Nuancenreicher Klavierpoet

Der Weltklasse-Pianist Eldar Nebolsin brillierte in der Appenzeller Ziegelhütte mit faszinierenden Interpretationen von Fantasien der Meisterkomponisten Messiaen, Brahms, Beethoven und Schumann.

Ferdinand Ortner
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Der aus Usbekistan stammende Pianist Eldar Nebolsin wusste mit seinem virtuosen Spiel zu begeistern. (Bild: Ferdinand Ortner)

Der aus Usbekistan stammende Pianist Eldar Nebolsin wusste mit seinem virtuosen Spiel zu begeistern. (Bild: Ferdinand Ortner)

Ferdinand Ortner

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Ein begeistertes Publikum erlebte beim Klavier-Rezital der «Konzerte 2017» in der Kunsthalle Ziegelhütte durch den usbekischen Pianisten Eldar Nebolsin ein Feuerwerk an Virtuosität und Emotionalität. Er ist der erste Gewinner des prestigeträchtigen Sviatoslav-Richter-Klavierwettbewerbs in Moskau. Es war ein Hochgenuss, den Ausnahmekönner live zu hören. Der sympathisch auftretende Künstler, der das äusserst anspruchsvolle Programm souverän auswendig spielte, imponierte sowohl als Virtuose mit exzellenter Spieltechnik und Klangkultur wie auch als subtil gestaltender Klavierpoet. Grossartig sein nuancenreicher Anschlag sowie die Authentizität und die Strahlkraft seiner Interpretationen. Nebolsin nutzte bei den Fantasien, die in der Form freier gestaltet sind als Sonaten, den Raum für den emotionalen Ausdruck der musikalischen Einfälle mit Feingefühl. Die optimal zur Wirkung gebrachten Klavierkompositionen boten dem Publikum auch interessante Vergleichsmöglichkeiten der künstlerischen Ausdrucksmittel und -formen der vier Meisterkomponisten.

Olivier Messiaen – Johannes Brahms

Das Konzert begann mit der expressiven «Fantasie Burlesque» von Olivier Messiaen (1908–1992), einem Werk mit clownesken Motiven, farbigem Melos und eigenständiger Rhythmik. Der Solist meisterte den extremen Wechsel der Lagen, die Akkordkaskaden und rasanten Läufe exzellent und liess den Farbenreichtum des kunstvollen Kompositionsstils aufleuchten. Tiefe Musikerlebnisse vermittelte der Künstler mit dem beeindruckenden Vortrag der sieben späten Fantasien op. 116 von Johannes Brahms (1833–1897) – Kompositionen mit Poesie und Innigkeit, aber auch voll Leidenschaft.

Die drei «Capricci» und die vier elegischen «Intermezzi» – alle verbunden im Variationsprinzip – umspannten ein reiches, kontrastierendes Ausdrucksspektrum von verinnerlichten Träumereien, choralartiger Melodik und sanfter Melancholie bis hin zu Ausbrüchen dunkler Leidenschaft und erregter Bitterkeit. Herausragend die leidenschaftlichen «Capricci» zu Beginn und im Finale, tief berührend die verträumten liedhaften «Intermezzi» Nr. 4 und Nr. 5.

Ludwig van Beethoven – Robert Schumann

Einblick in Beethovens Improvisationskunst und klassische Klangwelten erhielt man bei seiner einzigen freien Fantasie op. 77. Rasche tonartliche Wechsel, Passagen und Arpeggien verstärkten die Eindrücke des Suchens, bis ein liedhaft schlichtes Thema gefunden war, das die Grundlage für den immer differenzierteren potpourriartigen Variationensatz bildete. Man konnte nachvollziehen, wie ideenreich Beethoven improvisierte, wenn er sich in geselliger Runde ans Klavier setzte.

Die Krönung des Abends in der Kunsthalle Ziegelhütte brachte die begeisternd gespielte dreisätzige «Fantasie in C-Dur», op. 17, von Robert Schumann – eine einzigartige, monumentale Klavierdichtung des deutschen Romantikers in einer Zeit grosser Verzweiflung. Eldar Nebolsin stellte seine geniale Virtuosität und Ausdruckskraft ganz in den Dienst des vor Empfindungen, Leidenschaft und Rasanz überquellenden Seelenporträts des Komponisten, der besonders im Kopfsatz zu leidenschaftlichem Pathos ausholte. Auf den grandiosen Marsch im rhythmusgeprägten 2. Satz folgte als Finale ein lyrisch-inniges Klanggebilde, das nach kraftvollen Steigerungen ruhevoll-versöhnlich ausklang. Unter stürmischem Beifall liess der Künstler den Abend mit der Zugabe von Schumanns «Fantasiestücken» Nr. 1 und 2 stimmungsvoll enden.