NESSLAU: Langes und schattenhaftes Leben

In der Bibliothek las Autorin Rea Brändle aus ihrem neu erschienenen Buch über den geheimnisvollen Obertoggenburger Findling Johannes Seluner.

Peter Küpfer
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Autorin Rea Brändle im Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern der Lesung. (Bild: Peter Küpfer)

Autorin Rea Brändle im Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern der Lesung. (Bild: Peter Küpfer)

Peter Küpfer

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Die Emotionen drückten an diesem Leseabend nur verhalten durch. In gewichtigen Pausen der Vortragenden, in Fragen, deren Antwort weitgehend dem Publikum überlassen waren, in der Trostlosigkeit der Fakten selbst, auf die sich Rea Brändle abstützte. Die waren in ihrer Nüchternheit auch wieder schwer zu verdauen.

Gemeinde wollte sich des Falles entledigen

Eines Spätsommers im Jahr 1844 stösst ein Geisshirt am Selun auf einen nicht ansprechbaren und arg verwilderten jungen Mann. Er muss schon geraume Zeit im Freien gelebt haben. Dass er sich den Sommer über an die Kühe herangemacht und Milch direkt aus ihren Zitzen getrunken haben soll, ist bezeugt, aber nicht verbürgt. Der Gemeinderat von Alt St. Johann nimmt sich des ­Unbekannten an. Eine Ausschreibung führt zu keinerlei Hin­weisen. Eine ärztliche Untersuchung ergibt die Taubstummheit des unbekannten Findlings. Die bitterarme Gemeinde möchte sich «des Falls entledigen», bleibt aber auf ihm sitzen. Es folgen zehn Jahre Unterbringung im damaligen Armenhaus, sicher keine Wellnesszone. Das Armenwesen ist damals nüchtern bis trostlos, es wird gearbeitet und gebetet, auf Fehlverhalten folgen Strafen, oft drakonische, einschliesslich Prügeln. Den langen zweiten Teil seines schattenhaften Lebens verbringt Johannes Seluner, wie ihn die Behörden später in eigener Namengebung nennen, allerdings nicht im Alt St. Johanner, sondern im Nesslauer Armenwesen.

Ein Wildwuchs an Geschichten

Rea Brändle schildert die komplizierten bürokratischen Windungen, die dem Heimatlosen seine zumindest amtliche Heimat gaben. Im dortigen Armenhaus fiel er nicht auf, es finden sich kaum Einträge in entsprechenden Dokumenten. Höchstens die Schulkinder fanden Interesse am Wehr- und Sprachlosen, wenn sie ihn mit Kieselsteinen ärgerten. Bezeugt ist Seluners gute Führung mit Respektierung der Anstaltsordnung, auch dass er sommers mit einem Seil an einem Baum angebunden war, um den sich im Laufe der Wochen eine kreisrunde Tretspur bildete. Rea Brändle, Autorin und Publizistin, in Neu St. Johann aufgewachsen, hat schon als Kind viele Geschichten über das Seluner Findelkind gehört, das Wolfskind, das Wildmannli, den taubstummen Ausgesetzten. Die Anzahl Geschichten, die sich um ihn ranken, verhält sich umgekehrt proportional zur Dürftigkeit gesicherter Erkenntnisse über «den Fall». Diesen Geschichten spüren Brändles Recherchen mit grossem Interesse nach. Da gibt es alle möglichen Versionen: von Fahrenden zurückgelassenes Kind, verheimlichter Nachfahre einer Adelsfamilie, entlaufener Knecht, der sich nach einer tödlich verlaufenen Auseinandersetzung in die Wildnis absetzt, um sich der Strafverfolgung zu erziehen. Die Autorin erkennt in diesem Wildwuchs von Geschichten zwei narrative Typen, die sich schier endlos variieren.

Die Lesung schuf sichtliche Betroffenheit unter den zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und Zuhörern. Zum Nachdenken lud auch die anregend-besinnliche Musik der beiden jungen Musikerinnen Stefanie Rutz (Klavier) und Katja Bürgler-Zimmermann (Schwyzerörgeli) vom Duo Zööke ein. Die Frage, wer der bedauernswerte Johannes Seluner in Wirklichkeit gewesen ist und was ihn an den Selun versprengte, ist nicht mehr zu beantworten. Die Frage, wie seine Umwelt mit ihm umgegangen ist, schon. Es ist kein Ruhmesblatt.

Rea Brändle: Johannes Seluner. Findling. Eine Recherche. Verlag Chronos, Zürich 2016. 184 S., 20 Abb., 32 Franken.