Nicht Juchzen und Wanderwege nicht verlassen: Freizeitsportler sind angehalten, die kranken Gämsen im Alpstein nicht zu stören

Im einigen Gebieten in Innerrhoden ist die Gamsblindheit festgestellt worden. Standeskommission und Appenzellerland Tourismus AI rufen zur Rücksichtnahme auf.

Karin Erni
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Ganz junge Gämsen sind allein nicht überlebensfähig.

Ganz junge Gämsen sind allein nicht überlebensfähig.

Romano Cuonz

Derzeit werden Wanderer und Gleitschirmflieger im Alpstein auf eine Tiertragödie hingewiesen. «Beim Gamswild im Alpstein ist Gamsblindheit festgestellt worden. Die Tiere brauchen dringend Ruhe und Schonung. Es gilt daher, Störungen und Stress zu vermeiden», heisst es auf Merkblättern, die bei den Ausgangspunkten und in den Bergwirtschaften aufliegen.

Erschreckte Tiere stürzen ab

Betroffen ist der Gamsbestand im Gebiet zwischen Altenalp-Schäfler und Öhrligrueb-Höchnideri-Oberer Mesmer. Die Krankheit verursacht bei Steinböcken, Gämsen, Schafen und Ziegen eine Bindehautentzündung, die in schweren Fällen zur totalen Erblindung führen kann. Steinböcke und Gämsen als Kletterkünstler sind auf gute Augen angewiesen. Ist ihr Sehsinn beeinträchtigt, stürzen sie ab oder verenden wegen Nahrungsmangels. Um Abstürze zu vermeiden, sind Wanderer und andere Freizeitsportler dringend angehalten, die Tiere nicht zu erschrecken. Wanderwege sollen nicht verlassen werden. Hunde sind an der Leine zu führen. Keinesfalls sollte man sich dem Gamswild nähern. Lärm wie Juchzer oder Pfiffe sind unbedingt zu vermeiden. Auch sollen derzeit keine Drohnenaufnahmen gemacht werden.

Viele Tierwaisen gesichtet

Der Innerrhoder Jagdverwalter Ueli Nef zeichnet ein düsteres Bild der Gamspopulation im nördlichen Säntisgebiet. «Bei der letzten Begehung haben wir feststellen müssen, dass es sich um einen sehr schweren Krankheitsverlauf handelt.» Mehrere abgestürzte Tiere seien bereits gefunden worden. «Die Struktur in des Rudels ist desolat. Viele Jungtiere irren ohne ihre Mütter umher. Entweder sind diese bereits tot oder liegen krank und blind herum.» Die Jungtiere seien zwar bisher noch kaum betroffen, so Nef weiter. «Auch wenn die Kitze nicht erkranken, sind sie dem Tod geweiht. Ohne ihre Mütter können sie nicht überleben.»

Die Wildhut habe bereits einige Tiere erlösen müssen, sagt Nef. Hegeabschüsse würden aber nur vorgenommen, wenn die Tiere ihr Augenlicht unwiederbringlich verloren haben. «Jedes Tier, das die Krankheit überlebt, leistet einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Krankheit, indem es die Immunisierung an die Nachkommen weitergibt.» Ein Monitoring, das durch die Jungjäger durchgeführt wird, soll fortlaufend Erkenntnisse über die Entwicklung des Innerrhoder Gamsbestandes liefern.

Harter Winter steht bevor

Die Gamsjagd wurde dieses Jahr ausgesetzt, und zwar in allen Gebieten von Innerrhoden. Es hätte keinen Sinn, wenn man beispielsweise im vermutlich nicht betroffenen Gebiet Meglisalp trotzdem jagen würde, sagt Nef. «Die Tiere würden aufgeschreckt und allenfalls sogar aus dem Gebiet vertrieben. Eine Vermischung ist das, was wir derzeit am wenigsten wollen.» Sie seien auf gesunde Bestände angewiesen, damit sich die verbliebenen Herden nach der Krankheit schneller wieder regenerieren könnten. Gemäss Literatur sollte die Krankheit in acht Wochen vorbei sein. Dann bricht in den Bergen aber bereits der Winter herein. Ueli Nef stellt den Gämsen keine gute Prognose. «Wir werden vermutlich nochmals viele Abgänge haben. Die Tiere sind geschwächt und haben keine Reserven.»