Interview

«Nur wehrfähige Männer durften abstimmen»

Am Sonntag findet in Appenzell die Landsgemeinde statt, die eine lange und bewegte Geschichte hinter sich hat. Als Innerrhoder Landesarchivar kennt Sandro Frefel diese bestens. Er spricht über den Anfang, die Bräuche und den Stellenwert der urdemokratischen Veranstaltung im Verlauf der Zeit.

Yann Lengacher
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Sandro Frefel ist seit 2012 Innerrhoder Landesarchivar. (Bild: PD)

Sandro Frefel ist seit 2012 Innerrhoder Landesarchivar. (Bild: PD)

Seit wann gibt es die Landsgemeinde in Appenzell?

Sandro Frefel: Seit 1403 findet die Landsgemeinde regelmässig statt. Die erste Durchführung war mutmasslich 1378.

Ist sie damit die älteste bekannte Landsgemeinde?

Andere Landsgemeinden sind älter. Das System wurde aus der Innerschweiz übernommen. In Uri konnten im Jahr 1233 erstmals Landleute über eine Steuererhöhung mitbestimmen.

In welchen Jahren fanden die historisch wichtigsten Innerrhoder Landsgemeinden statt?

In der neueren Zeit war dies die Landsgemeinde 1991, als die Frauen erstmals abstimmen durften. Sehr wichtig war aber auch das Jahr 1872, als man an einer ausserordentlichen Landsgemeinde die bis heute geltende Kantonsverfassung annahm. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, welche Landsgemeinde historisch wichtig ist, daher ist dies eine schwierige Frage.

Noch heute erhalten Männer mit dem Seitengewehr Zugang zum Ring. Woher rührt dieser Brauch?

Ursprünglich durften nur wehrfähige Männer mit einer persönlichen Waffe abstimmen. Wer nicht mehr wehrfähig war, durfte auch nicht an der Landsgemeinde teilnehmen.

Jedes Jahr schwört der Landammann auf das «Landessigill» aus dem Jahr 1518. Was macht das Siegel so bedeutend?

Nachdem das damalige Land Appenzell 1513 zur Eidgenossenschaft beigetreten war, liess es fünf Jahre später ein neues «Landessigill» anfertigen. 1530 schaffte man ein zweites für den Geschäftsalltag an. Mit dem Siegel hat man bis ins 19. Jahrhundert Dokumente beglaubigt.

Warum geniesst die Landsgemeinde in Appenzell bis heute einen so hohen Stellenwert?

Auch mit Frauen und steigender Bevölkerungszahl ist es weiterhin räumlich möglich, eine funktionierende Landsgemeinde durchzuführen. Das bedeutet, die wichtigen politischen Wahlen und Sachgeschäfte des Kantons durchzuführen. Der abstrakte Staat wird so greifbar, Regierende und Regierte begegnen sich. Wie der politische, genoss der gesellschaftliche Part immer einen hohen Stellenwert. Man trifft Verwandte, Bekannte, Freunde. Das ist gerade für die jüngere Bevölkerung nett, bei der die Landsgemeinde sehr beliebt ist.