Nachfolgeregelung mit Emotionen

Die Nachfolgeregelung in einem KMU ist nicht immer einfach. Lisbeth und Walter Wohlgensinger haben sich deshalb bereits vor drei Jahren die ersten Gedanken dazu gemacht. Sie haben gerechnet, dass sich der Prozess über Jahre hinziehen könnte, sind nun aber bereits fündig geworden.

Beatrice Bollhalder
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Lisbeth und Walter Wohlgensinger haben sich viele Gedanken zur bevorstehenden Geschäftsübergabe der Wohlgensinger AG Holzbau gemacht. Das Vorgehen hat bei den Beiden viele Emotionen ausgelöst. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Lisbeth und Walter Wohlgensinger haben sich viele Gedanken zur bevorstehenden Geschäftsübergabe der Wohlgensinger AG Holzbau gemacht. Das Vorgehen hat bei den Beiden viele Emotionen ausgelöst. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Herr Wohlgensinger, Sie geben die Verantwortung für Ihre Firma per Ende dieses Jahres ab. Fehlt es Ihnen an der nötigen Energie?

Walter Wohlgensinger: Nein, die habe ich schon noch und ich werde auch weiterhin für die Firma tätig sein. Ich bin aber ein verantwortungsbewusster Patron und habe mir an jedem runden Geburtstag gesagt, dass ich mit 60 Jahren wissen wolle, wie es mit dem Geschäft weitergehen würde.

Haben Sie dieses Ziel erreicht?

Walter Wohlgensinger: Ja, ich werde jetzt 58 Jahre alt und wir haben mit Simon und Carmen Rutz aus Bazenheid Nachfolger gefunden, von denen wir überzeugt sind, dass sie die Firma ab Neujahr in unserem Sinn weiterführen.

Lisbeth Wohlgensinger: In unserem Sinn heisst, dass unsere Mitarbeiter nicht fürchten müssen, ihre Stelle zu verlieren.

Werden Sie beide im kommenden Jahr also nicht mehr arbeiten?

Walter Wohlgensinger: Oh doch (lacht). Dafür wäre ich nun doch etwas zu jung. Ich rechne damit, mein Know-how die nächsten paar Jahre noch einbringen zu können. Aber ich kann dann wenigstens die grosse Verantwortung abgeben. Die Erholungszeit wird immer grösser, je älter man wird. Das spüre ich immer mehr.

Die Nachfolgeregelung habe ich vor drei Jahren ins Auge gefasst, da man durchschnittlich mit fünf bis zehn Jahren rechnet, bis sich jeweils eine gute Lösung abzeichnet. Wir hatten Glück, dass wir vorher fündig geworden sind. Lisbeth Wohlgensinger: Wir hatten nicht nur Glück, sondern auch ein gutes Netzwerk. Walter engagiert sich seit vielen Jahren im Verband und gehört seit Jahrzehnten dem Sechser-Club, einer lockeren Verbindung von Berufskollegen an. Unsere Nachfolger haben durch diese erfahren, dass wir uns mit der Nachfolge beschäftigen.

Sie haben sich während der ganzen Zeit, in der Sie die Firma führten, auch ausserhalb stark engagiert. Bringt das etwas und würden Sie das Ihrem Nachfolger auch empfehlen?

Walter Wohlgensinger: Ja, das Engagement ist wichtig und bringt nicht nur einem selber viel. Öffentlichkeitsarbeit oder das Mitmachen in Vereinen bringt gute Kontakte.

Und gesellige Stunden, oder?

Walter Wohlgensinger: Sie sprechen sicher das Singen an. Ja, ich bin bekannt dafür, dass ich bei einem Anlass stets die Singbüchlein dabei habe. Sei es im Gewerbeverein oder sonst irgendwo, es wird alles gleich viel lockerer, wenn man gemeinsam singt. Und da viele die Texte nicht mehr können, sind meine Büchlein immer willkommen.

Frau Wohlgensinger, Sie haben vier Kinder grossgezogen und gleichzeitig Ihren Mann im Geschäft tatkräftig unterstützt. Geht das gut und würden Sie es wieder so machen?

Lisbeth Wohlgensinger: Ja, sicher. Ich lernte mich zu organisieren und meine Stärken einzubringen, wo es gerade nötig war. Zudem war, dank der Tatsache, dass sich das Büro in unserem Haus befindet, immer jemand da, wenn eines unserer Kinder uns brauchte. Ich finde es wichtig, dass eine Frau weiss, was den Partner bedrückt und beschäftigt. Es ist einfacher, ihn zu unterstützen und am gleichen Strick zu ziehen. Für einen KMU-Betrieb sehe ich nur Vorteile, zudem sind es auch meistens Familienbetriebe. Wir haben für den Betrieb gelebt.

Ist es heute schwieriger, für eine Firma Nachfolger zu finden?

Walter Wohlgensinger: Ja, wenn man sich der Verantwortung bewusst ist, ist das Ganze ein langwieriger und vor allem emotional anspruchsvoller Prozess. Immerhin ist die Wohlgensinger AG Holzbau die zweitgrösste Arbeitgeberin in der Gemeinde. Wir haben also eine grosse soziale Verantwortung. Aus dem Kleinbetrieb, den ich als 22-Jähriger von meinem Vater und dessen zwei Brüdern übernommen habe, ist in den letzten 36 Jahren eine Firma mit 32 Mitarbeitern geworden.

Gab es keinen Nachfolger innerhalb der Familie?

Walter Wohlgensinger: Nein, wir haben zwar vier Kinder, aber von diesen wollte keines in unsere Fussstapfen treten.

Innerhalb der Firma konnte auch niemand gefunden werden? Immerhin gehören ihr ja viele langjährige Mitarbeiter an.

Walter Wohlgensinger: Ja, richtig, wir konnten auch in diesem Jahr wieder langjährige Mitarbeiter für ihre Treue auszeichnen. Die Einzelgespräche, die wir mit unseren Kader-Mitarbeitern geführt hatten – wir haben ihnen auch Zeit gegeben, sich einen solchen Schritt zu überlegen – waren leider nicht von Erfolg gekrönt.

Wie sind Sie weiter vorgegangen?

Walter Wohlgensinger: Wir kamen zum Schluss, dass die Firma nun ausgeschrieben werden muss. Wobei ich betonen möchte, dass es uns nie darum ging, eine Firma zu verkaufen, sondern die Arbeits- und auch die Ausbildungsplätze zu erhalten. Der Profit stand für uns nie an erster Stelle.

Mussten Sie für den bevorstehenden Verkauf besondere Unterlagen erstellen?

Walter Wohlgensinger: Studierende der Fachhochschule St.Gallen haben zu dieser Zeit eine Unternehmensanalyse über unsere Firma erstellt. Das ist uns entgegengekommen. Unzählige Sitzungen mit den Studierenden waren nötig und der Aufwand war auch für uns relativ gross. Dieses Projekt hat uns sehr geholfen, da jemand von aussen die Firma betrachtet hat. Uns wurde also so etwas wie ein Spiegel vorgehalten. Wir mussten uns für die Analyse auch manchmal Gedanken machen, die wir uns sonst nicht gemacht hätten.

Haben sich auf das Inserat ernsthafte Interessenten gemeldet?

Walter Wohlgensinger: Ja, aber für uns keine geeigneten Kandidaten. Unsere Firma hätte zu einer Filiale von grossen Betrieben werden können und wäre dann eines Tages vielleicht nicht viel mehr gewesen als ein Holzlager. Das wollten wir definitiv nicht.

Wir haben im Bekanntenkreis und bei Kollegen verlauten lassen, dass wir auf der Suche sind, und dies hat gefruchtet. Mit zwei Kandidaten und deren Frauen haben wir während eines ganzen Jahres unabhängig voneinander immer wieder zusammengesessen und eine mögliche Nachfolge erarbeitet. Dabei mussten wir stets darauf achten, dass beide Paare auf dem gleichen Stand waren. Die Interessenten haben gewusst, dass noch jemand weiterer da war, aber nicht wer.

Wussten die Mitarbeiter Bescheid?

Walter Wohlgensinger: Ja. Zu meinem 40-Jahr-Berufsjubiläum im Jahr 2012 haben wir alle Mitarbeiter zu einem Anlass in die Taamühle eingeladen. Bei dieser Gelegenheit teilten wir ihnen mit, dass wir daran denken, die Nachfolge ins Auge zu fassen. Ich habe die Mitarbeiter bei dieser Gelegenheit gebeten, gleich motiviert weiter zu arbeiten wie bisher, denn nur auf einer gut aufgestellten Firma lässt sich eine Nachfolge finden.

Lisbeth Wohlgensinger: Es ist einfach – trotzdem war es sehr emotional – an einem geselligen Anlass eine solche Ankündigung zu machen. Immerhin ist der Schritt eine Firma loszulassen fast so, wie wenn man ein Kind loslassen muss.

Walter Wohlgensinger: Wir haben gegenüber den Mitarbeitern in den folgenden Jahren dann keine Aussagen mehr bezüglich dieses Projektes gemacht, bevor das Vorhaben in trockenen Tüchern war. Es nützt nichts, wenn spekuliert und geredet wird.

Wie war es für Sie, diese Gespräche zu führen?

Walter Wohlgensinger: Sehr emotional, anstrengend, aber höchst interessant. Immerhin musste dieses grosse Projekt nebst dem Tagesgeschäft gestemmt werden.

Konnten Sie sich gut für einen der Kandidaten entscheiden?

Walter Wohlgensinger: Das mussten wir zum Glück nicht. Die Gespräche liefen mit beiden gut. Die Chemie hat gestimmt und das Bauchgefühl auch. Eines Tages hat sich dann der eine Bewerber aus persönlichen Gründen zurückgezogen. Wir haben den anderen dann sofort darüber informiert, dass seine Chance, den Betrieb übernehmen zu können, gestiegen sei. Wir waren glücklich, als uns Carmen und Simon Rutz kurz darauf telefonisch mitteilten, dass sie überzeugt seien, dass ihre berufliche Zukunft übers Aufeld führen würde.

Lisbeth Wohlgensinger: Das war das schönste Telefongespräch, als sie uns ihre grundsätzliche Zusage gaben.

Ist es denn für einen jungen Unternehmer heutzutage überhaupt noch möglich, die für eine solche Firma erforderlichen Mittel zu beschaffen?

Walter Wohlgensinger: Ich muss sagen, dass hier die Banken nicht sehr entgegenkommend sind. Wir haben aber während der ganzen Verhandlungen darauf geachtet, dass das Ganze für einen Nachfolger finanzierbar bleibt. Erst nachdem die Geldgeber eine Besichtigung des Betriebes vorgenommen hatten, gab es von der finanziellen Seite her grünes Licht. Wer den Betrieb mit dem guten Namen, dem soliden Kundenstamm und den motivierten Mitarbeitern kennt, weiss aber, dass die Wohlgensinger AG Holzbau ihren Wert hat.

Sind die Verträge bereits unterzeichnet?

Walter Wohlgensinger: Im November 2013 war alles aufgegleist. Carmen und Simon Rutz teilten uns dann mit, dass sie für den grossen Schritt bereit seien. Plötzlich ging alles sehr schnell. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich immer noch 2016 als Ziel der Geschäftsübergabe angepeilt. Nun hiess es, die Einstellung ändern. Denn wenn ein Nachfolger bereit ist, muss man loslassen. Man darf den Zeitpunkt dann nicht mehr hinauszögern. Der Aktien-Kaufvertrag wurde unterschrieben. Kurz vor Weihnachten liessen wir die Katze dann aus dem Sack. Zuerst wurden die Mitarbeiter, dann die Öffentlichkeit informiert.

Lisbeth Wohlgensinger: Wir schätzten uns glücklich, dass wir so schnell jemanden finden konnten, der die Firma weiterführt. Und doch schwang jetzt auch so etwas wie Wehmut mit. Erneut nutzten wir einen geselligen Anlass, um die Neuigkeit mitzuteilen. Bei einem Feierabend-Fondue stellten wir Carmen und Simon Rutz offiziell als neue Inhaber der Wohlgensinger AG Holzbau vor. Das war ein guter Abend für alle.

Wie haben die Mitarbeiter auf die Ankündigung reagiert?

Walter Wohlgensinger: Sie haben Carmen und Simon Rutz bereits früher kennengelernt. Das Einfamilienhaus der Familie Rutz wurde nämlich von der Wohlgensinger AG Holzbau gebaut. Keiner unserer Mitarbeiter hat seit der Ankündigung des Nachfolgers negativ oder mit Ängsten reagiert.

Hat sich Simon Rutz bereits in die Firma eingearbeitet?

Walter Wohlgensinger: Ja, indirekt. Wir treffen uns in diesem Jahr zweimal monatlich für die Erarbeitung der Übergabe. Ausserdem kamen aus dem Umfeld der neuen Inhaber bereits einige Aufträge.

Was wird sich für die Kunden alles ändern?

Walter Wohlgensinger: Nicht viel. Die Firma wird weiterhin so heissen, wie bisher. Ab Anfang Jahr heisst der Inhaber aber Simon Rutz und ab dem 30. März wird er auch Geschäftsführer sein. Da nicht alle Abschlüsse bis Ende Jahr vorgenommen werden können, werde ich die ersten drei Monate des neuen Jahres das Geschäft noch weiter führen. Lisbeth und ich werden weiterhin mit einem Teilpensum bei der Wohlgensinger AG Holzbau tätig sein. Wir haben aber beide gegenseitig kündbare Arbeitsverträge abgeschlossen. Das ist wichtig, falls aus irgendwelchen Gründen Veränderungen anstehen sollten.

Der neue Geschäftsführer Simon Rutz wird sein Büro in der Halle einrichten. Ihm ist wichtig, dass er räumlich nah bei den Mitarbeitenden ist.

Was machen Sie mit der freien Zeit?

Walter Wohlgensinger: Lisbeth und ich haben die Wali GmbH gegründet. Anfang des nächsten Jahres wird das Bauvorhaben im Grund – dort entsteht ein Mehrfamilienhaus in Holzbauweise – gestartet. Natürlich wird die Wohlgensinger AG Holzbau dort die Bauarbeiten ausführen. Damit hat sie bereits ein grosses Startprojekt.

Ausserdem möchte ich einfach einmal loslaufen können. Unter dem Motto: Ich bin dann mal weg, möchte ich gerne mit meiner Frau ein paar Wochen unterwegs sein, ganz ohne festes Ziel.

Was ist nun bezüglich Firmenübergabe weiter geplant?

Walter Wohlgensinger: Am Zukunftstag, dem 14. November, werden wir unser und auch das Umfeld von Carmen und Simon Rutz zusammenführen. Zusammen mit Mitarbeitern, Kunden, Zulieferern, Geschäftsfreunden und den Familien wollen wir auf eine erfolgreiche Zukunft anstossen.

Lisbeth Wohlgensinger: Das wird ein grosser interner Anlass, an dem wir schon seit Wochen planen und arbeiten. Wir erwarten gegen 700 geladene Gäste. Unser Motto lautet: «Zusammenkunft ist ein Anfang, Zusammenhalt ist ein Fortschritt. Zusammenarbeit ist der Erfolg».

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