Flöten, die nicht wie Flöten klingen

Die Blockflöte kämpft mit einem schlechten Ruf. Das liegt auch an den im Schulunterricht verwendeten Instrumenten, finden die drei Gründer und Inhaber der Meyerrecorders GmbH, die in Hemberg Bächli Blockflöten herstellen.

Ruben Schönenberger
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Die drei Flötenbauer von Hemberg Bächli: Madeleine Imbeck sowie Joel und Sebastian Meyer (von links) von der Meyerrecorders GmbH mit Rohmaterialien und einem fertigen Instrument. (Bilder: Anina Rütsche)

Die drei Flötenbauer von Hemberg Bächli: Madeleine Imbeck sowie Joel und Sebastian Meyer (von links) von der Meyerrecorders GmbH mit Rohmaterialien und einem fertigen Instrument. (Bilder: Anina Rütsche)

Ruben Schönenberger

ruben.schoenenberger

@toggenburgmedien.ch

Sie ist das wohl meistgespielte Instrument. Fast jeder musste zu Beginn seiner Schulzeit zum Unterricht. Die Begabteren wechselten bald auf andere Instrumente, die weniger Begabten mühten sich mit den schrillen Klängen und dem holzigen Geschmack auf den Lippen ab, bis sie endlich aufhören durften. Die Rede ist natürlich von der Blockflöte. Trotz – oder gerade wegen – ihrer grossen Verbreitung gibt es wenige, die sie wirklich schätzen. Dem Instrument lastet ein schlechter Ruf an, ein Streber-Image sogar. Die Gebrüder Meyer, die in Hemberg Bächli Blockflöten herstellen, zeigen dafür sogar Verständnis. Nur: «Normale Blockflöten haben wenig mit dem zu tun, was wir hier herstellen.» Madeleine Imbeck, sie komplettiert die Meyerrecorders GmbH, stimmt zu: «Die gewöhnlichen Blockflöten sind qualitativ schlechter als die Standardausführungen anderer Instrumente.» Sie muss es wissen, arbeitet die 30-Jährige doch nur Teilzeit in der Flötenwerkstatt. Daneben unterrichtet sie an der Musikschule Blockflöte.

Wenn die Blockflöten aus Hemberg und jene aus dem Musikunterricht in der Schule nichts miteinander zu tun haben, was wird denn in Hemberg hergestellt? Es mag abgedroschen klingen, trifft aber dennoch zu: Wo grosse Hersteller auf standardisierte und schnelle Produktion setzen, wird bei Meyerrecorders mit viel Geduld und Leidenschaft an den einzelnen Stücken gearbeitet. Beim Besuch vor Ort kommen die drei Firmeninhaber nicht aus dem Erzählen heraus. Der Journalist kann aufs Fragenstellen fast komplett verzichten, die Flötenbauer erzählen von sich. Dabei wirken sie auf eine packende Art unruhig. Sie wollen zeigen, was sie machen. Vom rohen Holz bis zur fertigen Flöte alle Schritte aufzeigen (siehe Zweittext und Bilderstrecke). Immer wieder stehen, ja springen sie auf, um ein Anschauungsbeispiel aus dem Nebenraum zu holen. Einmal in jenem Raum, scheinen sie den Besuch fast zu vergessen. Die aktuell im Endstadium der Produktion befindliche Flöte schreit nach einem Testintermezzo.

Vater Meyer war «Stradivarius der Blockflöte»

Flöte spielen können die Brüder noch gar nicht so lange. «Wir mussten das auch erst lernen, um unsere Produkte testen zu können», sagt der 32-jährige Sebastian Meyer. Dabei hätten sie schon in der Kindheit auf sehr gute Flöten zurückgreifen können. Ihr Vater wurde gar als «Stradivarius der Blockflöte» bezeichnet. Berufsspieler bezogen ihre Instrumente bei ihm. Instrumente, die einen ganz anderen Klang verbreiten als die aus der Schule bekannten Blockflöten. Er habe immer gesagt: «Unsere Flöten sind gut, wenn sie nicht wie Flöten klingen. Die Meyerflöten erfordern einen Ansatz beim Blasen und ermöglichen so einen grösseren Klangreichtum.» Im vergangenen Sommer ist Vater Meyer gestorben. Jetzt führen die beiden Brüder zusammen mit Imbeck die Tradition weiter. «Dabei wollten wir als Kinder nie Flötenbauer werden», betonen beide Brüder. «Auch wenn die Werkstatt des Vaters unser Spielplatz war und wir früh schon mit den Werkzeugen umgehen konnten», fügt Sebastian Meyer an. Es kam dann auch eher zufällig dazu, dass die beiden doch noch ins Metier eingestiegen sind. «Ich habe unseren Vater in Paris besucht, wo er damals mit Joel gelebt hat. Er hatte viel zu tun, also habe ich ihm geholfen», beschreibt Sebastian Meyer. Die Zusammenarbeit hat sich bewährt. «Mein Vater war begeistert von meinen Händen. Er musste nicht lange erklären, was er wollte, es funktionierte einfach.» Nach seinem Schulabschluss in Paris begann dann auch der heute 28-jährige Joel Meyer mitzuhelfen. Der Familienbetrieb war Tatsache.

Dem Erbe des Vaters gerecht werden

Joel war schon länger klar gewesen, dass er die Arbeit des Vaters dereinst fortführen würde. «Für mich brauchte es den Tod des Vaters, das können Sie ruhig so schreiben», sagt Sebastian Meyer. Mit dem Verlust sei ihm klar geworden, dass er den Betrieb mit seinem Bruder aufrechterhalten wolle. Dass dies im Toggenburg geschieht, hat verschiedene Gründe. Der Vater wollte nach diversen Stationen im In- und Ausland gerne in die Nähe von Gais zurück, wo auch seine beiden Söhne zu einem grossen Teil aufgewachsen sind. Weil Sebastian Meyers Ex-Freundin und Tochter in Lichtensteig wohnen, fiel die Wahl auf das Toggenburg. In Hemberg Bächli arbeiten die zwei Brüder unterstützt von Madeleine Imbeck nun daran, dem Erbe des Vaters gerecht zu werden. Indem sie ihre Flöten nicht wie Flöten klingen lassen.