Nora Tschirner

Als ich neulich bei meinen Eltern war, lag in meinem Briefkasten ein Umschlag von Olli. «Vielleicht was für Dich?», hatte er darauf geschrieben. Es war ein Abschnitt aus einem Interview mit der wunderbaren Nora Tschirner. «Es gehört aber auch zu Ihrem Beruf, ein Stück von sich zu verkaufen.»

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Als ich neulich bei meinen Eltern war, lag in meinem Briefkasten ein Umschlag von Olli. «Vielleicht was für Dich?», hatte er darauf geschrieben. Es war ein Abschnitt aus einem Interview mit der wunderbaren Nora Tschirner.

«Es gehört aber auch zu Ihrem Beruf, ein Stück von sich zu verkaufen.»

Nora: «Nein. Es geht wirklich ohne Selbstveräusserung. Man muss nicht alles wie Boris Becker machen. Man kann seine Ruhe haben – wenn man sie denn will. Selbst Brad Pitt und Angelina Jolie schaffen es, in Berlin unbelästigt einkaufen zu gehen.»

«Warum drängt es viele ihrer Kollegen in die Klatschspalten?»

«Das grosse Missverständnis ist zu glauben, man wäre persönlich gemeint. Sobald die öffentliche Aufmerksamkeit sinkt, fühlt man sich weniger wertvoll. Stellen Sie sich vor, Sie sind Maler und verlieren beide Hände. Dann möchten Sie auch nicht von Menschen umgeben sein, die sagen: <Also ehrlich, irgendwie mochten wir dich lieber, als du noch malen konntest.> Ich schätze meine Freunde in erster Linie nicht für das, was sie können, sondern weil sie phantastische Menschen sind – und hoffe, dass es umgekehrt genauso ist. Mein Laber- und Performancetalent hilft mir im Beruf, aber es ist nichts, was mich in einer zwischenmenschlichen Beziehung über Wasser halten kann. Früher habe ich mein Umfeld oft geblendet, und hinterher mochte ich die Geblendeten manchmal genau deshalb nicht mehr leiden, weil sie auf den Schein reingefallen sind. Wenn ich merke, dass Menschen so authentisch sind, dass sie von mir unbeeindruckt bleiben, werden sie mir sofort sympathisch. Auch gut: Wenn ich merke, dass mein Gegenüber erst mal nichts von mir erwartet und ich mich entspannen kann.»

«Woher kam der Drang zu blenden?»

«Ich weiss es nicht. Weil's Spass macht? Und als sozialer Mensch empfinde ich manchmal ein Unterhaltungsvakuum. Es ist vor allem ein Frauending, dass man die Verantwortung übernimmt, dass sich eine Gruppe Menschen wohl fühlt. Und dann vertraut man nicht auf den natürlichen Lauf der Dinge, sondern schmeisst sich selber rein. Dabei würde auch nichts passieren, wenn mal nichts passiert.»

Lars Syring

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