Möglichst hindernisfreies Leben

Immer mehr ältere Menschen wünschen sich – wenn das Haus zu gross und die Gartenarbeit zu anstrengend geworden ist – einen Umzug in eine altersgerechte Umgebung. Doch hindernisfreier Wohnraum ist im Toggenburg rar gesät.

Urs M. Hemm
Drucken
Teilen
Die Alterssiedlung in Bütschwil wurde direkt neben dem Seniorenzentrum Solino gebaut. Im Bedarfsfall sind die Wege kurz. (Bild: Urs M. Hemm)

Die Alterssiedlung in Bütschwil wurde direkt neben dem Seniorenzentrum Solino gebaut. Im Bedarfsfall sind die Wege kurz. (Bild: Urs M. Hemm)

TOGGENBURG. Im Wissen, dass sich die Altersgruppe 80+ bis ins Jahr 2040 nahezu verdoppeln wird, ist ein Ausbau der Kapazitäten in den Alters- und Pflegeheimen eine Notwendigkeit (siehe Ausgabe vom 4. Januar). Eine Umfrage der Projektgruppe Optimierung Gesundheits- und Altersversorgung im Toggenburg zeigte jedoch auf, dass 45 Prozent der Plätze in Toggenburger Alters- und Pflegeheimen durch Bewohner der Pflegestufen 0 bis 3 belegt sind (siehe Kasten). «Das sind Menschen, die zwar in irgendeiner Weise auf Hilfe im Alltag angewiesen sind, aber dennoch in einem geeigneten Umfeld noch gut alleine zurechtkommen würden und gemessen an ihrer Pflegebedürftigkeit nicht in eine stationäre Einrichtung müssten», erläutert Mathias Müller, Stadtpräsident von Lichtensteig. Oft jedoch würden diese Menschen vor ihrem Eintritt in ein Alters- und Pflegeheim in alten Wohnungen oder Häusern mit Treppen, Schwellen oder mit anderen Hindernissen wohnen, was ihnen ein Leben dort erschwert. «Es gibt zwar bereits entsprechende Angebote für Wohnen im Alter in der Region, doch gemessen am Potenzial hat das Toggenburg noch viel nachzuholen», sagt Mathias Müller.

Komfort und Lage

Gemäss Stand 2014 gibt es im Toggenburg 243 Einheiten sogenannten hindernisfreien Wohnraums, weitere 113 sind in Planung oder mittlerweile fertiggestellt. Hindernisfrei bedeutet, dass die Wohnungen voll rollstuhlgängig sind und dass ein Lift im Gebäude vorhanden ist. «In der Vergangenheit konzentrierten wir uns zu sehr auf den Extremfall, nämlich auf Heime, die institutionell organisiert und auf maximale Pflegeleistung konzipiert sind», sagt Mathias Müller. Vorgelagerte Angebote gingen dabei fast völlig vergessen, obwohl die Nachfrage vorhanden wäre. So gebe es vermehrt Hausbesitzer, deren Kinder ausgeflogen sind, die gerne in eine Wohnung ziehen würden. «Dieses Klientel hat aber gewisse Ansprüche. Einerseits, was den Komfort einer Wohnung betrifft, andererseits spielt die Lage einer solchen Wohnung eine entscheidende Rolle», sagt Müller. Das heisst, dass beispielsweise Einkaufsmöglichkeiten sowie Bus und Bahn möglichst nah beim Wohnort sein müssen. «Der Entscheid, in eine Wohnung zu ziehen, wird oft gefällt, solange es den Menschen körperlich noch gut geht. Ein Umzug ist aber immer ein grosses Unterfangen. Daher wünschen sich die Menschen auch noch in dieser Wohnung bleiben zu können, wenn es ihnen gesundheitlich nicht mehr so gut geht.» Das bedeute, dass ein gewisses Betreuungsangebot vorhanden sein müsse.

Synergien nutzen

Die Age-Stiftung unterscheidet drei Wohntypen. Erstens, den Typ Privat, der bezeichnend für den normalen Wohnungsmarkt ist. Zweitens den Typus Organisiert, bei welchem es sich beispielsweise um Wohnangebote handelt, die ausschliesslich älteren Menschen vorbehalten sind. Schliesslich drittens nennt die Age-Stiftung den Wohntypen Institutionell. Bei diesem handelt es sich um Wohnungen im stationären Umfeld, die immer mit Betreuung und Pflege ergänzt werden können. Gute Beispiele für den Typus Institutionell sind die Alterswohnungen direkt neben dem Seniorenzentrum Solino in Bütschwil, wie auch die Alterswohnungen im Haus am Necker in Brunnadern, die direkt im Gebäude des Alters- und Pflegeheims untergebracht sind», sagt Mathias Müller. Dort können die Bewohner so lange es ihnen möglich ist unabhängig leben. Erfordert es aber mit der Zeit der Gesundheitszustand, können Pflege- oder Betreuungsleistungen vor Ort gekauft werden. «Lässt es die körperliche Verfassung gar nicht mehr zu alleine zu leben, ist auch ein nahtloser Übergang in die stationäre Institution einfach möglich.»

Raumplanerisch regeln

Laut Mathias Müller ist auch im Bereich Alterswohnungen eine verbesserte Koordination bei der Planung zwischen den Gemeinden notwendig, um den Bedarf quantitativ ausreichend, qualitativ hochstehend und vor allem an den richtigen Standorten abdecken zu können. «Denkbar wäre auch, für Bauzonen um bestehende oder neue stationäre Institutionen raumplanerische Massnahmen zu erlassen, dass bei Bauprojekten Synergien mit der Institution sichergestellt werden müssen.»

Ein weiteres Argument, den Bau von Alterswohnungen zu forcieren, wurde in der Diskussion zur geplanten, jedoch nicht realisierten Überbauung «Sunnehus» in Oberhelfenschwil genannt. Bauland werde immer knapper und so der Zuzug von jungen Familien verhindert. Werden aber Einfamilienhäuser durch den Umzug Älterer in Alterswohnungen frei, würden vielleicht vermehrt wieder junge Familien zuziehen.

Mathias Müller Gemeindepräsident Lichtensteig (Bild: Mareycke Frehner)

Mathias Müller Gemeindepräsident Lichtensteig (Bild: Mareycke Frehner)

Aktuelle Nachrichten