NAHER OSTEN: «Das wird Generationen dauern»

In der Aula der Kantonsschule Wattwil sprach Nahostkorrespondent Pascal Weber über die schmerzhafte Neuordnung der arabischen Welt und die Not der Zivilbevölkerung in den Krisengebieten.

Peter Küpfer
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Der Nahostkorrespondent Pascal Weber fesselte sein Publikum von Beginn an. Beim Signieren des Buches gab es weitere Gelegenheiten für Fragen und Antworten. (Bild: Peter Küpfer)

Der Nahostkorrespondent Pascal Weber fesselte sein Publikum von Beginn an. Beim Signieren des Buches gab es weitere Gelegenheiten für Fragen und Antworten. (Bild: Peter Küpfer)

Der ehemalige Absolvent der Kantonsschule Wattwil erinnerte sich, dass er seinerzeit in eben dieser Aula das Maturitätszeugnis entgegengenommen hatte. Pascal Weber habe schon in der Kanti-Zeit den Traum gehabt, als Auslandkorrespondent zu wirken, sagte er im Gespräch nach dem Anlass (siehe Kasten). Der SRF-Korrespondent, der seit dem Arabischen Frühling aus dem seit Jahrzehnten von Krisen und Kriegen heimgesuchten Nahen Osten berichtet, zeigte sich erfreut, dass so viele junge Menschen anwesend waren. Leider war der ebenfalls angekündigte Nahostspezialist Werner van Gent verhindert.

Mit Sprachlosen sprechen

Den Anfang machte Pascal Weber mit einem eindrücklichen Ausschnitt aus seinem eben erschienenen Buch, in denen er prägende Erlebnisse hautnah schildert. Es hat den bezeichnenden Titel «Bashar lernt laufen». Wie das gemeint ist, zeigte der vorgelesene Ausschnitt erschreckend deutlich.

Am Beispiel des damals 14-jährigen Kriegsopfers kann man ermessen, welchen Schrecken die Zivilbevölkerung seit Jahren, in vielen Fällen auch jahrzehntelag, ausgesetzt ist. Auch jetzt wieder, in Homs, in Aleppo, im seit Wochen unter schwerem Beschuss stehenden Mosul. Bashars Schicksal ist durchaus «typisch». Der Jugendliche erwacht nach einem Luftangriff in den Trümmern seines ehemaligen Hauses aus seiner Ohnmacht, neben seinem toten Vater, mit einem stechenden Schmerz dort, wo vor der Bombardierung noch sein Bein war. Das Buch nimmt Bashars Fall auf und schildert den weiteren Weg des jugendlichen Kriegsopfers. Wie durch ein Wunder überlebt Bashar, wird erfolgreich operiert und lernt dann, nach Anpassung einer Prothese, wieder laufen – eine Wendung, die der tapfere junge Mann als grosses Glück empfindet. Der Ausschnitt verrät viel, auch über Motivation und Arbeitsweise Pascal Webers. Er wurde durch ebenso eindrückliches Filmmaterial ergänzt. Pascal Weber will aktuelle Geschichte nicht nur analysieren, sondern sie aus dem Blickwinkel der Betroffenen auch miterlebbar machen. Dabei bleibt er durchaus Historiker. «Der IS fiel nicht vom Himmel», erläuterter Weber. Und zeigt mit grosser Kenntnis Konstanten und Entwicklungslinien auf. Sie wurzeln gerade auch im Falle des IS im Ersten Weltkrieg und dem Untergang des Osmanischen Reiches, damals eine regionale arabische Supermacht. «Der IS macht etwas ganz Einfaches, obwohl es mörderisch und kriminell ist. Er will das alte arabische Kalifat, also den islamischen Gottesstaat wieder herstellen, diesmal unter seiner eigenen ideologischen Vorherrschaft. Das ist eine Kampfansage an den Nationalstaat nach westeuropäischem Muster. Und dann natürlich auch an unseren westlichen Lebensstil.» Dahinter stünden auch Racheimpulse für erlittene Demütigungen, führte Weber weiter aus. Er nennt sie arabische Traumas. Dazu gehöre die politische Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg unter der Regie der siegreichen Mächte, allen voran Englands. Die Sieger nahmen damals bei ihrer Neuaufteilung keine Rücksicht auf überkommene Verhältnisse und schufen auf der Landkarte neue Staaten, ihren Interessen und Einflusssphären entsprechend: Syrien, den Irak, Jordanien, den Libanon, Palästina. Dabei hätten sie keine Rücksicht auf die dortigen ethnischen und kulturellen Verhältnisse genommen. Solche historischen Gegebenheiten gehörten zu den Wurzeln der heutigen Krisen. Dabei gehe es ihm nicht um Schuldzuweisungen.

In der lebhaften Diskussion wurde eindringlich die Frage nach dem Frieden in der Region gestellt. Der Referent sah hier durchaus Wege, sie müssten aber kleinschrittig und langfristig angelegt sein. Es müsse zuerst wieder Vertrauen in die andere Seite geschaffen werden. Die Schweiz leiste gerade dazu ihren Beitrag, oft hinter den Kulissen. Friede? «Es wird auf jeden Fall Generationen dauern», sagte Pascal Weber.