MOSNANG: Informationsmenu zum Jubiläum

Das Massnahmenzentrum Bitzi organisierte eine Fachtagung zum Thema Darknet. Im Kampf gegen die Internetkriminalität ist eine gute Koordination der Behörden wichtig, betonten mehrere Referenten.

Martin Knoepfel
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Die Referenten an der Fachtagung vom Donnerstag im Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang: Otto Hostettler, Jérôme Endrass, Beatrice Müller, Claudio Vannini und Niklaus Oberholzer (von links). Es fehlt Dominique Trachsel. (Bild: Martin Knoepfel)

Die Referenten an der Fachtagung vom Donnerstag im Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang: Otto Hostettler, Jérôme Endrass, Beatrice Müller, Claudio Vannini und Niklaus Oberholzer (von links). Es fehlt Dominique Trachsel. (Bild: Martin Knoepfel)

Martin Knoepfel

martin.knoepfel

@toggenburgmedien.ch

Seit zehn Jahren gibt es das neue Massnahmenzentrum Bitzi (MZB) in Mosnang. An der Einweihung 2006 – anwesend war damals mit EJPD-Chef Christoph Blocher auch ein Bundesrat – hatte es heftig geschneit. Zehn Jahre später musste sich das MZB mit einem Regierungsrat und dem Kantonsratspräsidenten begnügen, doch dafür ist Petrus versöhnt, denn vorgestern Donnerstag herrschte Kaiserwetter.

Gefeiert wurde mit einer Fachtagung zum Darknet mit rund 130 Besuchern, geleitet von der langjährigen «Tagesschau»-Moderatorin Beatrice Müller. Sie hatte den Anstoss zur Themenwahl gegeben, indem sie vor rund anderthalb Jahren MZB-Direktor Claudio Vannini fragte, ob er das Darknet, den Browser Tor und Webseiten mit der Adresse «.onion» kenne. Tat er nicht, wie er eingangs verriet, und da es anderen Kaderpersonen im Amt für Justizvollzug gleich erging, war das Thema gesetzt.

Über zwei Drittel der Webseiten sind laut Otto Hostettler, Redaktor beim «Beobachter» und Autor eines Werks zum Darknet, nicht indexiert. Mit dem Tor-Browser gelange man in Bereiche des Internets, die Google nicht finde und wo man «.onion»-Webseiten oder anonyme Mail-Dienste nutzen könne. Mehr Aufmerksamkeit erhielten Marktplätze für Waffen, Drogen, Pornografie, Falschgeld, Medikamente und Verbrechen als Dienstleistung. Bezahlt werde elektronisch mit Bitcoin. Die ­Darknet-Marktplätze seien ebenso kundenfreundlich wie legale Online-Marktplätze, sagte Otto Hostettler. Handlungsbedarf für den Gesetzgeber gebe es vor allem im Zusammenhang mit Verbrechen als Dienstleistung, etwa DDOS-Attacken. Ermittler hätten aber Chancen im Kampf gegen Internetkriminelle. Diese hätten auch ein reales Leben und machten Fehler.

Vermögensdelikte am wichtigsten

Laut Dominique Trachsel vom Bundesamt sind 80 Prozent der Internetkriminalität Vermögensdelikte. Im Kampf gegen Internetkriminelle sei die Koordination zentral. Offenbar hilft auch «Kommissar Zufall». Ende 2016 erfuhr die Bundespolizei aus dem Ausland, dass im Darknet ein Schweizer eine Waffe suche. Man fragte 100 Staatsanwälte an, ob sie ein Verfahren einleiten. Zwei waren interessiert. Ein Berner handelte. Man konnte den Interessenten bis Januar 2017 hinhalten. Bei der Waffenübergabe wurde er verhaftet. Es war der Seefeld-Mörder.

Der Psychologe Jérôme Endrass (Universität Konstanz) ging der Frage nach, ob der Konsum von Kinderpornografie eine Vorstufe zu solchen Handlungen sei. 1999 flog die Internet-Kinderpornofirma Landslide-Productions mit Kunden in vielen Ländern, auch in der Schweiz, auf. Jérôme Endrass verfolgte, ob 231 Land-slide-Kunden aus Zürich, alles Schweizer, später wegen sexueller Handlungen mit Kindern bestraft wurden. Es gab keinen Fall. Einige Täter konsumierten aber erneut Kinderpornografie. Kinderporno-Konsumenten seien oft intelligenter, einfühlsamer und weniger asozial als andere Sexualtäter, sagte der Psychologe. Ihr Konsum halte aber die Produktion neuen Missbrauchsmaterials im Gang.

Bundesrichter Niklaus Oberholzer sieht den Handlungsbedarf vor allem in der Praxis des Kampfs gegen die Internetkriminalität. Kompetenzzentren seien eine gute Idee. Mit dem Bundesgesetz über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs und dem Nachrichtendienstgesetz hätten die Behörden ausreichende Instrumente. Die Bundesverfassung schütze die Pri­vatsphäre, sagte er. Die Polizei müsse aber präventiv ermitteln dürfen, wie im Strassenverkehr. Eine Gesellschaft ohne Kriminalität sei nur um den Preis totaler Kontrolle möglich.

An der Tagung nahmen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MZB teil. Die Sicherheit war laut Claudio Vannini gewährleistet. Die Insassen seien länger eingeschlossen worden, sagte er dem Toggenburger Tagblatt.