Nicht jeder kann ein Glückspilz sein

Herr XY sei der Glückspilz schlechthin, wurde mir gesagt. Er habe schon bei mindestens tausend Wettbewerben Preise gewonnen. Kürzlich habe ich Herrn Glückspilz getroffen.

Patrik Kobler
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Appenzeller (Bild: Patrik Kobler)

Appenzeller (Bild: Patrik Kobler)

Herr XY sei der Glückspilz schlechthin, wurde mir gesagt. Er habe schon bei mindestens tausend Wettbewerben Preise gewonnen. Kürzlich habe ich Herrn Glückspilz getroffen. Er war gerade von einem Wellness-Urlaub zurückgekehrt – den er natürlich gewonnen hatte.

Ich war mit Kugelschreiber und Notizpapier gewappnet, wollte ich doch unbedingt sein Erfolgsrezept erfahren. Hat er im Garten ein Beet mit vierblättrigen Kleeblättern, russt er in der Freizeit Kamine, haut er jeden Tag Teller und Gläser in Scherben? Ich spitzte aufmerksam die Ohren. Und tatsächlich verriet er mir sein Erfolgsrezept: «Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten spiele ich bei den Wettbewerben mit», sagte er. So einfach ist das. Ich wähnte mich bereits als Glückspilz. In den folgenden Tagen arbeitete ich Berge von Kreuzworträtseln ab, durchforstete Broschüren nach den richtigen Lösungsbuchstaben und verschickte im Minutentakt SMS-Nachrichten an TV-Stationen.

Ich wartete gespannt. Und siehe da, schon bald eine erste Erfolgsmeldung: «Sie haben gewonnen», hiess es in der Post. Freilich war der Preis weder eine Reise noch ein Auto. Aber immerhin ein Essensgutschein. Jeder hat mal klein angefangen, dachte ich mir. Weitere Erfolge stellten sich dann allerdings wider Erwarten nicht mehr ein. Es folgten bloss noch Nieten. Und so habe ich mich schnell einem anderen Hobby zugewendet. Es kann eben nicht jeder ein Glückspilz sein. Ich tröstete mich mit dem Spruch «Pech im Spiel, Glück in der Liebe». Dummerweise hat jetzt aber meine Frau an einem Wettbewerb teilgenommen – und gewonnen!