Nohblaken, Nöggel, Kratz und Mempfel

Die Kontroverse um die Neuadressierung in der Gemeinde Bühler beschäftigt mich, obwohl ich im Hinterland wohne.

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Die Kontroverse um die Neuadressierung in der Gemeinde Bühler beschäftigt mich, obwohl ich im Hinterland wohne. Die Sache ist mir deshalb nicht gleichgültig, weil ich das Appenzellerland gern habe und nicht verstehen kann, dass man ohne Not lieb gewordene Traditionen gering achtet, wegwirft oder durch Belangloses und Beliebiges ersetzt.

Die Namen von Einzelgehöften, Weilern und Dorfquartieren sind ein Abbild der Appenzeller Geschichte und zeugen von den Anfängen der Besiedlung, von Bodennutzung,

von Besitzverhältnissen, Geländeformen und Familiengeschichten, die oft schon fast vergessen sind. Wer sich die Mühe nimmt, nachzuforschen, welche Geschichten hinter den altertümlichen Namen stecken, findet so einen oft überraschenden Zugang zu den Besonderheiten seines Wohnorts. Solche Erkenntnisse sind es doch, die dazu beitragen, dass man sich an genau diesem Ort heimisch fühlt, weil man sich auskennt und den Ort als einzigartig wahrnimmt.

Wenn von Nöggel, Kratz, Mempfel, Nohblaken, Chellen und Roggenhalm die Rede ist, dann wissen doch die Einheimischen und jene, die sich im Mittelland auskennen, dass Bühler gemeint ist und nichts anderes.

Im Moment ist eine Gruppe von Wissenschaftern daran, im Auftrag des Kantons eben solche Flurnamen aufzustöbern, zu dokumentieren, zu deuten und in einer Publikation festzuhalten.

Die Arbeit wird dadurch erleichtert, dass der Herisauer Professor Stefan Sonderegger mit seiner riesigen Kartei und seiner 1958 erschienenen, aber längst vergriffenen Arbeit zu diesem Thema, die Grundlage liefert. Eine Historikerin hat die Appenzeller Archive besucht, die bestehenden Daten nachgeprüft und erweitert. Für diese Arbeit werden beträchtliche Finanzen aufgewendet.

Und genau in diesem Moment gedenkt der Gemeinderat Bühler auf die einzigartigen Flurnamen in der Adressbereinigung zu verzichten mit dem Hinweis, dass jeder selber noch zusätzlich zur offiziellen Strassenbezeichnung den angestammten Flurnamen in die Adresse aufnehmen kann, wenn er ums Verworgen will. Offenbar sind sich die Behörden nicht bewusst, dass Bezeichnungen, die nicht mehr gebraucht werden, ganz allmählich vergessen werden. Das passt zur geschilderten Forschungsarbeit wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Es ist unbestritten, dass Ortsbezeichnungen eindeutig sein sollen, damit auch ein Ortsfremder eine Adresse findet. Das lässt sich durchaus auch mit den Flurnamen erreichen, wenn man eine kluge Numerierung verwendet. Dass das möglich ist, haben Riemenstalden und Morschach in der Innerschweiz bewiesen. Dort haben sich die Einheimischen vehement gegen den Ersatz der Flurnamen durch Strassennamen gewehrt. Und siehe da: Es geht auch so.

Es steht mir nicht zu, irgend- etwas zu fordern. Ich möchte aber den Gemeinderat Bühler bitten, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Ein Entscheid dieser Art ist nicht in Stein gemeisselt, wenn man nachträglich feststellt, dass er etwas vorschnell gefasst worden ist. Es ist auch für Behörden erlaubt, sich von guten Argumenten überzeugen zu lassen und auf einen Beschluss zurückzukommen, vor allem, wenn so viele schon lange im Dorf ansässige Bürger sich dafür einsetzen.

In Ausserrhoden hat man schon oft alte Traditionen über Bord geworfen und hinterher herausgefunden, dass es eigentlich nicht nötig gewesen wäre. So sind die Standeskommission, der Statthalter, der Seckelmeister und der Landesfähnrich vor nicht viel mehr als 100 Jahren verschwunden, und aus dem Gemeindehauptmann ist nach der letzten Verfassungsrevision ein Allerwelts-Gemeindepräsident oder eine -präsidentin geworden.

Was einmal abgeschafft ist, wird es wohl bleiben, denn der Bruch in der Tradition kann kaum mehr geflickt werden. Vermutlich werden das auch jene erfahren müssen, die die Landsgemeinde wieder einführen möchten.

Hans Hürlemann Gerenstrasse 5, 9107 Urnäsch

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