Wegen der Coronakrise: Chor über dem Bodensee kann nicht in New York auftreten

Der Chor über dem Bodensee studiert nicht nur Lieder sondern auch Theatereinlagen ein. Das Ensemble hätte dieser Tage in New York auftreten sollen, doch dann kam das Corona-Virus.

Nadine Küng
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Chor über dem Bodensee: Alles hört auf das Kommando von Judit Marti.

Chor über dem Bodensee: Alles hört auf das Kommando von Judit Marti.


Nik Roth

Judit Marti aus Eggersriet singt, seit sie denken kann: «Meine ältere Schwester und ich sassen stundenlang auf der Schaukel am Kirschbaum bei meiner Grossmutter und sangen.» Nachbarn wurden auf die beiden aufmerksam, manchmal wurden sie für kleine Auftritte im privaten Rahmen angefragt. «Belohnt wurden wir mit Schokolade. Wir liebten das Singen.» In Martis Kindheit war es normal, dass gesungen wurde, wenn die Familie zusammenkam. Schon als Kind mochte sie klassische Musik, während ihr Vater diese furchtbar fand. Den Traum des professionellen Singens konnte sie sich damals aber nicht erfüllen, da es in ihrem Dorf keine Musikschule gab.

Geboren und aufgewachsen ist Judit Marti in Ungarn. Dort begann sie ein Pädagogikstudium. Denn ihr Wunsch war es, Lehrerin zu werden. Kurze Zeit später verbrachte sie ihre Ferien in der Schweiz und blieb – der Liebe wegen. Bald bekam sie Kinder – zwei Söhne. Heute sind beide erwachsen. Später vervollständigte eine Tochter die Familie. Nebenbei arbeitete Judit Marti über die Jahre in vielen verschiedenen Bereichen und bildete sich weiter: Sie arbeitete im Büro, als Brandprüfungslaborantin, in einem Heim für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten oder als diplomierte Sozialarbeiterin im Spital Herisau. Für eine Weile führte sie auch ein eigenes Café. «Ich bin immer offen für Neues und dankbar für das, was ich habe», erklärt Marti.

Marti sang immer in verschiedenen Chören. Zur Chorleitung kam sie allerdings eher zufällig: Der Chor über dem Bodensee fragte sie an, ob sie bereit wäre, ihn zu dirigieren. Vorerst lehnte sie ab, da sie keine passende Ausbildung hatte. Daraufhin trat sie jedoch ein Studium in Dirigieren und Gesang an der Musikakademie St.Gallen an. Seit 2002 leitet sie nun den Chor, der jeweils mittwochs in Walzenhausen probt. Damit für alle etwas dabei ist, wechseln sich Klassik und Moderne ab. «Mir ist wichtig, dass der Chor Freude hat und dass das Publikum abgeholt wird.» Deshalb steckt Marti viel Zeit in die Entwicklung eigener Komödien – von der Grundidee über das Drehbuch und die Regie bis hin zum passenden Bühnenbild und den Kostümen. Neben dem Gesang probt der Chor also auch Theatereinlagen und bietet dem Publikum an den Konzerten jeweils ein abwechslungsreiches Programm.

Eigentlich hatte Marti ihren Kindheitstraum von einem musikalischen Beruf aufgegeben, da ihr die Möglichkeiten fehlten. «Die Musik war jetzt wie ein Zug und ich bin einfach aufgesprungen.» Im Laufe der Jahre boten sich ihr verschiedene Möglichkeiten, sich musikalisch weiterzubilden. Sie entschied sich mehrmals dagegen, da es in ihrem Alltag nicht möglich gewesen wäre. «Die Familie steht für mich immer an erster Stelle.»

Einladung nach New York

Im vergangenen Sommer, sie kehrte gerade aus ihren Ferien aus Italien zurück, empfing Marti ein E-Mail aus New York. Zuerst hielt sie es für einen Irrtum und dachte, man wolle sie auf den Arm nehmen. Doch sie hatte richtig verstanden: Der Chor über dem Bodensee wurde zu einem Konzert mit dem berühmten norwegischen Pianisten Ola Gjeilo in die Vereinigten Staaten eingeladen. Die Veranstalter suchten weltweit nach Chören, die sich bereits mit der Musik von Gjeilo auseinandergesetzt hatten. Der Chor über dem Bodensee gehörte dazu. Zufällig wurden die Verantwortlichen auf einen Zeitungsbericht über ein Konzert des Chors aufmerksam. Nachdem eine Hörprobe akzeptiert wurde, war die Einladung definitiv.

«New York ist für uns alle absolut einmalig», sagt Marti. Deswegen wurden andere geplante Projekte kurzerhand aufgeschoben. Kurz nachdem die Neuigkeit bekannt wurde, begann der Chor mit den Vorbereitungen auf den grossen Event. Die Werke sind sehr hochstehend – eine grosse Schwierigkeit für den Laienchor. 28 der 45 Chormitglieder wären in den vergangenen Tagen nach New York gereist. Viele derer, die nicht am Projekt beteiligt waren, besuchten die Proben dennoch. «Das zeigt die wunderbare Gemeinschaft unseres Chors.»

Wenige Tage vor der Abreise spitzte sich die Lage rund um das neuartige Corona-Virus jedoch weiter zu, unter anderem was die Flüge in die USA betrifft. Der Vorstand des Chors hielt es für das Vernünftigste, die Reise nicht anzutreten. Der Veranstalter sagte das Konzert wenig später ohnehin ab. Das tut Judit Marti sehr leid, vor allem für die Sängerinnen und Sänger: «Jeder Einzelne hat so viel in dieses einmalige Projekt investiert.» Durch ein enormes Engagement zu Hause und bei Extraproben habe sich der Chor sehr stark entwickelt. «Natürlich bin ich enttäuscht. Aber wir haben zusammen so viel erreicht, und darauf bin ich unendlich stolz.» Nur schon, dass sie eine solche Gelegenheit bekommen hätten, sei den Aufwand wert gewesen. Umsonst war er ohnehin nicht: Es gebe sicher ein Konzert in der Schweiz. Ausserdem ist Judit Marti zuversichtlich und hat die Hoffnung nicht verloren, dass es für den Chor zu einem späteren Zeitpunkt doch noch eines Tages nach New York geht.