NESSLAU: Abgründe noch und noch

Der Schweizer Schriftsteller Arno Camenisch mit Wurzeln in der Surselva las auf Einladung der Bibliothek Nesslau im «Freihof Germen». Es war ein Abend mit grotesker Situationskomik.

Peter Küpfer
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Arno Camenisch gestaltet seine Texte zur «inneren» Bühne aus. (Bild: Peter Küpfer)

Arno Camenisch gestaltet seine Texte zur «inneren» Bühne aus. (Bild: Peter Küpfer)

NESSLAU. Arno Camenisch ist ein ungewöhnlicher Autor. Er ist zweisprachig aufgewachsen, bündnerisch-deutsch und rätoromanisch. Der erfolgreiche Autor lebt seit einigen Jahren im zweisprachigen Biel und hat sich Französisch als dritte Literatursprache angeeignet, eigentlich als vierte, denn in seinen auf Hochdeutsch geschriebenen Texten sorgen immer wieder auch Brocken aus dem Bündner Dialekt für Irrlichter.

Camenischs auf Rätoromanisch geschriebene Texte sind gespickt mit deutschschweizerischen Brocken. So wurde dem Publikum sogar seine auf Romanisch vorgetragene karikaturhafte Fussballreportage verständlich, denn «Abseits», «Corner», «Foul», sogar der «Schiri» tauchen dort unverändert als Fremdwörter auf. Man konnte sich an ihnen, zusammen mit der packenden Intonation des Vortragenden, mühelos zum Hauptverständnis durchhangeln. Das ist auch angesagt bei Camenischs deutschsprachigen Texten, die den Sinn, manchmal einen etwas schrägen, oft nur andeuten. Den Rest muss der Leser oder Zuhörer selbst machen, wobei der grimmig-liebenswürdige Humor des Autors diese Aufgabe erleichtert.

Flüstern, raunen, röcheln

Nicht nur Camenischs Texte sind ungewöhnlich, auch seine Vortragsweise. Der Autor spricht seine Texte nicht einfach ins Mikro. Manchmal keucht er sie buchstäblich in den Saal, wie bei Ausschnitten aus den ersten Seiten des Romans «Die Kur», wo das so gegensätzliche Rentner-Ehepaar den steilen Weg zum Hotel mühevoll zu Fuss erklimmt. Camenisch kann seine Texte aber auch flüstern, raunen, hin und wieder sogar röcheln.

Vor allem dann, wenn die Todesahnungen, denen der muffelige Ehemann dauernd ausgesetzt ist, die Freude seiner Ehefrau über das im Lotto gewonnene Wochenende im Engadiner Nobelhotel systematisch durchkreuzen. Sie lebt im exklusiven Hotel auf, währenddem er nichts will als möglichst schnell wieder abhauen, nach Hause, wo alles so geordnet erscheint. Nützt aber nichts gegen die allgegenwärtigen Todessymbole, welche zuhauf in den abgründigen Szenen herumspuken. Das ist alles nicht frei von viel grotesker Situationskomik, die bei den Zuhörern, die gleichzeitig auch Zuschauer sind, ein Dauerschmunzeln auf den Gesichtern hervorruft.

Das tun auch seine Kurztexte, von denen der Autor eigens für den mündlichen Vortrag komponierte «Spoken-word-Texte» vortrug. Hier wurden Sound und Rhythmus der Sprache besonders glücklich von Roman Nowkas transparentem Gitarrenspiel unterstützt und begleitet. Das Publikum bedankte sich für den spannenden Vortrag, auch für das zwischen den Lesungen servierte vorzügliche Mehrgang-Menu, mit anhaltendem Applaus.