NACHWUCHS: Jugendliche wollen Spass, aber auch Verantwortung

Obwohl Jugendliche sich Spass im zukünftigen Beruf wünschen, scheuen sie sich nicht, Verantwortung zu übernehmen. Auch an die Familie denken sie schon in jungen Jahren.

Ruben Schönenberger
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Michael Beck, Institutsleiter an der Pädagogischen Hochschule, referierte auf Einladung von Philippe Schiess (rechts) über die Jugendstudie.

Michael Beck, Institutsleiter an der Pädagogischen Hochschule, referierte auf Einladung von Philippe Schiess (rechts) über die Jugendstudie.

«Junge Fachkräfte sind die Zukunft. Wir müssen verstehen, wie wir sie für unser Unternehmen begeistern können», sagte Philippe Schiess zur Eröffnung der Herbstversammlung der Arbeitgebervereinigung Region Toggenburg (ART) in der Brauerei St. Johann. Damit war auch die Ausgangslage bereits skizziert: Immer mehr müssen Firmen die Jugendlichen von sich überzeugen, nicht mehr umgekehrt.

Michael Beck, Leiter des Instituts Bildung und Gesellschaft der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, hat die Ostschweizer Jugend eingehend analysiert. Eine Jugendstudie ermöglicht erstmals konkrete Einblicke in die Welt Ostschweizer Jugendlicher. In dieser wurden 1333 Schülerinnen und Schüler zwischen 11 und 16 Jahren in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden befragt. Einige Resultate überraschen wenig: Die liebste Freizeitbeschäftigung der Jugendlichen ist die Unterhaltung übers Internet, gefolgt von der Kommunikation übers Internet.

Lohn und Ansehen nicht am wichtigsten

Andere Erkenntnisse fallen stärker auf. Bei den Erwartungen an die zukünftige Arbeitsstelle liegt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf Platz Zwei, überflügelt nur vom Spass an der Arbeit. «Dieser Wert ist in der Ostschweiz deutlich höher als in der restlichen Deutschschweiz», stellte Beck fest. Das gleiche ­ gelte für die Erwartung, bei der Arbeitsstelle Verantwortung übernehmen zu können. Diese Erwartung komme schon auf Platz Vier. Eher am Ende der insgesamt neun Punkte umfassenden Rangliste stehen dagegen die finanziellen Erwartungen an den künftigen Job sowie das Ansehen des Berufs. Auffallend auch: Nur wenige Schülerinnen und Schüler geben an, sich einen Beruf im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) zu wünschen. Noch weniger denken, dass dies auch passiert. Sicher sind sich die meisten Jugendlichen jedoch, dass sie den gewünschten Abschluss schaffen und dass danach ihre beruflichen Wünsche in Erfüllung gehen. Beck bilanzierte abschliessend: «Ostschweizer Jugendliche wollen Spass, gute soziale Beziehungen und Freiheit. Sie sind aber auch bereit, Verantwortung zu übernehmen.»

Fast alle ICT-Stellen werden besetzt

Dass wenige Schülerinnen und Schüler eine Stelle im ICT-Bereich suchen, könnte auch mit der Anzahl verfügbarer Stellen zusammenhängen. Während über die letzten Jahre nämlich im Schnitt zwischen 90 und 94 Prozent der Lehrstellen besetzt werden konnten, blieben im ICT-Bereich kaum Stellen unbesetzt. «Für 99 Prozent der Lehrstellen wird hier ein Lernender oder eine Lernende gefunden», führte Cécile Ziegler von der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg (BLBT) aus. Ziegler berät unter anderem Jugendliche und Eltern bei der Lehrstellensuche.

«In der Phase der Berufswahl erfährt das Gehirn der Jugendlichen gerade eine gröbere Renovation», erklärte sie. Das könne den Berufswahlprozess schwieriger gestalten. Die Interessen der Jugendlichen könnten sich in der Zeit der Lehrstellensuche bedeutend ändern. Teilweise erfolgen diese Veränderungen dann, wenn die Jugendlichen die Lehrstelle bereits angetreten haben. Das ist einer der Gründe, weshalb zwischen acht und zehn Prozent der Lehrverträge von Toggenburger Lehrbetrieben wieder aufgelöst werden. Insgesamt existieren im Toggenburg rund 1000 Lehrverhältnisse. Über eine Bewilligung zur Ausbildung verfügen rund 520 Betriebe im Toggenburg, nicht alle bilden aktuell auch Lernende aus. «Das Engagement im Toggenburg ist gross», sagt Ziegler. Das zeige sich auch daran, dass 78 Lehrbetriebe am letzten Lehrstellenforum Toggenburg teilnahmen.

Viele Einflusspersonen, viele Einflussfaktoren

Nicht nur die Firmen sind aber bestrebt, junge Fachkräfte auszubilden. «Das ist das gemeinsame Ziel ganz vieler verschiedener Personen und Gruppen», sagt Ziegler. Dazu gehören neben den Lehrbetrieben auch Kolleginnen und Kollegen, die Eltern und ebenso Lehrpersonen.

Nicht nur viele Personen beeinflussen die Berufswahl, sondern auch viele verschiedene Faktoren. Dazu gehörten strukturelle Veränderungen, konjunkturelle Schwankungen oder demografische Entwicklungen. Ziegler warnte davor, Lehrstellen zu früh auszuschreiben. Neulich hätte ein Unternehmen schon Lernende für den August 2019 gesucht. «Stellen Sie sich vor, Sie müssten jetzt schon ein Stellenangebot für in knapp zwei Jahren annehmen», sagt Ziegler. Für Erwachsene sei es schon schwierig, die eigenen Vorstellungen in zwei Jahren zu kennen. Bei Jugendlichen treffe das noch viel mehr zu. Sowieso lohne es sich, sich Zeit zu lassen. «Je besser Betrieb und Lernende zusammenpassen, desto höher ist auch die Motivation und die Produktivität der Jugendlichen.»

Cécile Ziegler, Leiterin der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg, befasst sich täglich mit Berufswahlprozessen. (Bilder: Ruben Schönenberger)

Cécile Ziegler, Leiterin der Berufs- und Laufbahnberatung Toggenburg, befasst sich täglich mit Berufswahlprozessen. (Bilder: Ruben Schönenberger)