Nach Ansturm während Coronazeit: Naturschutzkreise wollen Massentourismus im Alpstein stoppen und fordern Nachhaltigkeit

Mangels Alternativen zieht es viele Touristen in den Alpstein. Wegen vermehrten Litterings «kocht die Volksseele» der Innerrhoder. Nun überlegen sich Naturschutzkreise die Gründung einer Interessengemeinschaft für nachhaltigen Tourismus.

Margrith Widmer
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Der Alpstein ist einer der beliebtesten Touristen-Hotspots während der Coronapandemie.

Der Alpstein ist einer der beliebtesten Touristen-Hotspots während der Coronapandemie.

Bild: Archivbild (2005)

An Auffahrt war der Ansturm auf den Alpstein enorm – Staus waren die Folge, Abstandhalten gestaltete sich schwierig. «Die Volksseele kocht», sagt ein Innerrhoder. Dieser Massentourismus setze die Naturräume unter Druck. Forderungen nach «nachhaltigem Tourismus» werden laut.

«Es regen sich sehr viele Einheimische auf», stellt ein Innerrhoder fest; auch ruhigere Gebiete würden durch Scharen von Touristinnen und Touristen stark belastet – und zwar nahezu an jedem Wochenende. Der Run auf den Alpstein habe so richtig an Schwung gewonnen, nachdem das Magazin National Geographic 2015 das Bergrestaurant Äscher zum «schönsten Ort der Welt» deklariert hatte, sagt der Mediensprecher der Innerrhoder Kantonspolizei, Roland Koster. Der Äscher wurde zum Kult-Ort.

Der Run auf den Alpstein hat an Schwung gewonnen, nachdem das Magazin National Geographic 2015 das Bergrestaurant Äscher zum «schönsten Ort der Welt» deklarierte.

Der Run auf den Alpstein hat an Schwung gewonnen, nachdem das Magazin National Geographic 2015 das Bergrestaurant Äscher zum «schönsten Ort der Welt» deklarierte.

Urs Bucher (9.Mai 2019)

Folge der aktuellen Situation

Eine Problemverlagerung sieht der Chef Information des Innerrhoder Führungsstabs Albert Elmiger als teilweise Erklärung: Wer in den vergangenen Wochen nicht an den Bodensee fahren konnte, sei in den Alpstein gekommen – eine Entwicklung, die man nicht habe vorhersehen können. Bisher gebe es keine Strategie, diesen Run in den Griff zu bekommen.

Sepp Manser, Präsident Appenzell Tourismus.

Sepp Manser, Präsident Appenzell Tourismus.

PD

Auf die momentane ausserordentliche Lage durch die Coronapandemie führt der Präsident von Appenzellerland Tourismus AI, Hauptmann des Bezirks Schwende und Inhaber der Meglisalp, Sepp Manser, den Ansturm auf den Alpstein zurück.

«Das ist nun mal so: Die Leute fahren mangels Alternativen in den Alpstein, dann zu den Hotspots. Wir sind in der privilegierten Lage, da zu leben, wo andere Leute gern ihre Ferien verbringen.»

Und ein paar wenige Tagestouristen wüssten nun mal nicht, wie man sich in der Natur bewege – daher die Probleme mit dem Littering. Nur drei bis vier Prozent der Gäste benähmen sich daneben. Die grosse Masse verhalte sich korrekt. «Jeder Bürger hat das Recht, sich frei zu bewegen», sagt Manser. Innerrhoden verfolge die Strategie eines qualitativ hochstehenden und nachhaltigen Tourismus’.

Es fehlen die Alternativen

Da zur Zeit keine Veranstaltungen durchgeführt werden dürften, keine Shopping-Trips ins Ausland möglich seien, ein Besuch der Badeanstalten noch zu wenig attraktiv sei und natürlich auch das schöne Wetter zum Wandern einlade, sei der Run zum Wandern im Alpstein mangels Alternativen eine logische Folge des Lockdowns.

Weil es derzeit kaum Alternativen gibt, sind viele Touristen im Alpstein-Gebirge unterwegs.

Weil es derzeit kaum Alternativen gibt, sind viele Touristen im Alpstein-Gebirge unterwegs.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE (17.Mai 2020)

«Zu erwähnen gilt es aber auch die Bemühungen von Appenzellerland Tourismus AI in Sachen Nachhaltigkeit: So bezahlt man beispielsweise allen Gästen, die drei Nächte in einem Hotel in Appenzell und Umgebung logieren, die Hin- und Rückreise mit dem öffentlichen Verkehr», sagt Manser.

Mit diesem schweizweit einmaligen Angebot möchte man die Gäste animieren, mit dem öffentlichen Verkehr anzureisen. Erste Erhebungen würden auch entsprechende Erfolge bestätigen.

«Es geht nicht nur uns so»

Die heutige Gesellschaft, die vermehrt unter Stress stehe, suche am Wochenende das Naturerlebnis als Ausgleich. Dies sei auch der Grund für den Appenzell-Trend. Diesen Andrang könne man schlecht steuern. Manser sagt:

«Angesichts der ausserordentlichen Situation haben wir keine Handhabe, den momentanen Run auf den Alpstein zu stoppen.»

So ginge es aber nicht nur im Appenzell zu und her, sondern in allen Naherholungsgebieten in der ganzen Schweiz. Die Lage werde sich wieder normalisieren, wobei es an schönen Wochenenden auch weiterhin viele Leute an ebendiesen Hotspots geben werde. «Diese brauchen wir aber auch, um überleben zu können», so Manser.

Derweil überlegen sich Naturschutzkreise die Gründung einer Interessengemeinschaft für nachhaltigen Tourismus. «Qualitativ hochstehender Tourismus» sei dieser Ansturm schon längst nicht mehr, finden sie. Dieser Massentourismus müsse gestoppt werden.