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Möbel für die Bilderlust

Appenzeller Möbelmalerei Die beiden Appenzell starten ein gemeinsames Forschungsprojekt über Malereien auf Möbeln. Die «alten Kästen» sind brisant, denn sie geben bilderreich Einblick in die Sozialgeschichte. Projektleiter Marcel Zünd erklärt, was ihn an den Möbeln fasziniert. Und sucht nach bisher nicht bekannten Exemplaren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Ursula Badrutt Schoch
Höfische Szenen aus Hundwil: Volkskundler Marcel Zünd will den Dorfalltag mittels Bildern auf bemalten Möbeln besser verstehen. (Bild: Urs Jaudas)

Höfische Szenen aus Hundwil: Volkskundler Marcel Zünd will den Dorfalltag mittels Bildern auf bemalten Möbeln besser verstehen. (Bild: Urs Jaudas)

Es gab eine Zeit, da galten bunt bemalte Möbel als chic. Besonders im ländlichen Appenzellerland. Einige Kästen sind bekannt und in Museen zu bewundern. Viele aber stehen irgendwo. Jetzt werden sie gesucht, um die Forschung rund um die Möbelmalerei voranzutreiben. Volkskundler Marcel Zünd leitet das Projekt «Appenzeller Möbelmalerei 1700-1860» und erklärt, was daran spannend ist und welche Hoffnungen er hegt.

Marcel Zünd, Sie starten eine längerfristige kulturhistorische Forschung mit dem Aufruf, bemalte Möbel zu melden. Worum geht es?

Marcel Zünd: Ich habe die Vermutung, dass der Gesamtbestand an Appenzeller Möbelmalerei viel grösser und reichhaltiger ist als bislang bekannt. Vieles ist privat und nicht aktenkundig. Mir ist aufgefallen, dass immer die gleichen Kästen gezeigt werden: jene von Galerist und Sammler Bruno Bischofberger, jene aus der Stiftung für Appenzellische Volkskunde, aus den Museen Appenzell, Urnäsch und Herisau.

Aufgrund der grossen Beliebtheit bemalter Möbel im 18. und 19. Jahrhundert dürfte der Bestand aber bis zu tausend Objekte umfassen.

Gibt es Beispiele, welche die Vermutung unterstützen?

Zünd: Ich werde zu jemandem geschickt wegen eines angeblichen Conrad-Starck-Kastens, finde aber drei Kästen, zwei Truhen und eine Schatulle.

Jüngst kam in Stein ein Kasten mit pietistischen Motiven zum Vorschein, und im Kasten lag eine Hübner-Kinderbibel; die Vorlage vieler Möbelmalereien wird gleich mitgeliefert. Solche Glücksfunde gilt es anzukurbeln. Mit einer guten Bestandesaufnahme lassen sich Vergleiche anstellen und einzelne Malerkreise und Stilareale herausarbeiten.

Wichtig ist auch, dem Ästhetischen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und den Kontakt zwischen der Volkskunstforschung und der Kunstwissenschaft zu verbessern.

Wie steht es mit Zuschreibungen? Oder besser Abschreibungen?

Zünd: Das ist ein heisses Eisen, weil es dabei um viel Geld geht. Als Nachforschungen ergeben haben, dass der 1769 geborene Möbelmaler Conrad Starck nicht 1830, sondern bereits 1817 gestorben ist, und deshalb einige Kästen nicht von ihm stammen können, freute das nicht alle.

Uns interessieren aber nicht in erster Linie Fragen der Autorschaft.

Sondern?

Zünd: Im Zentrum steht Sozialgeschichtliches. Wer gab die Möbel in Auftrag? Welche Rolle spielten die Auftraggeber innerhalb des Dorfverbandes? Die Kästen sind ein Medium für Selbstdarstellungen. Man spricht zwar noch immer von Bauernmalerei. Aber das ist nicht korrekt. Nicht Bauern haben sie gemalt. Die Malereien entstanden durch Handwerker im Auftrag von sozial höher stehenden Dorfbewohnern.

Bauern hatten diese Art von Verzierungsbedürfnis nicht.

Dann ist die Schmuckfreudigkeit, die den Appenzeller Bauern nachgesagt wird, ein Konstrukt?

Zünd: Ja. Jedenfalls hat sie sich nicht im Wohnbereich ausgedrückt, sondern in der Alpfahrt. Es sind die Fabrikanten im Dorf, der Käser, der Gemeindepräsident, all jene, die zu Wohlstand gekommen sind. Bemalte Möbel sind Repräsentationsobjekte, die auch das Bildungsniveau des Besitzers spiegeln.

Ein schönes Beispiel ist ein Kasten aus Hundwil, datiert auf 1784 und angeschrieben mit HULDERIO MEYERO ELISABETHA KNÜPFLERY. Oft zeigen die Bilder in den Türfüllungen höfische, französischen Stichen nachempfundene Szenen. Die Angaben von Namen und Datum bieten eine grosse Chance, in den Archiven etwas zu den Auftraggebern zu finden.

Der üppige Schmuck auf Kästen aus dem reformierten Ausserrhoden ist sehr erstaunlich.

Zünd: Zuerst waren es auch nur Ornamente. Vor 1750 sind figürliche Bildmotive selten. Die Zeit war arm an Bildern. Daraus wuchs eine Gegenbewegung. Die Überfülle erklärt sich als Folge eines aufgestauten visuellen Ausdrucksbedürfnisses, das während 150 Jahren bemalte Möbel hervorbringt.

Nach 1810 gibt es mit dem Biedermeier im Appenzellerland eine richtige Hochblüte, während im Toggenburg das Phänomen bereits abklingt. Im Innerrhodischen kommt es zudem zu einer Spätblüte. 1860 ist die Möbelmalerei abrupt zu Ende. Die Gründe dafür hängen wahrscheinlich mit der Industrialisierung zusammen und neuen Möglichkeiten zur Befriedigung der Bilderlust wie Reproduktionen, Tapeten.

Wieso verschwinden plötzlich die internationalen Sujets zugunsten von regionalen Ereignissen und Motiven?

Zünd: Die Hinwendung zur eigenen Wirklichkeit lässt sich zeitlich ziemlich genau zuordnen und hängt mit dem Widerstand gegenüber Napoleons Kulturimperialismus zusammen. So gibt es zum Beispiel den «Dampfschiff-Kasten» von 1830. In der einen Füllung ist das erste Dampfschiff auf dem Bodensee zu erkennen. Die andere Füllung zeigt die Kräzerenbrücke über die Sitter, auch sie ein historisches Ereignis.

Dank Vignetten eines anderen Kastens erfahren wir viel zum Alltag. Eine Frau musiziert in der Stube, was auf das Element der Freizeit verweist. In sechs von 18 Bildern kommen zudem Kinder vor. Kinder tauchen erst ab 1810 auf, was mit dem Wirken Pestalozzis in Verbindung zu bringen ist. Die Aufwertung des Kindes, das Investieren in die Bildung sind allgemeine kulturgeschichtliche Phänomene. Hier verspreche ich mir weitere Erkenntnisse dank neuen Kästen.

Forschungsprojekt «Appenzeller Möbelmalerei 1700-1860». c/o Staatsarchiv AR, Obstmarkt 1, 9102 Herisau, Tel. 079 654 90 67 Marcel.Zuend@ar.ch

Heimisch: Bodensee und Sitter. (Bild: pd)

Heimisch: Bodensee und Sitter. (Bild: pd)

Was Mann und Frau so taten. (Bild: pd)

Was Mann und Frau so taten. (Bild: pd)

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