Nur einmal im Leben diese Chance

ALT ST.JOHANN/NESSLAU. Vor zwei Wochen ist der Nesslauer Michael Bösch mit einem Diplom von den WorldSkills aus Brasilien zurückgekehrt. Die Medaillenränge hat er zwar verpasst. Mit seiner Leistung in São Paulo ist der Sanitär-Heizungsinstallateur aber zufrieden.

Beatrice Bollhalder
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Arthur Tobler (rechts) beglückwünscht seinen ehemaligen Lernenden Michael Bösch zu dessen toller Leistung an den WorldSkills. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Arthur Tobler (rechts) beglückwünscht seinen ehemaligen Lernenden Michael Bösch zu dessen toller Leistung an den WorldSkills. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Wer bei Berufsweltmeisterschaften nicht vor Ort ist, kann sich wohl kaum vorstellen, wie gross der Druck ist, der auf den Kandidaten lastet. Alle zwei Jahre treffen sich die besten Berufsleute aus 46 Berufen und 60 Nationen irgendwo auf der Welt, um die jeweiligen Weltmeister zu küren. In diesem Jahr war Brasilien der Austragungsort, an dem sich 40 junge Berufsleute aus der Schweiz dem Wettkampf stellten. 13 Medaillen waren die Ausbeute. Auch der Sanitär-Heizungsinstallateur Michael Bösch hätte sich eine solche gewünscht. «Klar war ich erst enttäuscht, als ich hörte, dass die Medaillen an andere gingen», erklärt er, «aber ich habe mein Bestes gegeben. Ich bin mit meiner Leistung zufrieden.»

Einsatz bis zur letzten Minute

Michael Bösch hat sich in verschiedenen Trainings, unter anderem auch mental, auf die WorldSkills vorbereitet. Die zu lösende Aufgabe wurde den Kandidaten frühzeitig bekannt- gegeben. Allerdings hiess es, die endgültige Prüfungsarbeit könne noch abweichen. War sie komplizierter, als er gedacht hatte? «Nein, leider nicht. Ich wäre froh gewesen, wenn etwas Komplexeres verlangt worden wäre. Meine Stärke ist nämlich, dass ich mich schnell an eine neue Situation anpassen kann», blickt er zurück. Bei vielen Prüfungen ist die Arbeitsgeschwindigkeit nebst Qualität und Präzision wichtig. Hatte Michael Bösch genügend Zeit? «Ich war während der vier Tage immer am Arbeiten. Für mich hat es gepasst. Ich habe (beim Vorbeigehen) gesehen, dass meine Mitbewerber mit ihrer Arbeit immer etwa gleich weit waren. Das war beruhigend», meint Bösch. Die Tatsache, dass die Zuschauer – und das waren gemäss Böschs Lehrmeister, Arthur Tobler, jeden Tag Tausende – sich unmittelbar hinter den Kandidaten aufhielten, verlangte eine hohe Konzentration. Damit hatte Michael Bösch aber offensichtlich keine Probleme. Einmal hätten ihm seine Eltern und sein Chef während längerer Zeit beobachtet, er hätte es aber erst mittags bemerkt, erzählt er.

Knapp an den Medaillen vorbei

Als die Wettkampfzeit zu Ende war, wussten weder die Kandidaten noch die mitgereisten Fans, ob es für eine Medaille reichen würde. «Im Gegensatz zu einer Olympiade, bei der ein Sportler bereits beim Überqueren der Ziellinie weiss, ob er es geschafft hat, waren hier Nerven gefragt», begründet Arthur Tobler die Anspannung bis zur Schlusszeremonie. Arthur Tobler und Hermann Bösch (Vater von Michael) haben die Arbeiten etwas genauer unter die Lupe genommen. «Wir sind schliesslich davon ausgegangen, dass etwa acht bis zehn Kandidaten in dieser Sparte Medaillenchancen haben», hält Tobler fest. Michael selber war überzeugt, dass er eine gute Arbeit abgeliefert hatte. Die Masse stimmten und die Anlage war dicht. Mit Zuversicht wurde also auf den entscheidenden Moment gewartet.

Wie bereits die Eröffnungsfeier, an der Michael Bösch ein Kribbeln spürte, als er mit der Schweizer Delegation ins Stadion einzog, war auch die Schlusszeremonie ein unglaubliches Ereignis. Sparte um Sparte wurde ausgezeichnet. «Da fiebert man dann mit den anderen Schweizer Kandidaten mit. Schliesslich ist man inzwischen zu einem tollen Team geworden», erinnert sich Michael Bösch an die emotionalen Momente. Etwas enttäuschend sei es schon gewesen, als die Schweiz bei der Berufssparte «Sanitär und Heizungsinstallation» nicht als Medaillennation aufgerufen worden ist. «Es hat so wenig gefehlt. Zwei Bleistiftstriche mehr hätten eine Medaille bedeutet», bedauert Michael Bösch. «Michael hat sein Bestes gegeben. Es war eine sackstarke Leistung. Für uns war es perfekt», lobt Arthur Tobler seinen ehemaligen Lernenden. Er hält fest, dass sich einem jungen Berufsmann nur ein einziges Mal im Leben diese Chance biete. «Fährt einer Ski, kann er während ein paar Saisons immer wieder versuchen, in die Medaillenränge zu fahren.» Tobler findet deshalb, der Stellenwert einer solchen beruflichen Leistung dürfte von der Gesellschaft höher bewertet und besser honoriert werden.

Motiviertes Mitarbeiterteam

Arthur Tobler freut sich, wie motiviert seine Mitarbeiter sind – schon einmal konnte jemand aus seinem Betrieb an den Berufsweltmeisterschaften teilnehmen. An Schweizer Meisterschaften sind die Obertoggenburger häufige Teilnehmer. Auch Martin Looser, der eben seine Lehre abgeschlossen hat, konnte sich dafür qualifizieren. Ein grosser Wettkampf wirke sich immer positiv auf den Rest des Teams aus, stellt Tobler fest. Die Mitarbeiter hätten es sich auch nicht nehmen lassen, ihren Michael in Zürich zu empfangen und ins Fernsehstudio zu begleiten. Auch Kilian Looser, Gemeindepräsident der Heimatgemeinde Nesslau, war beim lautstarken Empfang in Zürich zugegen und beglückwünschte den jungen Berufsmann zu seiner tollen Leistung.

Dirigentenstab statt Lötkolben

Michael Bösch will vorerst etwas Berufserfahrung sammeln. Eine Weiterbildung zum Chefmonteur, die Meisterprüfung und die Übernahme des elterlichen Sanitärgeschäftes in Nesslau sind Fernziele des jungen, musikbegeisterten Mannes. «Jetzt nehme ich den Dirigentenkurs in Angriff. Sonst wird es mir langweilig», lacht Bösch.