Nur selten ruft der Glögglifrosch

Jedes Jahr wird von Pro Natura ein Tier des Jahres ausgerufen. In diesem Jahr handelt es sich um die Geburtshelferkröte, auch bekannt als Glögglifrosch. Ein Tier, das auch im Toggenburg vorkommt, dessen Existenz aber zunehmend bedroht ist.

Merken
Drucken
Teilen
Tier des Jahres TT.pdf, page 1 @ Preflight ( Tier des Jahres TT.

Tier des Jahres TT.pdf, page 1 @ Preflight ( Tier des Jahres TT.

Als Schönheit im klassischen Sinne kann man die Geburtshelferkröte wohl nicht bezeichnen. Die 3,5 bis 5 Zentimeter grossen Froschlurche haben kurze Beine, einen breiten Kopf, die Schnauze ist leicht zugespitzt und die gold-braunen Pupillen stehen senkrecht vor. Die Oberseite des Körpers ist grau-braun und mit kleinen Warzen besetzt. Vor allem verbreitet ist diese Amphibienart in Spanien und Frankreich, aber auch in der Schweiz kommt sie nördlich der Alpen vor – auch im Toggenburg. Dieses liegt knapp vor der südöstlichen Verbreitungsgrenze, die im unteren Rheintal verläuft. «Dabei sind die meisten Populationen unterhalb von 700 Metern über Meer zu finden», sagt Jonas Barandun, der am Naturmuseum St. Gallen für die regionale Koordination des Amphibienschutzes zuständig ist.

Nur ganz selten zu sehen

Nur die wenigsten jedoch bekommen überhaupt je eine Geburtshelferkröte zu Gesicht. Denn das Tier des Jahres 2013 ist nachtaktiv und versteckt sich tagsüber in selbst gegrabenen Höhlen, unter Steinen oder in Mauslöchern, wie René Güttinger, Biologe aus Nesslau erläutert. Wer jedoch jemals ein Exemplar dieser Amphibienart entdeckt, wird sie sofort erkennen, vor allem dann, wenn es sich um ein männliches Tier während der Fortpflanzungsphase handelt. Denn diese tragen dann die Laichschnüre wie Perlenketten um die Hinterbeine gewickelt. Anders als alle anderen Froschlurche paart sich die Geburtshelferkröte an Land. Die Männchen kümmern sich anschliessend um die Brutpflege und tragen den Laich mit sich herum, bis die Kaulquappen reif sind zu schlüpfen. Erst dann legt die Geburtshelferkröte den Laich in einem Gewässer ab. Von dieser speziellen Rolle der Männchen bei der Brutpflege stammt denn auch der Name Geburtshelferkröte.

Der Glögglifrosch ruft

Im Toggenburg ist die Geburtshelferkröte jedoch eher unter einer anderen Bezeichnung bekannt, und zwar als Glögglifrosch. Diese rührt daher, dass in der Paarungszeit die Männchen mit einem ganz speziellen Ruf locken. Sobald in lauen Nächten die Dämmerung einsetzt, rufen sie nach ihren Artgenossinnen. «Wenn mehrere Männchen gleichzeitig rufen, erinnert der Klang ihres Rufens an denjenigen von Kuhglocken», beschreibt Jonas Barandun.

Aber auch diesen Klang vernimmt man nur noch höchst selten, denn es gibt nicht mehr viele Glögglifrösche in der Schweiz. «Der Bestand an Geburtshelferkröten ist in den vergangenen 25 Jahren massiv zurückgegangen», sagt Jonas Barandun. In den ganzen Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden habe man in den 1990er-Jahren einen starken Rückgang bei den Geburtshelferkröten-Populationen festgestellt. Von einst 118 registrierten Vorkommen sind bis Ende des letzten Jahrhunderts mindestens 68 erloschen. Einen wesentlichen Anteil am starken Rückgang hat laut Jonas Barandun das Verschwinden des geeigneten Lebensraums des Glögglifrosches. Dieser braucht zum einen gut besonnte Böschungen mit lockerem Boden oder Steinen, so dass er sich tagsüber verkriechen kann. Gleichzeitig muss sich in der Nähe ein geeignetes Gewässer befinden, in dem der Glögglifrosch seinen Laich ablegen kann. Genau diese Bedingungen sind aber heute nicht mehr so leicht zu finden. «Die Ufer vieler Fliessgewässer, wie beispielsweise der Thur, wurden zum Schutz vor Erosion verbaut», sagt Jonas Barandun. Auch Feuchtgebiete wurden trockengelegt und Steinhaufen in der Landschaft wurden weggeräumt. «Lange Zeit konnten die Geburtshelferkröten auf Ersatzlebensräume wie Feuerwehrweiher oder Kiesgruben ausweichen», sagt der Amphibienexperte. Inzwischen jedoch wurden einige Kiesgruben aufgegeben und auch die Feuerwehrweiher werden nicht mehr benötigt. «Nachdem man diese nicht mehr brauchte, wurden sie zugeschüttet oder mit Fischen oder Enten bestückt, was dem Glögglifrosch auch nicht entgegenkommt», sagt Jonas Barandun. Dies hat vor allem im Appenzeller Vorderland in den 1980er-Jahren zu einem starken Rückgang geführt. «Im Toggenburg sind diese Weiher schon früher verschwunden und mit ihnen wohl auch viele Glögglifrösche», sagt er. Wie viele Populationen es im Toggenburg gab, kann er nicht mit Sicherheit sagen, da die Weiher dort bereits vor Beginn der Kartierung der Vorkommen der Geburtshelferkröten aufgegeben wurden. Er ist aber überzeugt, dass auch im Toggenburg einst mehr Glögglifrösche zu finden waren.

Massnahmen sind nötig

Heute sind laut Jonas Barandun zwischen Ebnat-Kappel und Mosnang noch rund zehn kleinere Glögglifrosch-Vorkommen bekannt. Besonders im Raum Lichtensteig habe der Bestand wieder zugenommen, weil dort einige Privatgärten gute Lebensräume bieten. Solche Lebensräume für die Geburtshelferkröte zu schaffen, respektive vorhandene zu erhalten, ist wichtig für deren längerfristiges Überleben. Aus diesem Grund hat Pro Natura St. Gallen-Appenzell bereits Ende der 1990er-Jahren diverse Projekte lanciert, die darauf abzielen, dem Glögglifrosch passende Umgebungen zu schaffen.

Auch die lokalen Naturschutzvereine im Toggenburg haben laut Jonas Barandun einige Massnahmen zugunsten des Glögglifrosches gestartet. Und wie das Beispiel Lichtensteig zeigt, können auch Private der Geburtshelferkröte behilflich sein. «Sollte jemand das Glück haben, in seiner Umgebung den Ruf des Glögglifrosches zu hören, so helfen wir gerne dabei, geeignete Massnahmen zu ergreifen, damit dieser Ruf dort nicht auch verklingt», sagt Jonas Barandun.

Barbara Anderegg