NESSLAU: Streuinseln im Ijental

Die Bauern im Ijental haben mit der Mahd des Rieds begonnen. Diese geht klar geregelt und kontrolliert vonstatten. Damit soll die Artenvielfalt in dem Biotop erhalten bleiben und gefördert werden.

Olivia Hug
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Rosam Egli muss sich an mehreren Tagen Zeit nehmen, um die Riedfläche im Ijental zu mähen. (Bild: René Güttinger)

Rosam Egli muss sich an mehreren Tagen Zeit nehmen, um die Riedfläche im Ijental zu mähen. (Bild: René Güttinger)

Es scheint, als hätten die Bauern etwas vergessen. Sie sind daran, die Riede im Flachmoor Ijental ob Nesslau zu mähen. Das geschieht einmal im Jahr zu dieser Zeit. Die Mahd dient als Streue im Stall. Da und dort sind allerdings grössere Flächen ungemäht stehen geblieben. Sie werden ein ganzes Jahr stehen bleiben. Dies jedoch nicht aus Vergesslichkeit. Denn was der Laie nicht weiss: Die kantonalen gesetzlichen Rahmenbedingungen schreiben neu vor, dass 5 bis 10 Prozent der Riedfläche stehen gelassen werden müssen.

Nicht zu früh und nicht zu viel

Die Streuinseln bleiben bewusst stehen und dienen seltenen Arten als Rückzugs- und Lebensraum. (Bild: PD)

Die Streuinseln bleiben bewusst stehen und dienen seltenen Arten als Rückzugs- und Lebensraum. (Bild: PD)

Es ist das Gesetz über die Abgeltung ökologischer Leistungen (Gaöl), das via Verträgen mit den Landwirten die Bewirtschaftung der Streuriede im Kanton St. Gallen regelt. Streuriede sind wertvolle Biotope, deren Mahd Mehraufwand für die Bauern bedeutet, weshalb diese Abgeltungen erhalten. Das Gesetz sieht vor, dass der Schnittzeitpunkt nicht vor dem 1. September liegen darf, damit die in diesem Lebensraum vorhandenen Tiere und Pflanzen sich fortpflanzen können. Um dieses Ziel zu begünstigen, enthalten die Verträge neu die Bestimmung, wonach nicht die gesamte Fläche gemäht werden darf. So kompliziert das klingt, so einfach die Erklärung: In die stehen gebliebene Fläche können sich die Tiere zum Überwintern zurückziehen und spätblühende Pflanzen können versamen. Spätestens alle zwei Jahre muss der Standort der Streuinseln wechseln, damit sie nicht verbuschen.

Ökologisch und ökonomisch wertvoll

Streue ist begehrt im Toggenburg. Sie hat Tradition und ist wirtschaftlich bedeutend. Obschon der Aufwand der Bewirtschaftung nicht zu unterschätzen ist. Das Wetter muss stimmen – am 1. September war heuer nicht ans Mähen zu denken – und die Tageszeit. Das knapp 15 Hektaren grosse Flachmoor von nationaler Bedeutung liegt auf der Schattenseite im Ijental. Das Gelände ist teils steil und steinig. Oft liegen im Frühling Felsbrocken im Ried, die von der aktiven Blässlaui ins Tal stürzen. Gemäht werden darf nur mit dem Motormäher und bodenschonender Bereifung. Nicht zuletzt liegt das Ijental nicht gerade vor der Haustür der insgesamt 14 Bauern, die das Land bewirtschaften.

Einer von ihnen ist Rosam Egli, der auch Mitglied der Projektgruppe Lebensraum Ijental-Blässlaui (siehe Zweittext «Artenvielfalt») ist. Schon als Bub begleitete er seinen Vater zum Streuen. Im Sommer bringt er sein Vieh hierher auf die Alp – das Ijental umfasst neben dem Flachmoor auch Weidegebiet auf der sonnigen Talseite. Egli mäht gestaffelt: ein Drittel ab dem 1. September, den Rest ab dem 15. September. Er weiss, worauf es bei der Streue ankommt: «Sie muss dürr sein, damit sie im Winter nicht grau wird. Denn staubige Streue kann Pilze enthalten und das gibt Probleme für die Bauern mit Käsereimilch.»

Für acht Jahre geregelt und optimiert

In diesem Sommer haben die Bauern die neuen Gaöl-Verträge über acht Jahre abgeschlossen. Dabei haben sich einige in Absprache mit der Projektgruppe entschieden, erst ab dem 15. September zu mähen. Der Grund liegt in der zeitverschobenen Mahd, welche die Projektgruppe anstrebt. «Wird nicht die gesamte Fläche auf einmal gemäht, und bleibt die Streue ein bis zwei Tage liegen, gibt es Rückzugsraum für die Insekten und andere Tiere», sagt Landschaftsökologe Markus Wortmann. Auch er ist Mitglied der Projektgruppe und Geschäftsführer des Ingenieurbüros Scherrer in Nesslau, welches das Projekt begleitet. Ihm ist wichtig, dass Natur und Bauern vom Projekt profitieren, weshalb man sich mit Letzteren austauscht. Inwiefern sich die Massnahmen auf die Artenvielfalt im Ijental auswirken werden, wird das Monitoring in den kommenden Jahren zeigen.