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In Urnäsch wird auch im Schnee öberegfahre

Wenn mitten im Winter eine sennische Alpfahrt durchs Dorf marschiert, staunen die Zuschauer. Doch das «Heufahre» mit den Tieren von einem Stall zum anderen ist eigentlich ein alter Brauch.
Karin Erni
Auf dem Dorfplatz werden die kleinen und grossen Sennen mit ihren Tieren bereits erwartet. Bild: Karin Erni

Auf dem Dorfplatz werden die kleinen und grossen Sennen mit ihren Tieren bereits erwartet. Bild: Karin Erni

Nur eine Woche nach dem alten Silvester haben die Touristen in Urnäsch schon wieder einen Grund, die Kameras zu zücken. Eine sennische Alpfahrt mit Ziegen und Kühen mitten im Winter löst ungläubiges Staunen bei vielen Zuschauern aus.

Doch eigentlich ist der Brauch nicht neu, sondern sehr alt. Bevor es Traktoren und Ladewagen gab, war es üblich, dass die Bauern das Heu in den abgelegenen Ställen aufbewahrten und mit den Tieren jeweils weiterzogen, wenn der Vorrat aufgebraucht war. Martin Rusch aus Urnäsch führt diese Tradition weiter. Seit er den Hof im Jahr 2007 übernommen hat, fährt er jeweils im Winter vom gepachteten Stall in der Schlatt in jenen beim Wohnhaus in Dorfnähe.

So könne er fünfmal pro Jahr «öberefahre», erzählt der Bauer schmunzelnd. Im Frühjahr bringt er seine Tiere nämlich wieder auf die Schlatt, bevor es z’Alp geht. Die ungewöhnliche winterliche Überfahrt hat sich mittlerweile zu einer kleinen Touristenattraktion gemausert. Nicht ganz unschuldig daran sind Ursi und Niklaus Frischknecht vom Restaurant Taube in Urnäsch. Sie laden Rusch und die Sennen jeweils zum Zmittag ein und organisieren für diesen Tag eine musikalische Unterhaltung in ihrer Wirtschaft. Selbstredend, dass bei dieser Gelegenheit das eine oder andere Zäuerli genommen wird.

Kühe sind übermütig im Schnee

Trotz Bilderbuchwetter ist am Samstag die Gaststube der Taube gerammelt voll und die Stimmung sehr gut. Immer wieder werden Gesänge angestimmt und vom Publikum mit begeisterten Bravorufen quittiert. Martin Rusch und seine Sennen Konrad Dietrich, Peter Nef, Willi Oertle und Hansueli Zuberbühler müssen sich losreissen, denn auf sie wartet noch Arbeit.

Im Stall auf der Schlatt werden die Kühe losgebunden und dürfen auf die Wiese, wo ein guter halber Meter Schnee liegt. Übermütig rennen sie herum und einige beginnen sogleich mit Rangkämpfen. Doch dies ist nicht nötig. Bauer Martin Rusch hat nämlich schon bestimmt, wer die drei Schellenkühe sind, die traditionell den Zug anführen dürfen. «Ich achte darauf, dass sie gleichmässig gehen, das ergibt einen schönen Klang.» Doch bevor den Kühen die Schellen umgebunden werden, werden sie von den Sennen rhythmisch geschüttelt und dazu wird natürlich wieder gesungen.

Dann geht es los. Das Geissenmeitli Marlies Oertle und Ruschs mittlerer Sohn Sämi laufen mit den Ziegen voraus. Dann folgt der ältere Sohn Martin, der mit dem Fahreimer auf der Schulter bereits die Aufgabe eines Senns übernimmt. Hinter den Schellenkühen gehen die Sennen, die ein wachsames Auge auf das übrige Vieh haben müssen. Den Schluss macht Martin Rusch im braunen Gewand, begleitet von Bläss Bärli. Die Kühe schlagen ein flottes Tempo an und immer wieder versucht eine auszubüxen. Diese Fluchtversuche enden aber nach kurzer Zeit. Wenn die Klauen auf dem glatten Eis rutschen oder wenn der Körper bis zum Euter im Schnee versinkt, vergeht den Tieren die Abenteuerlust schnell, und sie reihen sich wieder brav in den Zug ein.

Anlass zieht Publikum an

Je näher sie zum Dorf kommen, desto mehr Zuschauer finden sich ein. Beim einen oder anderen Haus wird «useghäbet» und die Sennen können sich kurz mit einem Getränk stärken. Zeit für einen Schwatz bleibt nicht. Es muss schnell gehen, denn die Kühe haben keine Geduld und drängen vorwärts. Eine heikle Stelle ist die Überquerung der Hauptstrasse. Doch die Autofahrer sind geduldig und warten, bis alle Tiere auf der anderen Seite sind. Aus dem Fenster wird den Sennen zugewunken. Auf dem Dorfplatz haben sich einige Touristen eingefunden, die mit der Kamera das ungewöhnliche Geschehen festhalten.

Auf der Unterdorfstrasse ist es wieder ruhiger und die Sennen stimmen ein letztes Zäuerli an. Nun gilt es noch die Brücke zu überqueren und schon ist der heimische Stall in Sichtweite. Die einen Kühe wollen gleich hineinstürmen, doch zuerst müssen die Tiere sortiert werden. In den Stall beim Haus kommen nur die Milchkühe, die anderen wohnen in einem Gaden beim Böhl.

Es wird ein langer Tag

Nicht jedes Tier scheint seinen Platz zu kennen und manche wollen gar nicht mehr in den Stall hinein. So haben die Männer noch einiges zu tun und ihre gelben «Schlotten» haben bald den einen oder anderen grün-braunen Fleck. Als endlich Ruhe eingekehrt ist, werden noch einmal die Schellen «gschöttet», bevor es in die warme Küche geht. Dort hat Ehefrau Monika bereits eine heisse Gerstensuppe auf dem Herd. Bei einem Bierchen wird noch ein bisschen über das Erlebte geplaudert. Doch noch ist für die Männer nicht Feierabend: «Nachher geht die Party in der Taube weiter», verrät Martin Rusch.

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