Nach 39 Jahren geht eine grosse politische Karriere zu Ende

SALEZ. Nein, Bahnhofvorstand wird er nicht, auch wenn sich Hans Altherr im ehemaligen Stationsbüro des Bahnhofsgebäudes von Salez sein Büro eingerichtet hat.

Monika Egli
Drucken
Teilen
Am Montag gibt Hans Altherr das Ständeratsmandat ab. Er hat sich sein künftiges (Arbeits-)Leben in der Gemeinde Sennwald eingerichtet. (Bild: Urs Bucher)

Am Montag gibt Hans Altherr das Ständeratsmandat ab. Er hat sich sein künftiges (Arbeits-)Leben in der Gemeinde Sennwald eingerichtet. (Bild: Urs Bucher)

SALEZ. Nein, Bahnhofvorstand wird er nicht, auch wenn sich Hans Altherr im ehemaligen Stationsbüro des Bahnhofsgebäudes von Salez sein Büro eingerichtet hat. Ein origineller Raum, nicht historisch, aber mit Geschichte: Hier steht beispielsweise noch der Entwerter für Billette, und es komme vor, dass Passanten an die Fensterscheibe klopfen, um sich über eine Fehlfunktion des Ticketautomaten zu beschweren. Hans Altherr lacht, er macht einen entspannten, zufriedenen Eindruck und freut sich offensichtlich auf die neue Zeit, die am 1. Dezember für ihn anbricht. Übermorgen, am 30. November, endet sein Mandat als Ständerat, und damit beschliesst er eine beeindruckende politische Karriere.

Nicht von 100 auf null

Hans Altherr in einem Jahr: Wird er dann Vollrentner sein oder allenfalls den heimischen Haushalt neu strukturieren? «Nein, weder Vollrentner noch Hausmann wäre etwas für mich», sagt er. Er hat vor, noch zu rund einem Drittel zu arbeiten, daneben «werde ich lernen zu geniessen». Als Politiker und Selbständigerwerbender seien die Voraussetzungen geradezu ideal, den künftigen Lebensabschnitt ganz nach eigenem Gusto zu gestalten, denn «von 100 auf null, das stelle ich mir schwierig vor». Er wird deshalb seine Firma, die Weiss AG in Walzenhausen, und einige Mandate auf Zusehen hin noch behalten: «Sicher das Präsidium des Hochschulrats der FHS St. Gallen sowie die Verwaltungsratspräsidien bei der Südostbahn AG und bei der Arcolor AG in Waldstatt.» Sein Büro ist mit «Beratungen» beschriftet. Er habe aber nicht vor, noch einmal ein Anwaltsbüro im herkömmlichen Sinn zu betreiben: «Ich mache höchstens noch kleinere Sachen, Beratungen eben, und nur, wenn sie sich ergeben.»

«Hier ist es schön zu leben»

Salez gehört zur Gemeinde Sennwald, liegt im Rheintal und nahe der Grenze zum Fürstentum Liechtenstein. Eine schöne, ländliche Gegend – topographisch aber ein grosser Gegensatz zum hügeligen Appenzeller Mittelland. Hans Altherr wohnt mit seiner Frau, der Hackbrettspielerin Andrea Kind, in einem Nachbardorf, in einem historischen «Wohnturm», der bereits im 16. Jahrhundert erstmals erwähnt wird. «Hier ist es schön zu leben. Trogen, das ist vorbei», sagt er. So kehrt er in den Kanton seiner Kindheit zurück: Er ist 1950 in Rorschach geboren worden und dort aufgewachsen.

Rücktritt stand schon lange fest

Der Rücktritt als Ständerat gerade jetzt, das habe «total gepasst». Hans Altherr ist dieses Jahr 65jährig geworden und die Legislatur im Ständerat läuft aus. Ein Rücktritt nach dem Präsidialjahr und damit mitten während der Amtsdauer wäre nicht in Frage gekommen: «Das macht man nicht ohne Not.» Ihm sei aber schon bei der Wiederwahl vor vier Jahren klar gewesen, dass er auf Ende 2015 zurücktreten werde. Deshalb brauche es jetzt auch keinen Prozess mehr, um sich auf «das Leben danach» einzustellen. «Eine zwölfjährige Amtszeit ist eine gute Dauer, es braucht rund vier Jahre, bis man sich in den Ratsbetrieb eingelebt hat.» Jetzt freue er sich auf zusätzliche freie Zeit. Letzthin sei er aber doch einen Moment lang irritiert gewesen, als er einen Termin in die Agenda 2016 eintrug: «So viele Tage ohne Termin . . .»

Streng und schön zugleich

Wenn man sich die gleichzeitigen Mandate und Engagements von Hans Altherr betrachtet, darf man fragen, was sonst nur Frauen zu hören bekommen: «Wie hat er das alles unter einen Hut gebracht?» «Ja, das frage ich mich manchmal auch!» Er habe sich ab und zu wie in einer Mühle gefühlt, es ging nur Schritt um Schritt, «ich musste mich stets auf das konzentrieren, was gerade anstand.»

Und es gab durchaus «schlimme Phasen», die ihn an den Rand der körperlichen Überforderung brachten. Als er zum Beispiel im ersten Jahr als Ständerat gleichzeitig noch Ausserrhoder Regierungsrat war, lief manch ein Tag ungefähr so ab: Morgens in Bern eine Sitzung, dann in Herisau Regierungsgeschäfte erledigen, abends eine Veranstaltung besuchen, mit dem letzten Zug um 1.30 Uhr zurück in Bern, nächste Sitzung am Folgetag um 8 Uhr. Auch das Jahr als Ständeratspräsident war «eine zeitliche und körperliche Belastung». Gleichzeitig aber war jenes Jahr auch der Höhepunkt seiner politischen Karriere. «Es war ausserordentlich interessant, ich habe viele spannende Leute kennengelernt, beispielsweise Friedensnobelpreisträgerin Aung san suu Kyi und UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon.» Und er durfte 2011 die Bundesratswahlen durchführen, da der Nationalratspräsident selber als Bundesrat kandidierte. Ein Amt wie das Ständeratspräsidium verpflichte. «Das macht etwas mit einem», denn man werde sich immer wieder bewusst: «Ich vertrete die ganze Schweiz.»

Schach bleibt aktuell

Es gäbe noch viel zu erzählen: Wie er 26jährig aus einem spontanen Entschluss heraus als Gemeinderat kandidierte, damit die Stimmbürger eine Auswahl hatten, nachher «zufällig» Regierungsrat wurde. «In vieles bin ich einfach hineingewachsen.» Oder davon, dass Hans Altherr ein passionierter Schachspieler ist. Als der ehemalige Schachweltmeister Karpow auf Besuch in Bern weilte, konnte er diesen zwar nicht bezwingen, dafür aber dessen vier ebenfalls ausgezeichnet Schach spielenden Begleiter. «Ich habe sie mit einer unerwarteten Spielart erwischt», freut er sich noch heute.

Schach wird ihn weiterhin beschäftigen, nicht nur als Sport. Er hat ein Projekt am Reifen, das mit «Schach und Schule» zu tun hat.

Originelle Ader kam zu kurz

Trügt der Eindruck, dass Hans Altherr ab und zu auch unkonventionelle Züge aufblitzen liess? «Sagen wir es so: Ich trage nicht gerne Krawatten und habe eine originelle Ader, die zu kurz kam.» Zum Schluss möchte die Welt noch wissen, was es mit der kleinen Locke auf sich hat, die hinter dem linken Ohr hervor lugt. Hans Altherr: «Das ist ein privater Spass, gleichsam ein Betrag, den ich meiner Frau dafür schulde, dass sie mir jeweils die Haare schneidet.»