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Zeitungsjubiläums-Serie: Noch ziehen wir den Stecker nicht

Darüber, wie Journalisten vor 190 Jahren ihre Arbeitstage bewältigten, ist uns leider nichts bekannt. Vergleiche lassen sich jedoch anstellen zwischen dem Alltag von heute und vor 20 Jahren. Vieles ist anders, das Schreiben aber bleibt.
Monika Egli
Multimediales Handwerk der Journalistin: Karin Erni erstellt mit dem Handy samt Mikrofon einen Film für online, schiesst mit der Kamera Fotos für die Zeitung und hält auf dem Block Denkwürdiges für den Artikel fest. (Bild: EG)

Multimediales Handwerk der Journalistin: Karin Erni erstellt mit dem Handy samt Mikrofon einen Film für online, schiesst mit der Kamera Fotos für die Zeitung und hält auf dem Block Denkwürdiges für den Artikel fest. (Bild: EG)

Karin Erni, auch bekannt als «ker», verkörpert für mich die Redaktorin einer Lokalzeitung von heute: Sie ist viel unterwegs, in allen möglichen – und manchmal auch unmöglichen – Angelegenheiten. Dabei umfasst ihr Wirkungsfeld 20 Ausserrhoder Gemeinden und sechs Innerrhoder Bezirke, also das ganze Appenzellerland. So etwas wie Ressorts gibt es schon lange nicht mehr, Rücksicht kann höchstens genommen werden, wenn es um Fachberichte beispielsweise von Sportanlässen geht.

Denn zwei oder drei Experimente, Unwissende an einen Eishockey- oder Fussballmatch zu delegieren, endeten allesamt in Katastrophen. Das heisst aber nicht, dass «ker» nie an einem sportlichen Ereignis anzutreffen wäre. Je grösser, desto eher braucht es einen sogenannten Bratwurstbericht, was bedeutet, dass auch das Drumherum Erwähnung finden, «Stimmen» eingefangen und Helfer hinter den Kulissen ins Zentrum gerückt werden sollen.

Nicht mehr an jeder "Hundsverlochete" anzutreffen

Karin Ernis Termine haben sich im Vergleich zu früher aber sehr verändert. Es wird bei weitem nicht mehr jedem Agenda-Eintrag (in Journalistenkreisen despektierlich «Hundsverlochete» genannt) hinterhergerannt – Tendenz weiter abnehmend. Das verdriesst zwar zuweilen die Akteure. Unterdessen hat aber jede Gemeinde ein eigenes Dorfblatt und bietet damit eine Plattform für kleinere, lokale Geschichten. In der Tageszeitung gefragt sind heutzutage vielmehr Hintergrundberichte, Reportagen, Überraschendes und Unterhaltendes.

Vor 20 Jahren waren die Journalisten ebenfalls viel unterwegs, sie betreuten aber ein klar zugewiesenes geografisches Gebiet. Für mich war dies das Appenzeller Vorderland mit seinen acht Gemeinden. Zuweilen fand ich es ein wenig unausgeglichen, der Mittelländer hatte lediglich fünf, der Hinterländer sechs Gemeinden, der Innerrhoder sechs Bezirke und der Herisauer direkt vor der Redaktionstür den Hauptort zu «beackern».

Er half auch immer wieder dem Hinterländer aus, während niemand Lust hatte, mir ins Vorderland zu folgen. Genau wie heute galt es aber, sämtliche Themen anzupacken, sie richteten sich jedoch zu 90 Prozent nach der Agenda. Tagsüber eine Ladeneröffnung, die Inbetriebnahme einer Photovoltaikanlage, Viehschauen, die Sonderwoche in der Schule, die Sanierung des Reservoirs, neue Wirte… Abends dann die Unterhaltungsanlässe der Dorfmusik, des Turnvereins, des Jodelchors, Vernissagen und politische Versammlungen, auch wenn – was tatsächlich vorkam – nebst dem Gemeinderat nur zwei weitere Personen anwesend waren: ein Dorfbewohner und die Journalistin.

Von der Filmrolle zum Film

Fotografieren mussten die Lokalredaktoren schon vor 20 Jahren selber, sie tun es heute noch. Damals entwickelte der legendäre Willi Windler in seinem Fotogeschäft am Migros-Kreisel unsere Filmrollen, auch am Sonntag. So kam es vor, dass an typischen Fasnachts-Wochenenden schliesslich bis zu 20 Filmstreifen zurückkamen und niemand mehr die mehreren hundert Maskenbilder zuordnen konnte. Ein heilloses Durcheinander! Viele Negative vermeintlich exzellenter Aufnahmen sollten zudem der Nachwelt erhalten bleiben; sie wurden liebevoll in Schubladen verräumt, wo sie sich im Laufe der Jahre krümmten und schliesslich verblassten.

Heute ist man digital unterwegs, ein grosser Vorteil gegenüber früher. Aber nicht nur Fotos sind gefragt, nun muss auch mit dem Handy gefilmt werden, damit sich der Onlineauftritt attraktiv gestaltet. Karin Erni kann das, im Gegensatz zu anderen. Sie filmt, schneidet, stellt die Ergebnisse online, bedient Facebook, liefert Fotogalerien – sie ist technisch eine der am besten Bewanderten. Ich schätze mich glücklich, ihr direkt gegenüber zu sitzen. Selbstlos eilt sie immer wieder herbei, um mein technisches Knuddelmuddel aufzulösen.

Denn auch das Redaktionssystem, mit dem wir layouten, ist neueren Datums und mit zahlreichen Fallstricken versehen. Für mich ist es bestimmt schon das fünfte Programm, das ich unter Blut, Schweiss und Flüchen erlernen durfte. «Ker» muss bei ihren Hilfsaktionen zwar ab und zu die Hände über den Kopf zusammenschlagen, weil ich schon wieder alle Tools (Werkzeuge) unordentlich über den ganzen Bildschirm verstreut habe, aber mit zwei, drei Tastengriffen bringt sie alles in Ordnung. Dabei – äxgüsi, Nachbarin – ist sie auch nicht mehr die Jüngste, sie ist also kein «digital native», sondern ein «digital immigrant» wie ich. Übersetzungsversuch: Wir gehören beide nicht zur Generation Internet, sondern sind Einwanderer in dieser Welt. Aber Karin Erni hat halt ein ausgesprochenes Flair für den Computer und die Technik.

Die tägliche Arbeit wird von Tausenden beurteilt

Was geblieben ist und sich so schnell auch nicht ändern wird, sind unregelmässige Arbeitszeiten und zuweilen lange Arbeitstage. Demgegenüber stehen aber die Kreativität, die in diesem Beruf ausgelebt werden kann, das fast tägliche Kennenlernen von interessanten Menschen und Sachgebieten sowie das Produkt, das abends fertig sein muss und anders aussehen sollte als das gestrige, obwohl man am Morgen noch vor leeren Seiten sitzt.

Beurteilt werden die Leistungen von «ker» und allen anderen Kollegen und Kolleginnen von tausenden Leserinnen, Internet- und Facebook-Nutzern. Auch hier hat sich etwas geändert, nämlich der Tonfall. Hiess es früher in einem handgeschriebenen Brief: «Entschuldigen Sie, aber ich bin der Meinung, dass Sie etwas falsch geschrieben haben», lesen wir heute im E-Mail: «Seid ihr wirklich so saublöd, dass ihr nicht einmal wisst….» (meist gekrönt mit drei, vier hübschen Rechtschreibfehlern).

Was trotz aller Neuerungen und technischer Fortschritte auch geblieben ist (Gott sei’s gedankt), ist das Schreiben. Noch gibt es kein Programm, das uns dieses Handwerk streitig machen könnte. Sollte es noch erfunden werden, wäre der Zeitpunkt gekommen, den Stecker zu ziehen.

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