Neue Schulform
Der Lehrplan 21 macht's möglich: Der Wald wird zum Werk- und Wirkraum

Bühler eröffnet diesen Frühling ein eigenes Waldschulzimmer. Das ist ein Novum im Kanton. Erste Erfahrungen sind ausgesprochen positiv.

Karin Erni
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Werklehrerin Franziska Schiltknecht bringt den Erstklässlern bei, wie man eine Säge benutzt.

Werklehrerin Franziska Schiltknecht bringt den Erstklässlern bei, wie man eine Säge benutzt.

Bild. Karin Erni

Die sieben Erstklässler sind an diesem Frühlingsmorgen mit Eifer bei der Sache. Sie schleppen Äste und dünne Baumstämme zum Feuerplatz. Dort sollen sie zu Brennholz gesägt werden. «Wir wollen es warm haben, wenn es wieder kühler wird», erklärt Franziska Schiltknecht den Kindern. Sie unterrichtet das Fach Textiles und Technisches Gestalten (TTG) an der Primarschule Bühler und hat die projektorientierte Waldschule in Bühler initiiert. «Gerade in der heutigen digitalisierten und techniklastigen Zeit verbringen Kinder zu viel Zeit vor dem Bildschirm», ist sie überzeugt. «Mit Corona hat sich die Problematik noch zugespitzt. Darum ist es besonders wichtig, dass Kinder sich zum Ausgleich in der Natur betätigen können.»

Nicht nur bei Schönwetter draussen sein

Bei Schulleiterin Andrea Vetsch stiess Schiltknecht mit der Idee auf offene Ohren und gemeinsam wurde ein Konzept entwickelt. Es gelang schnell, ein geeignetes Grundstück für den Waldplatz zu finden. An einem Südhang oberhalb des Dorfes besteht durch eine Rodung eine kleine ebene Lichtung am Waldrand. Dort haben der gelernte Forstwart und Naturpädagoge Remo Wagner aus Rehetobel und Samuel Eisenhut aus Trogen aus geschälten Baumstämmen ein Dach errichtet, das als Klassenzimmer dient. Noch ist das Waldschulzimmer nicht ganz fertiggestellt. Es erhält in den nächsten Wochen noch ein schützendes Dach aus Blachenmaterial. Dann kann der Unterricht auch bei nicht ganz perfektem Wetter draussen stattfinden. Die Kinder lernen so, die Zyklen der Natur zu verstehen und zu begreifen.

Die Erstklässler können schon einige Arbeiten selbstständig erledigen.

Die Erstklässler können schon einige Arbeiten selbstständig erledigen.

Bild: Karin Erni

Für jüngere und ältere Schüler geeignet

Bis jetzt gab es diese Möglichkeit erst in Waldkindergärten. Dass Schüler von der 1. bis 6. Klasse im Wald unterrichtet werden, ist hierzulande eher unbekannt. «Schweden und Dänemark praktizieren diese Unterrichtsform erfolgreich seit den 1990-er Jahren. Dort verbringen die Kinder teils zwei Tage pro Woche im Wald», sagt Franziska Schiltknecht. «Der Lehrplan 21 von Appenzell Ausserrhoden ermöglicht solche neuen Lernformen.» Momentan ist der Waldunterricht erst für Primarschüler vorgesehen. «Ich könnte mir aber sehr gut vorstellen, dass auch Oberstufenschüler davon profitieren können. Im Wald könnten sie sich körperlich betätigen sowie die Handwerkskunst weiter erlernen und verfeinern.» Generell fördere der Unterricht in der Natur die körperliche und psychische Widerstandsfähigkeit. Das Selbstvertrauen und die Konfliktfähigkeit der Kinder verbessere sich, sagt die Lehrerin. «Sie müssen auch lernen, Langeweile auszuhalten. Daraus entsteht echte Kreativität: eine eigene Lösung für ein Problem zu finden.»

Mit der Natur besser lernen

Unterrichtet wird das Fach Werken. Im Wald ist die Holzbearbeitung mit Sägen und Schnitzen naheliegend. Doch auch textile Techniken wie Weben und Sticken sind mit Naturmaterialien möglich. «Wir haben bereits ein Puppentheater aufgeführt. Die Köpfe der Figuren sind mit Lehm aus dem Wald geformt und wurden im Feuer gebrannt.» Auch Malen mit selbst hergestellten Naturfarben oder Kochen über dem Feuer steht auf dem Stundenplan. Als Werktische dienen Baumstümpfe, die von der Rodung her ohnehin da sind.

Franziska Schiltknecht

Franziska Schiltknecht

Bild: PD

Nach dem Holzsammeln lernen die Kinder heute, eine Säge zu bedienen. Zuerst erhalten sie von der Lehrerin passende Schutzhandschuhe. «Damit ihr eure Pfötchen nicht verletzt.» Das ist nicht abwertend gemeint, denn diese Schülergruppe nennt sich «Bären», in der anderen Halbklasse sind die «Tiger». Jeder Schüler verpflichtet sich, an diesem Morgen fünf Holzstücke zu sägen. «Wie viele haben wir am Schluss, wenn ich auch mithelfe?», fragt Franziska Schiltknecht. Einer der Schüler kennt bereits die Zahlenreihen. «40!», ruft er. Im Wald werden ganz nebenbei auch Inhalte von anderen Schulfächern durch praktische Anwendung vermittelt. Techniken wie Messen und Wägen werden erlernt und erfahrbar gemacht.

Ausdauer wird geschult

Mit dem Meterstab messen die Schülerinnen und Schüler die Länge der Hölzer ab. Dann wird die Säge angesetzt. Das Material ist zäh. Während die einen Kinder spielend ihr Pensum absolvieren, brauchen andere länger. Dem einen ist’s zu heiss und dem anderen ist die Arbeit zu anstrengend. «Diese Art des Unterrichts fördert auch die Ausdauer und den Durchhaltewillen», sagt Schiltknecht. Mit Pausen und gutem Zureden ist die Aufgabe schliesslich geschafft. Auf der Holzbeige liegen 40 frisch zugesägte Äste. Stolz dürfen die Kinder ihr mitgebrachtes Znüni in der gemütlichen Runde am Feuerplatz geniessen.

Den Waldunterstand können die Kindergartenlehrpersonen sowie alle Fach- und Klassenlehrpersonen der Gemeinde Bühler nutzen. Franziska Schiltknecht hat mit dieser Unterrichtsform nur gute Erfahrungen gemacht. Sie ermuntert auch andere Lehrkräfte, ihren Unterricht regelmässig ins Freie zu verlegen. Es brauche keinen professionell gestalteten Waldplatz, findet sie. «Ein Satz Sackmesser und etwas Initiative reicht.»