die Legende besagt, dass der Wagen heimlich und ohne Genehmigung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) entwickelt worden sei. Als er dann Mitte der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts den Bürokraten im Ministerium der Deutschen Demokratischen Republik vorgestellt wurde, waren die Minister so begeistert von der neuen «Mittelklasselimousine», dass sie über das Nichteinhalten der Dienstvorschriften in der Planwirtschaft für ein Mal hinweggesehen hätten.

Selbst wenn die Geschichte nicht wahr sein sollte, so ist sie doch gut erfunden. Tatsächlich verkauften sich die verschiedenen Modelle des Wartburg 311 auch im nicht sozialistischen Ausland gut. Allerdings war die Technik schon damals veraltet, war die sichtbare Abgasfahne schon damals ein Ärgernis. Doch wie sagt Josef Kleger? «Ein Wartburg 311/300 ist nie perfekt, aber ich kann mir kein schöneres Auto für gemütliche Ausfahrten vorstellen.»

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