Neu lernen, was vorher automatisch gegangen ist

Vieles in unserem Alltag machen wir so, wie wir es von früh auf gelernt haben. Wenn wir Durst verspüren, greifen wir automatisch nach einem Glas. Ohne zu überlegen wissen wir, wie wir uns kratzen müssen.

Drucken
Teilen

Vieles in unserem Alltag machen wir so, wie wir es von früh auf gelernt haben. Wenn wir Durst verspüren, greifen wir automatisch nach einem Glas. Ohne zu überlegen wissen wir, wie wir uns kratzen müssen. Wir sind auch so routiniert beim Gehen, so dass wir dabei gut mit anderen Menschen sprechen können. Nach einem Schlaganfall kann das ganz anders sein. «Ein Teil der Verbindungen im Hirn sind unterbrochen, der Mensch kann zum Teil die einfachsten Handlungen nicht mehr ausführen. Zwar weiss er, dass er nach dem Glas greifen will, aber er weiss nicht, welche Bewegungen er dazu machen muss», beschreibt die Ergotherapeutin Monika Stief die Problematik. Dort setzt die Ergotherapie an. Sie ist für Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, ein wichtiger Teil auf dem Weg zur Genesung. «Häufig spüren diese Menschen die gelähmte Seite nicht mehr und sind darum in der Bewegung eingeschränkt. Ich setze gezielte Anreize, um die Körperwahrnehmung zu verbessern, damit sie ihre Bewegungen wieder kontrollieren können», erklärt Monika Stief. Wie dies geschieht, zeigt sich in einer Therapiestunde.

Beide Arme wieder brauchen

Die Ergotherapeutin begrüsst ihre Patientin. Langsam betritt diese ein Behandlungszimmer der Beratungs- und Therapiestelle in Wattwil. Nach einem Schlaganfall war ihre linke Seite vorübergehend gelähmt, in der Ergotherapie will die Frau wieder lernen, diese zu benutzen. «Heute will ich Ihnen helfen, Ihren linken Arm als Stütze zu gebrauchen. Dann können Sie leichter aufstehen», erklärt Monika Stief der Patientin, die auf der Liege sitzt. Sie positioniert die Hand und fordert die Patientin auf, ihr Gewicht auf den Arm zu verlagern. Dabei stützt die Ergotherapeutin den Arm, hin und wieder massiert sie die Muskeln, die langsam zu schmerzen beginnen. Während die beiden Frauen die Übung wiederholen, erzählt die Schlaganfall-Patientin aus ihrem Alltag, den sie mit einem Arm bewältigt. Die Zahnpastatube klemmt sie sich zwischen die Beine, damit sie mit der rechten Hand den Deckel wegschrauben kann. Auch habe sie gelernt, den Lippenstift mit einer Hand heraus zu drehen, erzählt sie. Seit Kurzem hilft sie ihrem Mann beim Kochen. «Mit dem Winkelschäler geht es ganz gut, aber die Klinge ist sehr scharf», sagt die Frau. Monika Stief lächelt. Dieses Hilfsmittel, das sie einhändig bedienen kann, hat sie ihrer Patientin empfohlen. Und die scharfe Klinge müsse sein, damit die Patienten nicht zu viel Kraft einsetzen müssen, um Kartoffeln oder Rüebli zu schälen.

Nicht zwei Dinge gleichzeitig

Nun fordert die Ergotherapeutin ihre Patientin auf, aufzustehen. Die linke Hand soll sie auf den Tisch legen und mit der rechten einen Ball fangen und werfen. Wenn sich die Frau auf den Fangarm konzentriert, blendet sie den anderen aus, wie wenn er nicht vorhanden wäre. «Seit dem Schlaganfall ist es unmöglich, zwei Dinge gleichzeitig zu machen», erklärt die Patientin. Sie darf sich wieder setzen. Monika Stief bringt ein Puzzle und verlangt von der Patientin, dass sie die Teile an die richtigen Stellen legt. Das geht prima, die Aufgabe ist schnell erledigt. Die Patientin freut sich über das Lob von Monika Stief. Noch vor wenigen Wochen habe dies lange gedauert, erklärt die Ergotherapeutin, denn die Patientin habe die Teile, die links vom Brett gelegen sind, gar nicht wahr genommen.

«Gestern habe ich mit meinem Mann ein Zahlenspiel gemacht», erzählt die Patientin. «Wie ist es gegangen?», will Monika Stief wissen. «Ganz gut, so etwas mache ich gerne», sagt die Patientin strahlend. Monika Stief fordert weiter und stellt der Frau ein nächstes Spielbrett hin. Darauf sind Vierecke mit Zahlen, diese müssen in die richtige Reihenfolge geschoben werden. «Lassen Sie Ihre Hand auf dem Tisch», sagt die Ergotherapeutin. Wenn diese im Blickfeld sei, komme sie leichter ins Bewusstsein der Patientin.

Geduld ist gefragt

Einfach fällt ihr die gestellte Aufgabe nicht. Monika Stief hilft der Patientin mehrmals, sich auf eine einzige Reihe zu konzentrieren und die anderen vorerst ausser Acht zu lassen. Patienten nach einem Schlaganfall würden häufig das machen, was ihnen ins Auge springt und nicht nach einem logischen Ablauf, sagt die Ergotherapeutin.

Inzwischen ist die Therapiestunde vorbei, die Patientin ist müde geworden. Noch viele Male wird sie sich mit der Ergotherapeutin Monika Stief treffen, entweder in der Beratungs- und Therapiestelle an der Wigetstrasse 4 oder bei sich zu Hause. Wie lange, kann niemand sagen. Die Patientin ist aber optimistisch, dass sie weitere Fortschritte machen wird. «Irgendwann wird es wieder gehen», sagt sie geduldig.

Sabine Schmid

Aktuelle Nachrichten