NESSLAU: Ein Vierteljahrhundert im Schulzimmer

25 Jahre lang unterrichtete Andreas Weber an der Schule Nesslau, erst in Ennetbühl und zuletzt an der Mittelstufe Büelen. Nun wird er pensioniert und hat mehr Zeit für das, was er schon immer gemacht hat.

Sabine Schmid
Drucken
Teilen
Zum Abschied gab es eine Kutschenfahrt, während Andreas Weber (im karierten Hemd) Fragen zu Kalenderbildern beantworten musste. (Bild: Delia Hug)

Zum Abschied gab es eine Kutschenfahrt, während Andreas Weber (im karierten Hemd) Fragen zu Kalenderbildern beantworten musste. (Bild: Delia Hug)

Sabine Schmid

sabine.schmid@toggenburgmedien.ch

Es hätte nicht viel gefehlt, und Andreas Weber hätte keine Toggenburger Kinder unterrichtet und wäre wohl auch nicht hier pensioniert worden. Er ist am Zürichsee aufgewachsen, hat dort das Lehrerseminar besucht und auch unterrichtet. «Meine Frau, die ebenfalls Lehrerin war, wollte im Ausland unterrichten, und so sind wir nach Neuseeland gereist», erzählt Andreas Weber. Während seine Frau dort als Lehrerin arbeitete, kümmerte er sich um seine damals noch kleine Tochter und war «Mädchen für alles» an der Schule. «Wir haben uns schliesslich gegen das Auswandern entschieden. Zurück in der Schweiz suchten wir ‹neuseeländische› Verhältnisse», sagt Andreas Weber. Fündig wurden sie im Toggenburg. Sie hätten sich sofort in ein Bauernhaus oberhalb von Neu St. Johann verliebt. Eine Stelle als Lehrer hat Andreas Weber Anfang der 1990er-Jahre schnell gefunden, nämlich in Ennetbühl. «Ich musste mich an die Begebenheiten im Tal und die Mentalität der Toggenburger anpassen, aber das war für mich nie ein Problem», erzählt er.
 

Fasziniert von Mehrklassenschule

Er habe sich bewusst für eine Stelle in einer Mehrklassenschule in einem kleinen Dorf entschieden. Diese Schulform habe ihn fasziniert und herausgefordert. «Es ist mir aber nicht immer alles so gelungen, wie ich es mir gewünscht hätte», sagt er selbstkritisch. So hat das Ideal vom altersdurchmischten Lernen meistens nicht so funktioniert, wie er es gerne gehabt hätte, und auch das Bild von der heilen Welt in der Dorfschule musste er revi­dieren.

Vor 17 Jahren teilte sich Andreas Weber mit Ruth Wickli die Stelle. Das habe sehr gut gepasst, sie hätten sich gut ergänzt. Die Schliessung der Schule Ennetbühl war für die Dorfbevölkerung ein schlimmer Verlust. Einzig für die Schulkinder hat es auch Vorteile gebracht, ist Andreas Weber überzeugt. In Ennetbühl habe es immer wieder Kinder gegeben, die nur schwer Gspänli gefunden hätten, weil die Auswahl klein war. In Nesslau sei dies viel weniger der Fall.
 

Gute Erinnerungen an die Schullager

Andreas Weber blickt mit gemischten Gefühlen auf seine 44 Jahre im Schuldienst zurück. An Schullager, Exkursionen und Schulreisen hat er sehr gute Erinnerungen. Der Computer habe den Schulalltag aber hektischer gemacht, findet er. Auch sei in die gleiche Anzahl Stunden immer mehr hineingepackt worden. Zuletzt habe er sich auch mit Themen wie Cybermobbing auseinandersetzen müssen. Davon hatte er natürlich zu Beginn seiner Zeit als Lehrer keine Ahnung. Dass die Schule und auch die Gesellschaft hektischer geworden sind, habe sich auf das Verhalten und die Einstellung der Schüler ausgewirkt.

Noch etwas anderes hat Andreas Weber festgestellt: Die Eltern behüten ihre Kinder mehr als früher. Damit meint er nicht unbedingt Elterntaxis. Sondern vielmehr, dass die Eltern viel schneller zum Telefon greifen, wenn die Kinder zu Hause etwas Negatives erzählen. Für ihn als Lehrer sei es zunehmend schwierig geworden, eine Grenze zu ziehen, wenn ein Kind geplagt wurde. Dazu komme, dass die Eltern der Schule gegenüber kritischer eingestellt sind.

«Nun habe ich mehr Zeit und Gelassenheit, um das zu machen, was ich auch früher neben der Schule gemacht habe», sagt Andreas Weber. Als erstes nennt er seine Familie, insbesondere seine drei Enkelkinder, für die er nun mehr Zeit hat. Dazu kann er sich vermehrt um die Gäste seines Bed&Breakfast kümmern. Und dann ist rund ums Haus ein grosser Garten, und Andreas Weber betreut als Imker einige Bienenvölker. Zudem ist er gerne unterwegs und setzt sich stark für die Natur ein, unter anderem als Präsident des Naturschutzvereins Ebnat-Kappel und Nesslau.