Nüchtern fahren

Fastenkolumne

Karin Erni
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Ein Auto sollte man möglichst in nüchternem Zustand lenken, das versteht sich eigentlich von selbst. Dass diese Regel auch für das frühmorgendliche Velofahren gilt, ist mir erst seit kurzem bekannt. Wobei mit «nüchtern» in diesem Falle nicht «ohne Alkohol», sondern «ohne Frühstück» gemeint ist.

Seit ich beschlossen habe, ein paar Kilo abzuspecken und darum gelobt habe, bis Ostern auf Zucker zu verzichten, gehört das Studium von Fitnessmagazinen, Fasten-Erfahrungsberichten und Diätratgebern zu meinem täglichen Brot. So las ich kürzlich in einem Heftli, dass wer abnehmen will, am besten vor dem Frühstück trainieren solle. Die wissenschaftliche Erklärung dazu tönt plausibel: Im nüchternen Zustand stehe dem Körper nur wenig Glykogen als Energieträger zur Verfügung und der Blutzuckerspiegel sei niedrig. Der Körper greife dann vermehrt auf freie Fettsäuren zurück – und jetzt kommt das Wichtigste für mich Abnehmwillige: Die Fettverbrennung laufe auf Hochtouren. Mir leuchtet auch das Argument der Verfechter der Steinzeitdiät ein. Sie erklären, dass unsere Vor­fahren zuerst eine Weile rennen mussten, bevor sie das Mammut erlegen und anschliessend verspeisen konnten. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – dafür ist unser Köper, der sich seit der Steinzeit nur unwesentlich verändert hat, geschaffen.

Nun, trainieren tu’ ich ja nicht allzu viel, aber seit neustem fahre ich immerhin mit dem Velo zur Arbeit, sofern Wetter und Termine es zulassen. Der Arbeitsweg ist zwar relativ kurz, aber ziemlich steil. Ich bin gespannt, ob ich die Steigung auch ohne Treibstoff im Bauch gut meistere. Und siehe da: Die Stelle, wo ich sonst meist ausser Atem vom Sattel steige, um etwas zu verschnaufen, zieht an mir vorbei, und bald ist der Stutz überwunden. Ich wundere mich über meinen Effort und schreibe ihn dem Umstand zu, dass der Magen von seiner Verdauungsarbeit entlastet ist und alles Blut in meinen Oberschenkelmuskeln zirkulieren kann. Nun geht es ebenaus, und ich kann mich an der Schönheit der Landschaft und an der frischen Morgenluft erfreuen. Was man nicht alles verpasst, wenn man am Morgen ins Auto steigt und sich mit tausend anderen im Stau Richtung Arbeitsplatz quält. Der Geist ist hellwach. Das Zwitschern der Vögel vernehme ich in noch nie gehörter Klangintensität. Ich erfreue mich an ersten Frühlingsboten wie Weidenkätzchen und Schlüsselblümchen am Wegrand. Und auch der Bärlauch spriesst schon – den werde ich auf dem Heimweg pflücken und dar­aus ein frühlingshaftes Gericht zaubern!

Karin Erni