Neue Volksmusik braucht dringend bühnentaugliche Programme

Von den Appenzeller Space-Shöttl bis zu Bligg hat das Crossover in und mit der Volksmusik-Szene Spuren hinterlassen. Am Freitag war Johannes Schmid-Kunz am Festival Naturstimmen eingeladen, über den Zustand der «Jungen Volksmusik» zu sprechen.

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Johannes Schmid-Kunz Musiker und Kulturmanager

Johannes Schmid-Kunz Musiker und Kulturmanager

Von den Appenzeller Space-Shöttl bis zu Bligg hat das Crossover in und mit der Volksmusik-Szene Spuren hinterlassen. Am Freitag war Johannes Schmid-Kunz am Festival Naturstimmen eingeladen, über den Zustand der «Jungen Volksmusik» zu sprechen. Schmid-Kunz spielt in der Hanneli-Musig Violine, ist Kulturmanager und ein profunder Kenner der Volksmusikszene.

Er spreche aber lieber über die «Neue Volksmusik», denn allzu oft spielten junge Volksmusiker Konservatives für ein älteres Publikum, meinte er. Gerade an den Verbands-Anlässen verhindere die Schubladisierung jedes Experiment und jede Innovation. Verjüngend und erfrischend – so müsse echte «Neue Volksmusik» sein.

Neben der konservativen Politik der Ländler-Verbände habe auch das Fernsehen und darin besonders «Ländlerpapst» Wysel Gyr zwar der Ländlermusik Aufmerksamkeit

verschafft, aber auch verheerende Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Volksmusikszene gehabt, meinte Johannes Schmid-Kunz. So sei die Volksmusik im Verlauf des 20. Jahrhunderts bis in die 1970er-Jahre hinein immer mehr erstarrt, nicht zuletzt auch wegen den Schallplatten und später auch Videos, die den Verbands-Kommissionen etwas in die Hand gegeben hätten, was ihnen erlaubte zu sagen, was vermeintlich immer schon richtig und gut war in der Volksmusik.

Dabei vergesse man: Die alte Volksmusik im 19 Jahrhundert (repräsentiert etwa in der Sammlung von Hanny Christen) sei viel offener gewesen als die Volksmusik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. In den 1970er-Jahren seien dann erste Wegbereiter einer Öffnung aufgetaucht: Max Lässer, die Appenzeller Space Schöttl und Ueli Moser, der mit verschiedenen Formationen das Konservative und das Innovative in der Volksmusik miteinander verband.

Nach der Ära Wysel Gyr werde am Schweizer Fernsehen viermal weniger, dafür immer noch dieselbe konservative Volksmusik gezeigt. Andernorts aber habe sich viel verändert: Man kann heute Schwyzerörgeli an der Hochschule für Musik studieren und nicht nur Bligg, sondern auch «Pro Helvetia» hat die Volksmusik entdeckt. Neue Festivals sind entstanden: Stubete am See, Stanser Musiktage, Volksmusikfestival Altdorf oder das Festival Naturstimmen – allesamt Festivals, die das Crossover pflegen.

Den meisten Vertretern der «Neuen Volksmusik» fehle es zwar nicht an Innovation, aber eindeutig an Witz und Gestaltungswillen bei ihren Bühnenshows. Ein Vorbild könne man sich auch an den viel professionelleren Volksmusik-Kollegen aus Österreich wie «Global Kryner» oder «Netnakisum» mit ihren dynamischen Bühnenprogrammen nehmen.

Dass es auch Schweizer Formationen können, hat Schmid-Kunz selbst vor einem Jahr mit seiner Hanneli-Musig am selben Ort, der reformierten Kirche in Alt St. Johann, demonstriert. (hak)