Nummer 247 in einer Weltsportart

Die ambitionierte Tischtennisspielerin Rahel Aschwanden aus Bütschwil trainiert weiter in Wien professionell und strebt langfristig gesehen für sich eine Top-100-Klassierung auf der Weltrangliste an.

Urs Huwyler
Drucken
Teilen
Tischtennis bestimmt Rahel Aschwandens Leben. (Bild: Urs Huwyler)

Tischtennis bestimmt Rahel Aschwandens Leben. (Bild: Urs Huwyler)

TISCHTENNIS. Das wäre ein Frage für «Wer wird Millionär»: Welcher internationale Verband zählt am meisten nationale Mitglieder? A) Basketball, B) Tischtennis, C) Fussball, D) Ski. Würde bei Moderator Günther Jauch um 500 Euro gespielt, läge die Antwort auf der Hand. Ginge es um 500 000 Euro, fiele Fussball mit 204 Nationen als zu einfache Lösung wie die – weltweit gesehen – Randsportart Ski, 123, aus der Entscheidung. Richtig wäre nicht Basketball mit 213, sondern Tischtennis mit 218. In noch mehr Ländern wird einzig Volleyball, 222, gespielt.

Wird die Bedeutung der Sportart mit den Leistungen in Relation gesetzt, werden die Resultate von Tischtennisspielerin Rahel Aschwanden aus Bütschwil mehrfach aufgewertet. Als Nummer 247 der Weltrangliste müsste sie national bekannter sein als andere Sportlerinnen. Nach vier Niederlagen und zwei Siegen würde sie an Olympischen Spielen nicht – wie die Eishockey-Frauen – Bronze gewinnen, sondern müsste vorzeitig abreisen. Am Finland Open wurde für die Toggenburgerin mit der umgekehrten Bilanz (4 Siege/2 Niederlagen) Rang 49.

Clubwechsel für die Athletin?

Doch die A-Kader-Athletin geht aus Freude ihren Weg weiter. Zwar könnte sie sich im normalen Berufsleben als Absolventin der Kantonsschule Wil in jeder Beziehung mehr leisten, aber Tischtennis bestimmt ihr Leben. Sie wird ein weiteres Jahr an der Werner-Schlager-Academy in Wien-Schwechat trainieren, daneben das Psychologie-Fernstudium an der Uni Bern fortsetzen, die Meisterschaft mangels Alternativen in der Schweiz im Ausland bestreiten und sich für internationale Turniere zu qualifizieren versuchen. Ob sie auch nächste Saison bei Weil am Rhein (D) am Tisch stehen wird, scheint fraglich. Sollte der Club aus Kosten- und Infrastrukturgründen nicht in die 2. Bundesliga aufsteigen wollen, bliebe der internen Nummer eins wohl nichts anderes übrig, als einen Transfer nach Frankreich oder innerhalb Deutschlands einzuleiten. «Obwohl Weil am Rhein geographisch für mich ideal liegt.

Vor den Spielen kann ich zu Hause vorbeischauen und am Wettkampftag anreisen. Für mich steht jedoch die sportliche Entwicklung im Zentrum», weiss Rahel Aschwanden um die Vor- und Nachteile eines Wechsels.

Öfter verlieren

Vor rund drei Jahren zog sie aus, um in Deutschland auf der vierthöchsten Stufe von den Spitzenspielerinnen gefordert zu werden. Inzwischen möchte sich die Konkurrenz in der 3. Bundesliga mit der 22jährigen Legionärin messen. «Es kommt durchaus zu spannenden Partien auf hohem Niveau, doch ich würde lieber mehr gegen besser klassierte Spielerinnen antreten und allenfalls öfter verlieren.

Dies brächte mich weiter», ist die fünffache Elite-Schweizer-Meisterin überzeugt. Andererseits wird der Markt mit Asiatinnen überschwemmt. Auch die Europameisterschaften werden von gebürtigen Chinesinnen oder Japanerinnen dominiert. An den Turnieren tauchen Spielerinnen ohne Ranking auf, werden in der Gruppe als Nummer vier gesetzt, sind jedoch stärker als der Rest. «Dadurch», so Rahel Aschwanden, «kann das Bild verfälscht werden, gehen möglicherweise Punkte verloren. Ändern lässt sich das System wohl nicht.» Im Gegensatz zu anderen Sportarten müssen Schweizer Tischtennisspielerinnen wegen der weltweiten Konkurrenz längerfristig planen, und nicht die nächsten Olympischen Spiele sind das Fernziel.

Olympische Spiele 2024

«Realistisch gesehen könnte es 2020 oder 2024 klappen», macht sich die talentierte, ehrgeizige und nicht zuletzt selbstkritische Internationale nichts vor. «Es braucht vor allem Geduld, viel Geduld, um sich im Ranking in kleinen Schritten nach vorne zu arbeiten und die Fortschritte zu erkennen.» Die Top 200 wären Ende Jahr ein grosser Erfolg. Quervergleiche mit Tennis lassen sich kaum ziehen.

Mit dem Filzball ist die internationale Konkurrenz wesentlich kleiner. «Weil Tischtennis kostengünstig ist, kaum Material und Infrastruktur braucht, wird es überall betrieben», erklärt jene Toggenburgerin, die in der zweitverbreitetsten Sportart der Welt zur erweiterten Elite gehört. Wenn das kein Ausweis ist.

«In der Öffentlichkeit zählen unabhängig der Beteiligung nur Medaillen an Titelkämpfen», fügt sie weder resignierend noch enttäuscht, sondern mit dem Hinweis, sie habe sich für diesen Sport entschieden und dies noch nie bereut, an.

Im April findet die WM in China statt, im Juli folgt als weiterer Höhepunkt die Universiade in Südkorea. Viele Leute vermögen ihrer Ansicht nach kaum einzuschätzen, was es bedeutet, für die Weltmeisterschaften selektioniert zu werden. «Sie kennen Tischtennis, weil sie in der Badi oder irgendwo einmal gespielt haben, aber nicht als Leistungssport», hat Rahel Aschwanden festgestellt. Seit dem 2. Januar steht sie täglich acht Stunden bei einem Trainingslager mit dem Nationalteam in der Halle, ab dem 5. Januar wieder in Wien.

«Ein Dorf spielt Tischtennis»

Die SG 08 Oberbiel (D) stellte 2008 unter dem Motto «Ein Dorf spielt Tischtennis» einen neuen Weltrekord für die längste, ununterbrochene Tischtennis-Breitensportveranstaltung auf. 200 Stunden wurde an zwei Tischen gespielt. Das Dorf und die Tischtennisabteilung wurden auf einen Schlag bekannt. Würde eine solche Veranstaltung in Bütschwil oder im Toggenburg organisiert, der letzte Ballwechsel durch den Gemeindepräsidenten und Rahel Aschwanden gespielt, wäre die Frage «Wo liegt Bütschwil?» ebenso beantwortet wie «Wer ist Rahel Aschwanden?». In einem Show-Wettkampf könnte demonstriert werden, dass dem Rückschläger bei einem Smash (180 km/h) eine bis drei Zehntelsekunden Reaktionszeit bleiben.

Der Weltrekord für den längsten Ballwechsel steht bei 8 Stunden 34 Minuten. Die beiden Japaner spielten sicherheitshalber in Windeln. Rahel Aschwanden mag diesen Rekord nicht brechen, wäre aber bei «Ein Dorf spielt Tischtennis» begeistert dabei.

Europäische Sportart

Tischtennis wurde zu Beginn vor allem in Österreich, England, Deutschland und Ungarn gespielt. Zu den Gründermitgliedern des 1926 in Berlin gegründeten internationalen Verbandes gehören auch Schweden, Tschechien und Wales. China (1952) und Japan (1965) stiessen erst später dazu.