Nähstunde im Nationalrat

Heute geht in Bern die Herbstsession der eidgenössischen Räte zu Ende. Ob alle Geschäfte, die hätten erledigt werden wollen und werden sollen, auch tatsächlich unter Dach und Fach gebracht wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.

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Heute geht in Bern die Herbstsession der eidgenössischen Räte zu Ende. Ob alle Geschäfte, die hätten erledigt werden wollen und werden sollen, auch tatsächlich unter Dach und Fach gebracht wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Anzunehmen ist aber eher ein weiteres Anwachsen des Pendenzenbergs. Immerhin lässt sich feststellen, dass zumindest aus nähtechnischer Sicht im Nationalrat abschliessende Arbeit geleistet worden ist. Nähtechnik im Nationalrat? Das bedarf näherer Erläuterung.

Am Tag des Besuchs von UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon im Bundeshaus hatte ich Gelegenheit, das Geschehen in den beiden Räten ab den Tribünen zu verfolgen. Dabei ist mir im Nationalratssaal nebst dem Üblichen – vorne redet jemand, hinten hört fast niemand zu – auch eine Parlamentarierin aufgefallen, die ganz unzweifelhaft mit unparlamentarischen Verrichtungen beschäftigt war: Sie nähte an einem Jäckchen einen Knopf an. Was ihren Namen betrifft, so soll sie in dieser Brosmete parlamentarische Immunität geniessen. Verraten sei lediglich, dass sie dem bürgerlichen Lager zuzurechnen ist und bei ihren nicht seltenen Auftritten im Fernsehen stets auch ein bisschen den Eindruck erweckt, bei ihr handle es sich um eine käfrige Frohnatur. Dieses Empfinden hatte ich auch, als ich sie beim Mittagessen im Bundeshaus-Restaurant auf ihre textile Tätigkeit ansprach. Herzlich lachend gab sie zu verstehen, sie habe doch dem UNO-Generalsekretär nicht mit einem fehlenden Jäckchenknopf gegenübertreten können. Ich musste ihr recht geben, denn das hätte die Welt tatsächlich in ihren Grundfesten erschüttert. Ausserdem weiss ich nun, dass es Nationalrätinnen gibt, die des Nähens noch mächtig sind.

Ob ihre Sache deswegen stets Faden hat, steht dahin.

Martin Hüsler