Fleischverarbeitung
Nach dem Aus für Schaumetzgerei-Projekt in Heiden: Schlachthaus steht vor einer ungewissen Zukunft

Bei der Suche nach einer neuen Verwendung für das Schlachthaus muss die Gemeinde Heiden zurück auf Feld eins. Sie will kein Geld in die Sanierung des Objekts investieren. Der Heimatschutz spricht sich jedoch für dessen Erhalt aus.

Jesko Calderara
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Das alte Schlachthaus in Heiden ist seit Jahren ungenutzt. Die Gemeinde sucht deshalb eine neue Verwendung.

Das alte Schlachthaus in Heiden ist seit Jahren ungenutzt. Die Gemeinde sucht deshalb eine neue Verwendung.

Bild: David Scarano

Es hätte ein Pionierprojekt mit überregionaler Ausstrahlung werden sollen: die geplante Schaumetzgerei in Heiden. Eine Projektgruppe unter der Leitung des Zürcher Büros gutundgut hat in den vergangenen zwei Jahren die Pläne zur Umnutzung des alten Schlachthauses ausgearbeitet. Doch nun wird das Vorhaben gestoppt, wie kürzlich bekannt wurde. Grund dafür: das Interesse unter den Landwirten in der Region war zu gering.

Ernst Graf ist Biobauer aus Heiden.

Ernst Graf ist Biobauer aus Heiden.

Bild: PD

Ernst Graf findet dies schade. Der Biobauer hatte sich als Präsident des Vereins «Wertschöpfungsgemeinschaft Schaumetzgerei Heiden» zur Verfügung gestellt. «Aus meiner Sicht wäre es für die Landwirtschaft eine Chance und ein konkreter Versuch gewesen, die Verarbeitung von Erzeugnissen in der Region zu fördern», sagt Graf.

Zahl der Metzgereien nimmt ab

Das Konzept sah vor, unter der Marke Appenzellerland hochwertiges Fleisch zu vermarkten. Dieses sollte aus einem Netzwerk von regionalen Betrieben mit Hoftötung stammen. Das Fleisch wäre dann in Heiden verarbeitet worden. Dazu hätten im Schlachthaus entsprechende Räumlichkeiten geschaffen werden müssen. Ergänzt worden wären diese durch einen kleinen Verkaufsladen und ein Besucherzentrum.

Dafür sah Graf ein Bedürfnis. Er verweist auf die Zahl der Metzgereien, welche abnehmend ist. In nächster Zeit werde abgesehen von der Hoftötung wohl nur noch in den Grossschlachthöfen und den Notschlachtanlagen geschlachtet. Die Ursachen für die geringe Beteiligung am Vorhaben in Heiden sind seiner Meinung nach vielfältig. Er erwähnt unter anderem die grosse Arbeitsbelastung der Landwirtschaftsbetriebe. Dadurch fehle die Zeit, um neue Ideen zu verfolgen und umzusetzen. Nach Einschätzung von Ernst Graf wird die Hoftötung eine Nische bleiben, für Landwirte, die sich von der Masse abheben wollen.

«Dafür sorgt das Veterinäramt mit fast schon grotesken Anforderungen und überhöhten Gebühren.»

Wer auf Hoftötung setzen wolle, habe bereits eine Lösung und wolle nicht noch drei Jahre warten, bis die Schaumetzgerei vielleicht realisiert werde, gibt Graf zu bedenken.

Offene Fragen zum Betrieb und zur Wirtschaftlichkeit

Ein weiterer Stolperstein waren die Unsicherheiten, mit denen das Projekt in Heiden behaftet war. Als Beispiel nennt Graf den Schlachtwagen, mit dem die Tiere nach der Tötung auf dem Hof zur Verarbeitung ins Schlachthaus transportiert worden wären. Der Wagen sei bis anhin nur als Entwurf vorhanden und noch nicht bewilligt worden. «Dieser wäre aber zwingend notwendig, da sonst auf eine externe Schlachtanlage ausgewichen werden muss, was das Ganze sehr komplex machen würde.»

Offene Fragen gab es auch zum Schaubereich. Dieser Teil sei für die Akzeptanz in der Bevölkerung und für die Einbindung des Tourismus sehr wichtig, sagt Graf. «Er lässt sich aber kaum oder gar nicht wirtschaftlich betreiben.» Das grundsätzliche Interesse der Landwirtschaft sei zwar vorhanden gewesen, betont er. «Kaum jemand will sich dann aber engagieren.» Da habe man das gleiche Problem wie in vielen anderen Branchen.

Nutzung als Jugendraum oder Entsorgungsstelle war ein Thema

Hans-Peter Häderli ist Heidler Vizegemeindepräsident.

Hans-Peter Häderli ist Heidler Vizegemeindepräsident.

Bild: PD

Auch der Gemeinderat Heiden bedauert den Abbruch des Projekts. «Die Schaumetzgerei war eine spannende Idee und hätte gut zur früheren Nutzung des Objekts als Schlachthaus gepasst», sagt Vizegemeindepräsident Hans-Peter Häderli. Zudem sollte das Vorhaben zur Belebung des Dorfs beitragen. Nun liegt der Ball wieder bei der Gemeinde als Eigentümerin des Gebäudes. Sie erwägte, die Liegenschaft im Baurecht an den geplanten Trägerverein abzugeben. Nachdem dieser nicht zu Stande kommt, sind neue Lösungen gefragt. Der Gemeinderat hat gemäss Häderli noch nicht darüber beraten, wie das Schlachthaus künftig genutzt werden kann. Klar ist nur eines: «Die Gemeinde kann und will aufgrund der angespannten Finanzlage nicht investieren», sagt Häderli. Seiner Einschätzung nach würde eine Sanierung mindestens zwei bis drei Millionen Franken kosten.

Für einen Verkauf müsste die Gemeinde das Grundstück in die Zone WG2 umzonen, erst dann könnte sie es auf den Markt bringen. Heute liegt das Objekt in der Zone für öffentliche Bauten und Anlagen. In der Vergangenheit wurden verschiedene Möglichkeiten geprüft, etwa die Verwendung als Jugendraum oder Entsorgungsstelle. Gar der Abriss war ein Thema, der Kanton legte jedoch sein Veto ein. Zwar steht das Gebäude nicht unter Denkmalschutz, es ist aber im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder (ISOS) mit Erhaltungsziel A aufgeführt. Dies bedeutet, dass die integrale Substanz erhalten werden soll.

Abbruch widerspricht den Schutzzielen

Eva Louis ist Obfrau des Heimatschutzes AR.

Eva Louis ist Obfrau des Heimatschutzes AR.

Bild: PD

Für den Erhalt des Schlachthauses spricht sich der Heimatschutz Appenzell Ausserrhoden aus. Dies liege im öffentlichen Interesse, sagt Obfrau Eva Louis. «Mit der Aufnahme eines Objekts in ein Inventar des Bundes wird festgestellt, dass es sich um einen wichtigen Zeugen vergangener Epochen handelt.» Ein Abbruch widerspreche somit den Schutzzielen. Nach Einschätzung von Louis haben es die Industriebauten besonders schwer, die nächsten Jahrhunderte zu überleben. Louis betont:

«Gerade auch aus diesem Grund ist der historische Wert des Schlachthauses Heiden, eines Zeitzeugen der Hygienebewegung im Kanton, als sehr hoch einzustufen.»

Die privaten und kommunalen Interessen, wie eine dauerhafte Nutzung der Liegenschaft, eine Erweiterung und eine Verbesserung des Verkehrs seien auch bei einem Erhalt des Gebäudes weiterhin möglich. Der Heimatschutz AR begrüsst die Bemühungen der Gemeinde Heiden und Privater, eine neue Nutzung zu suchen. Als Beispiel, wie dies gelingen kann, nennt Louis das 2002 umgenutzte Schlachthaus von Solothurn. Dieses Projekt erhielt gar das Prädikat «Die coolste Bar der Schweiz».

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