Nahe an der Gegenwart

HERISAU. Morgen wird das neue Staatsarchiv eröffnet. Dies mit einem Fest, das Besucherinnen und Besuchern einige neue Seiten an Ausserrhoden zeigen wird. Der Besuch lohnt sich aber noch aus einem anderen Grund.

Guido Berlinger-Bolt
Merken
Drucken
Teilen
Ein Meter (von 4874 Metern) Geschichte. Und damit nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus der Fülle von Dokumenten aus vier Jahrhunderten Ausserrhoder Geschichte. (Bilder: gbe)

Ein Meter (von 4874 Metern) Geschichte. Und damit nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus der Fülle von Dokumenten aus vier Jahrhunderten Ausserrhoder Geschichte. (Bilder: gbe)

Ende Oktober fand die Schlüsselübergabe statt: Seither wurde das ehemalige Zeughaus auf dem Ebnet nicht nur von Polizisten und Juristinnen bezogen, sondern auch von Historikern. Im historischen Teil des Zeughauses befindet sich der neue Sitz der Ausserrhoder Kantonspolizei, im modernen Annexbau das Staatsarchiv. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihren Umzug Ende 2012 abgeschlossen und nehmen dieser Tage die Arbeit an neuer Wirkungsstätte auf. Diesen Neubeginn – es ist der neunte seit der Gründung des Staatsarchivs 1811 – begeht das Personal und die Politik gemeinsam mit der Ausserrhoder Bevölkerung morgen feierlich (siehe Kasten).

Kein Ort des Vergangenen

Wieso diese Aufteilung? Warum ist das geschichtswissenschaftlich wirkende Staatsarchiv nicht im historischen Gebäude untergebracht? Das wird Peter Witschi dieser Tage häufig gefragt. Der Ausserrhoder Staatsarchivar antwortet jedes Mal kurz: «Weil wir nahe an der Gegenwart sind.» Meint: Im Staatsarchiv werden auch, aber längst nicht nur, die Dokumente aus der Ausserrhoder Geschichte seit der Landteilung 1597 aufbewahrt; über der Geschichte wird geforscht, und dieser forschende Blick geht aus der Gegenwart in die Vergangenheit. So gesehen passen Inhalt und Form des neuen Staatsarchivs durchaus zusammen. Und Witschi sagt: «Ich freue mich an der modernen Architektur.» Das Gebäude bietet den Mitarbeitern und Besucherinnen selbstredend viele Vorteile gegenüber der bisherigen Station im UBS-Gebäude am Obstmarkt. Das Raumprogramm über die drei Stockwerke sieht kurz so aus: Im Untergeschoss, im atombombensicheren Bunker befindet sich das Archiv; die Dokumente, Akten, aber auch Fotos, Mikrofilme und Filme können hier unter optimalen Bedingungen aufbewahrt werden. Dank Zuschüssen aus der Bundeskasse konnten vier Kühlräume speziell für Fotoabzüge und -negative und Filmrollen realisiert werden. Dieser unterirdische Kulturgüterschutzbereich misst eine Fläche von 780 m2. Im Erdgeschoss befinden sich die Publikumsräume: Ein Lesesaal mit einer Archivbibliothek (ohne Ausleihmöglichkeit, wie auch der übrige Bestand nicht ausgeliehen werden kann). Und im Obergeschoss des Annexbaus schliesslich befinden sich die Büros der Mitarbeitenden, ein Sortierraum und ein Sitzungszimmer. Am Eröffnungsfest von morgen erhalten Interessierte einen vertieften Einblick in die Arbeit und in die Arbeitsbedingungen im Archiv.

Fünf Kilometer Tablare

Die Gesamtfläche des neuen Staatsarchivs beträgt genau 1000 m2; 190 Schubladen stehen zur Lagerung von Objekten zur Verfügung und fast fünf Kilometer Tablarlaufmeter umfasst das Regalsystem unter dem ehemaligen Zeughaus und seinem Annexbau.

Doch was bedeutet das neue Staatsarchiv für die Erinnerungskultur in Appenzell Ausserrhoden? Peter Witschi: «Es leistet einen positiven Beitrag zur Wahrnehmung des Kantons – der sich ja nicht immer leichttut mit seiner Positionierung. Appenzell Ausserrhoden besteht seit rund 400 Jahren. Hier erhält der Kanton einen offenen Ort des Gedächtnisses.» In der Tat: Das Staatsarchiv hat Öffnungszeiten, dienstags bis freitags ist der Lesesaal und die Bibliothek jeweils von 8 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 17 Uhr öffentlich zugänglich. «Davon verspreche ich mir, dass hier stärker geforscht wird», so der Staatsarchivar. Auch von Privaten, die sich etwa für die eigene Familiengeschichte interessieren oder für die Geschichte ihres Hauses.

Auch das meint Peter Witschi, wenn er sagt: «Wir sind nahe an der Gegenwart.» Das Gedächtnis von Appenzell Ausserrhoden wird in der Gegenwart gepflegt. Das Staatsarchiv indessen denkt bereits heute weiter: In nächster Zukunft wird die Frage des digitalen Gedächtnisses wichtiger werden – welche elektronischen Daten sind archivwürdig? Eine Frage von Terabytes. Eine Frage, mit der sich eine Mitarbeiterin Peter Witschis seit kurzem intensiv auseinandersetzt.

Peter Witschi mit einem Malefizprotokoll von 1598.

Peter Witschi mit einem Malefizprotokoll von 1598.