Namensvetter mit ungewöhnlicher Distanz

Wieso Oberhelfenschwil und Niederhelfenschwil fast gleich heissen und trotzdem nicht beieinander liegen

Ursula Ammann
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15 Kilometer Luftlinie und fast 30 Kilometer Strasse trennen Oberhelfenschwil und Nieder­helfenschwil. Die Autofahrt vom einen ins andere Dorf dauert gut und gerne eine halbe Stunde. Dies, obwohl die Namen der beiden Ortschaften eigentlich auf lokale Nähe schliessen lassen würden – so wie bei Oberuzwil und Niederuzwil beispielsweise, oder bei Oberbüren und Niederbüren.

Auf die ungewöhnlich grosse Distanz zwischen Niederhel­fenschwil und Oberhelfenschwil wird auch im Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen hingewiesen. Es ist festgehalten, die beiden Namen seien erst seit dem 15. Jahrhundert (Niederhel­fenschwil) respektive dem 16. Jahrhundert (Oberhelfenschwil) durch die Adjektive nieder («tiefer gelegen») und ober («höher gelegen») voneinander unterschieden worden.

«Das ist spät, wenn man bedenkt, dass man dank einer sehr guten schriftlichen Beleglage die beiden Ortsnamen problemlos bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen kann», sagt der Sprachwissenschafter Martin Hannes Graf, Redaktor am Schweizerischen Idiotikon und Co-Projektleiter von Ortsnamen.ch. «Die Belege lassen sich auch gut dem einen und dem anderen Ort zuordnen.» Offensichtlich habe man es aber erst seit Beginn der Neuzeit als notwendig erachtet, die beiden identischen Ortsnamen schriftlich voneinander zu unterscheiden.

Im Weiler des Helfolt

Niederhelfenschwil und Oberhelfenschwil hiessen einst «Helfolteswilare». Gemäss den Autoren des Lexikons der schweizerischen Gemeindenamen sind die beiden Ortschaften unabhängig voneinander entstanden, jedoch mit demselben Benennungsmotiv. «Unter Letzterem versteht man die Benennungspraxis, wonach Gehöfte zur Zeit ihrer Gründung typischerweise mit einem Personennamen im Vorderglied gebildet wurde», sagt Martin Hannes Graf.

Die Bezeichnung «Helfoteswilare» liesse sich demnach mit «Gehöft/Weiler des Helfolt» übersetzen. «Ob da zweimal derselbe Helfolt als Gründer der Siedlung und Namensgeber stand, ist unwahrscheinlich», sagt Martin Hannes Graf. Denn der Personenname Helfolt sei auch andernorts für die Region im 9. Jahrhundert bezeugt. Zudem seien die Orte ohnehin ein- bis zweihundert Jahre früher gegründet worden.

Irrtümer machen auch vor Toten nicht Halt

Noch vor einigen Jahren habe die Ähnlichkeit dieser beiden Namen ab und zu einmal zu Missverständnissen geführt, sagt Toni Hässig, Gemeindepräsident von Oberhelfenschwil. Er ist im Ort aufgewachsen und kann sich gut an Autofahrer erinnern, die Oberhelfenschwil ansteuerten im Glauben, dann auch gleich in Niederhelfenschwil zu sein. «Im Zeitalter der Navigationsgeräte besteht diese Gefahr eigentlich nicht mehr», sagt er. Aber es gebe auch heute noch Leute, die Oberhelfenschwil und Niederhel­fenschwil als Nachbargemeinden wähnen.

Gerade weil man diese Gemeinden zusammen vermutet, wird auch Simon Thalmann, Gemeindepräsident von Nieder­helfenschwil, oft auf das Thema angesprochen. Eine örtliche oder politische Verbindung zwischen den Namensvettern gebe es zwar nicht, sagt Simon Thalmann, aber eine gewisse Verbundenheit schon. Wenn er an einem Anlass auf Toni Hässig treffe, begrüsse man sich schon etwas anders, sagt er. «Schliesslich führen wir beide ein ‹Helfenschwil› im Namen.» Die Bezeichnung «Helfenschwil» oder, zu Schweizerdeutsch, «Hälfetschwil» werde in Niederhelfenschwil auch als Abkürzung benutzt.

Im Übrigen erzählt man sich im Ort, dass einst eine Leiche irrtümlicherweise nach Niederhelfenschwil gebracht worden ist – wohl aus dem Spital. Es stellte sich heraus, dass deren Zielort eigentlich Oberhelfenschwil war. Man hat die Leiche dann angeblich dorthin nachgeliefert.

Ursula Ammann