Neue Wohnformen nach Kästner

Brosmete

Martin Hüsler
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In dieser Zeitung ist über zwei Schienenfahrzeuge der ehemaligen Trogener Bahn berichtet worden, die vor dem Verschrotten bewahrt werden sollen. Aufmerksame Leserinnen und Leser wissen noch, dass die beiden Fahrzeuge auf der künftigen Durchmesserlinie Trogen–Appenzell aus technischen Gründen nicht mehr verkehren können und derzeit auf einem Gleis der Haltestelle Bendlehn abgestellt sind. Dort warten sie auf Interessenten. Man könnte sie gratis übernehmen und müsste lediglich für die Transportkosten an den neuen Standort aufkommen. Nun ist mir dieser Tage bei der Suche nach einem Buch Erich Kästners wunderbarer Kinderroman «Das fliegende Klassenzimmer» wieder einmal in die Hände gekommen. Da ging mir urplötzlich ein Licht auf. Kästner skizziert darin nämlich eine spezielle Wohnform. Es gibt im Roman, dessen Handlung in einem Gymnasium spielt, einen Mann, der unweit der Schule in einem ausrangierten Eisenbahnwagen haust. Die Gymnasiasten nennen ihn Nichtraucher, weil sich in dem von ihm bewohnten Wagen lauter Nichtraucherabteile befinden. Die Standortnähe zum Gymnasium kommt nicht von ungefähr, ist doch der Nichtraucher ein ehemaliger Schüler. Er wurde Arzt, doch hat er sich im Lauf der Jahre von der gutbürgerlichen Existenz verabschiedet und schliesslich zur relativ alternativen Wohnform gefunden. Aber es lag ihm daran, sein unkonventionelles Zuhause aus Anhänglichkeit zur Schule wenigstens neben derselben einzurichten, also neben jenem Gymnasium, in dem sein Freund aus der Schulzeit unterdessen Rektor geworden ist. Bei Kästner nimmt die Geschichte eine Wendung zum Guten, indem der Nichtraucher Schularzt wird. Aber schön ist doch sicher auch der Umstand, dass ein alter Eisenbahnwagen einen neuen Zweck erfüllt. Tun sich da nicht auch für unsere beiden TB-Wagen Möglichkeiten auf? Ich denke beispielsweise an Lehrkräfte, die vor dem Übertritt in den Ruhestand stehen, sich aber mit der einstigen Wirkungsstätte so sehr verbunden fühlen, dass sie in ihrer Nähe bleiben wollen – und sei es in einem alten Bahnwagen.

Martin Hüsler