NEUERUNG: Lernen fürs Leben

Aufs neue Schuljahr hin führen neun Kantone den Lehrplan 21 ein, darunter auch Appenzell Ausserrhoden. Eine Lehrerin erklärt, wie die Einführung in der Praxis aussieht.

Karin Erni
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Mathematik anschaulich vermitteln: Rebecca Wiget mit neuem Lehrbuch und Materialien. (Bild: KER)

Mathematik anschaulich vermitteln: Rebecca Wiget mit neuem Lehrbuch und Materialien. (Bild: KER)

Karin Erni

karin.erni@appenzellerzeitung.ch

Am Montag beginnt für die Ausserrhoder Schülerinnen und Schüler ein neues Schuljahr. Erstmals werden sie nach dem neuen Lehrplan 21 unterrichtet. Dieser hatte im Vorfeld in anderen Kantonen für einigen Wirbel gesorgt: Dort hatten Initiativen vergeblich versucht, die Einführung zu verhindern. Der Lehrplan bringt nämlich unter anderem etwas, was Eltern seit Jahrzehnten fordern: einheitliche Lernziele in allen Deutschschweizer Kantonen.

Drei Jahre haben die Ausserrhoder Schulen nun Zeit, den neuen Lehrplan umzusetzen. Die Lehrpersonen setzen sich bereits zwei Jahren während Weiterbildungstagen mit der Thematik auseinander.

Eine, die mit dem neuen Lehrplan bereits Erfahrung gesammelt hat, ist Rebecca Wiget. Die 32-Jährige unterrichtet seit zwei Jahren an der Primarschule in Trogen eine altersdurchmischte Klasse von 22 Erst- bis Drittklässlern. Vieles aus dem neuen Lehrplan hat sie bereits in ihren Unterricht integriert. «Schon während meines Studiums vor fünf Jahren haben wir uns an der PHSG nach dem neuen Lehrplan gerichtet.»

Etwas Grundlegendes sei die veränderte Aufgabenstellung für die Schülerinnen und Schüler, sagt Rebecca Wiget. «Die Aufgabe soll offen formuliert sein, verschiedene Fachbereiche vernetzen, die Kinder vermehrt zum Mitdenken anregen und eigene Lösungswege ermöglichen.» Der neue Lehrplan will auf die Veränderungen der Gesellschaft eingehen und die Kinder auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten. Ein wichtiger Aspekt sei dabei, dass die Kinder lernen, Probleme selbstständig zu lösen. Die Schülerinnen und Schüler sollen auch einen mündigen Umgang mit Medien und Computertechnologien lernen. Generell wird weniger Wissen gepaukt, denn fast alle Informationen sind im Internet verfügbar. «Die Schülerinnen und Schüler sollen heute lernen, wo sie das Wissen abholen und wie sie es anwenden können», so Rebecca Wiget. Doch Altbewährtes werde nicht über Bord geworfen: «So werden Kinder auch in Zukunft das Einmaleins so lange üben müssen, bis sie es auswendig können.»

Eine Änderung, die für jedermann ersichtlich ist, ist die Schrift. Bisher lernten die Schülerinnen und Schüler zuerst die «Steinschrift» genannte Blockschrift, dann die voll verbundene «Schnürlischrift» mit teilweise neuen Buchstabenbildern. Anschliessend entwickelten sie eine persönliche, meist nur teilweise verbundene Handschrift. Dieser Umweg soll in Zukunft entfallen. Die Buchstabenformen der Basisschrift werden unverbunden gelernt und dann teilweise verbunden.

Noten und Lektionenzahl bleiben erhalten

Die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler funktioniert wie bisher nach dem Prinzip der «Bilanzierung». Nebst den bewerteten Leistungen in Prüfungsarbeiten und anderen Schülerarbeiten fliessen Beobachtungen und Einschätzungen aus dem Förder-prozess ein. Dabei beachten die Lehrpersonen auch die «überfachlichen Kompetenzen». Dazu gehören beispielsweise die Selbstständigkeit, die Ausdauer und die Fähigkeit, mit Konflikten oder Problemen umzugehen und diese zu lösen. Auch die Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler erhält einen höheren Stellenwert , sagt Rebecca Wiget. «Sie wird schrittweise von den Kindern erlernt und fördert die Reflexion zu eigenen Fähigkeiten oder Schwierigkeiten.» Ab der 4. Klasse gibt es wie bis anhin Noten im Zeugnis.

Hat der neue Lehrplan nur Vorteile? Die neuen Lehrmethoden entsprächen nicht allen Kindern gleich gut, gibt Rebecca Wiget zu bedenken. «Es gibt Kinder, für die offene Aufgabenstellungen sehr herausfordernd sein können. Daher ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen geschlossenen und offenen Aufgabenstellungen zu finden.» Sie kann sich auch vorstellen, dass einige Lehrpersonen sich schwerer täten mit der Umsetzung. Sie selbst freue sich auf die Arbeit mit dem Lehrplan 21 und müsse selber auch noch viel lernen. Hier helfe der Erfahrungsaustausch im Lehrerteam sowie die zahl-reichen Weiterbildungstage, die dem neuen Lehrplan gewidmet seien.