OBEREGG: Eine Nacht im Kulturfrachter

Panoramaherberge, Bücherarche, Rückzugsort: Der «Alpenhof» auf dem St. Anton hat viele Facetten. Wer hier übernachtet, feiert oder arbeitet, findet Ruhe, offene Räume und Anregung – je nach Gusto und Stimmung. Die Bibliothek birgt einen Katalog von allem.

Mea Mc Ghee
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Der Kulturfrachter «Alpenhof» auf dem St. Anton bei Oberegg beherbergt Gäste, Kunst und Bücher. (Bilder: Mea Mc Ghee)

Der Kulturfrachter «Alpenhof» auf dem St. Anton bei Oberegg beherbergt Gäste, Kunst und Bücher. (Bilder: Mea Mc Ghee)

Mea Mc Ghee

mea.mcghee@appenzellerzeitung.ch

«Nachtmensch», «Neuling», «Querulant», «Geniesserin», «Stammgast» – mit manchen der Worte an der Fassade identifiziere ich mich. Andere wecken die Neugierde. Was erwartet mich im «Alpenhof» auf dem St. Anton? Welches Panorama bietet die Herberge? Welche Geheimnisse birgt die Bücherarche? Und warum heisst das wuchtige Haus auf der Nagelfluhkrete auch Kulturfrachter? Eine Übernachtung soll Antworten geben.

Ankommen, runterfahren, sich auf den Ort einlassen, dazu gibt mir Gastgeberin Bea Hadorn nach der Begrüssung Zeit. Sie ist seit der Eröffnung des «Alpenhofs» vor gut sieben Jahren Betriebsleiterin. Unterstützt wird sie durch vier Teilzeitmitarbeiterinnen. «Es ist nicht immer jemand im Haus, aber es ist immer jemand vom Team erreichbar.» Engagement, Herzblut, Visionen, das ­alles verbindet sie mit dem «Alpenhof», dessen Trägerschaft ein Verein ist. Die unstabile Buchungslage verlange Flexibilität. So wird zum Beispiel für Gruppen ab acht Personen gekocht und es gibt ein Frühstücksbuffet. Für Einzelgäste steht der Böxli-Zmorge im Kühlschrank bereit. Wer hier einige Tage arbeitet, kann die Küche gegen Entgelt benutzen, wer nur eine Nacht bleibt, kann sich in den benachbarten Restaurants verpflegen. Das Gästesegment umfasst Wanderer, Kunstschaffende, Stipendiaten, die in der Bibliothek arbeiten, Seminarteilnehmer oder Festgesellschaften.

Die Stimmungen, der Ort, die Aussicht machten die Qualität des «Alpenhofs» aus, so Bea Hadorn. Es sei schwer in Worte zu fassen, man müsse es erleben. Also streife ich durchs Haus, entdecke hier einen Flaschenöffner am Hirschgeweih, dort eine kleine Skulptur – und natürlich das von Fensterrahmen eingefasste Panorama. Es ist mal Gemälde, mal Film. Es zeigt das Rheintal und den Alpstein, fliegende Vögel, sich türmende Wolken und auf der Nordseite einen grünen Vorhang aus Laub- und Nadelbäumen.

Im Haus ist es ruhig, die Säle mit den Sesseln aus dem «Bürgenstock», die freien Zimmer, der Seminar- und der Musikraum sind offen zugänglich. Künstler haben das Haus mit Objekten und Gemälden bespielt. Und dann ist da die zweistöckige Bibliothek: Eine Büchersammlung des Glaziologen, Meteorologen, Fotografen und Kunstsammlers Andreas Züst. Mit seinem Tod im Jahr 2000 ist die Fülle an Romanen, an Fachliteratur und Kunstbänden, an Landkarten und seltener Kataloge ­erstarrt. Die Bibliothek, eine Dauerleihgabe von Züsts Tochter Mara, wird dereinst Zeugnis sein für das Leben und die Interessen des Wolfhäldler Bürgers mit Geburtsjahr 1947.

In der oberen Etage arbeiten die anderen zwei Übernachtungsgäste. Die Grafiker Madeleine Stahel und Dominic Fiechter verfolgen ein Projekt, lassen sich von der Fülle inspirieren, sagen: «Man wird fast überwältigt, kann sich extrem gut verlieren, hat Angst, etwas zu verpassen.» Die Erkundung der Bücherarche muss warten, der Hunger treibt mich einen Stock tiefer in den Esssaal. Beim Znacht läuft der Film «Gewitter über dem Alpstein». Der Wind pfeift ums Haus, Blitze zucken über dem Hohen Kasten, das wabernde Grün einer Wiese am Südhang unterhalb des «Alpenhofs» erinnert an Meerwasser, das vom Wind gestreichelt wird.

Rückzug ins Zimmer: ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl, eine Kunst­installation. Eindrücke verarbeiten. Die Wände sind wie die Regalboxen der Bibliothek aus Französischer Seekiefer, auch Kistenholz genannt, gefertigt. Der Gedanke an Transportkisten im Bauch des Kulturfrachters leitet mich zurück in die Bibliothek. Das erste Büchlein, das ich aus den rund 10400 Exemplaren ­herauspicke, ist eine hundertjährige Ausgabe von Christian Morgensterns «Galgenliedern». Es gibt Bücher in Frakturschrift, solche über Feuerwerkskunst, Märchen aus aller Welt, Romane, wissenschaftliche Abhandlungen, Kunstbände. Die Blicke gleiten über die Buchrücken, fast meint man Andreas Züst zu hören, wie er sagt: «In diesem Buch ist die Reise durch die Wüste Tenere beschrieben» oder wie er rät: «Lies zum Vergnügen einen Tintin». Mit dem Buch in der Hand setze ich mich auf eine der breiten Fensterbänke. Es ist dunkel geworden. Regen prasselt an die Scheiben, der Wind rüttelt an den Jalousien. «Andreas Züsts Bücher bilden, wie jeder andere Teil seiner Sammelleidenschaft, wie überhaupt seine Existenz als Ganzes – einen Katalog von allem», hat Plinio Bachmann treffend geschrieben. Nach einigen Stunden in der Bücherarche wird mir wie vielen vor mir klar: Ich habe gefunden, was ich nicht gesucht habe.

Vor dem Schlafengehen lockt noch die Jukebox im Panoramasaal. Der 40-jährige Vorläufer von MP3-Player und iPod wird immer wieder neu kuratiert. Aktuell hat der Künstler Albert Oehlen aus Bühler 60 Stück aus Züsts Sammlung von 1500 Singles ausgewählt. Die Songwahl «I wonder» und «This is a mans world» scheint passend. Bald erfüllt lauter Sound aus der Jukebox den Kulturfrachter. Im Rheintal unten funkeln die Lichter von Häusern und Autos, Nachtfalter, angezogen vom Schein der Stehlampen, klopfen leise an die Scheiben.

Der Schlaf ist tief und traumlos. Die Morgensonne weckt mich früh, im grossen Haus ist es ruhig. Die Mitgäste schlafen noch. Vor meiner Abreise wartet der Böxli-Zmorge. Dann ist es Zeit zu gehen. Ich studiere die Worte der Kunstinstallation an der Fassade: «Kapitän», «Freund», «Einheimische», «Flüchtling». So mancher Gast des «Alpenhofs» wird sich im einen oder anderen Begriff erkennen.

Hinweis

Die Bibliothek ist jeden Samstag von 13 bis 16 Uhr oder auf Anfrage offen. Weitere Informationen sind zu finden unter www.alpenhofalpenhof.ch