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Mit viel Liebe zum Detail: Verena Schiegg ist eine der letzten Appenzeller Handstickerinnen

Seit 25 Jahren zeigt Verena Schiegg die Kunst der Appenzeller Handstickerei im Museum. Sie ist eine der wenigen, die das Handwerk noch beherrscht.
Natascha Arsic
Regelmässig ist Verena Schiegg im Museum Appenzell und zeigt dort ihr Handwerk. (Bilder: Michel Canonica)

Regelmässig ist Verena Schiegg im Museum Appenzell und zeigt dort ihr Handwerk. (Bilder: Michel Canonica)

Verena Schiegg erhielt von ihrem Mann auf Weihnachten einen Maschinenstock geschenkt. Sie stellte den Stickrahmen mit Fussgestell aber nicht einfach als Dekoration in die Stube. Um Abwechslung in ihren Alltag zu bringen, entschied sich die junge Mutter und Hausfrau, das Sticken zu lernen. Das war vor 36 Jahren. Seither hat sie sich der Kunst der Appenzeller Handstickerei verschrieben. Die Innerrhoderin sagt:

«Handstickerinnen waren früher diejenigen, die Bargeld nach Hause brachten.»

Heute könne man davon aber nicht mehr leben. Doch für die 57-Jährige ist die Stickerei eine Herzensangelegenheit, die sie nicht missen möchte.

Es gibt nur noch wenige Personen, die diese Appenzeller Tradition beherrschen. Schiegg bemüht sich, gegen das Aussterben der Handstickerei anzukämpfen. Mittlerweile ist sie seit 25 Jahren regelmässig im Museum Appenzell anzutreffen und zeigt dort ihr Können. Anfangs war sie einmal im Monat vor Ort, später alle zwei Wochen und nun wöchentlich während des Sommerprogramms, das noch bis Mitte Oktober dauert.

Die Handstickerei ist eine aufwendige Präzisionsarbeit.

Die Handstickerei ist eine aufwendige Präzisionsarbeit.

Dann sitzt die 57-Jährige in traditioneller Tracht gekleidet mit ihrem Maschinenstock am Fenster, einen Stoff im Stickrahmen eingespannt, und arbeitet an Aufträgen. Besucherinnen und Besucher können sich von Schiegg den Ablauf der Handstickerei erklären lassen, oder Fragen zu den einzelnen Sticharten «Blatte», «Höhle», «Figure» oder «Spetzle» stellen.

Nicht den Mut verlieren

Aufgewachsen ist Schiegg als Bauernmädchen zwischen Weissbad und der Ebenalp. Die Handarbeit hat die Appenzellerin in der Schule gelernt. In der sechsten Klasse durften die Kinder gar mal an einem Maschinenstock arbeiten. «Wir haben dort aber gröbere Arbeiten gemacht und keine Feinstickereien», sagt Schiegg. Diese habe sie dann später in mehreren Kursen erlernt. «Ich sah damals eine Anzeige in der Zeitung und habe mich sofort angemeldet.»

Als Erstes eignete sie sich den Blattstich an, welcher als Grundstich gilt. «Wenn ich das Muster mit weiteren Sticharten anreichern wollte, musste ich Frauen aus dem Dorf um Hilfe bitten.» Als sie Fortschritte sah und ihre Arbeiten immer besser wurden, sei auch die Motivation gestiegen.

«Nach etwa vier bis fünf Jahren war ich zufrieden und traute mich, Aufträge anzunehmen.»

Zu Beginn bestickte Schiegg vor allem Taschentücher. Mittlerweile erhält sie von Privatpersonen aus der ganzen Schweiz viele Sachen zur Reparatur, wie beispielsweise Taufkleider und Tischtücher. Daneben nimmt sie auch Neuaufträge an. «Manchmal habe ich mehr, manchmal weniger zu tun. Die Nachfrage ist in den letzten zehn Jahren sehr zurückgegangen.»

Verena Schiegg hat Bilder ihrer Arbeiten in einem Buch festgehalten.

Verena Schiegg hat Bilder ihrer Arbeiten in einem Buch festgehalten.

Für ihre Arbeiten verwendet Schiegg am liebsten einen weissen Leinenstoff und Garn, das in einem für Appenzeller Arbeiten typischen Blauton eingefärbt ist. «Je nach Kundenwunsch benutze ich auch andere Farben und Materialien. Doch ich finde das Blau am schönsten», sagt sie.

Aus der Mode gekommen

Jeden dritten Mittwoch im Monat bietet Schiegg die «Handstickstobete» im Museum Appenzell an. Teilnehmerinnen können dann ihre eigene Handstickerei mitbringen, daran weiterarbeiten und sich mit den anderen austauschen. Zusätzlich gibt die 57-Jährige seit 2003 Handstickkurse. Auch damit möchte sie ihren Beitrag dazu leisten, die Appenzeller Tradition am Leben zu erhalten. «Der Kurs dauert jeweils zwischen einem bis vier Tagen. Auf diese Weise haben die Teilnehmerinnen genügend Zeit, die Sticktechniken auszuprobieren.»

Schieggs Kinder, eine Tochter und ein Sohn, haben das Handsticken nicht gelernt. «Wenig junge Menschen interessieren sich dafür. Es ist halt einfach aus der Mode gekommen», sagt die 57-Jährige. Es tue ihr weh, dass die Tradition der Appenzeller Handstickerei langsam verloren gehe. Besonders ein Stück liegt ihr am Herzen: der aufwendig handbestickte «Schlottechrage» der Innerrhoder Festtagstracht und die dazugehörigen Manschetten. «Etwa 300 bis 600 Arbeitsstunden braucht es, um diese anzufertigen», erklärt Schiegg. Und diese Zeit würde sich heutzutage fast niemand mehr nehmen.

Die Tracht wird eigentlich nur für spezielle Anlässe angezogen. «Der Kragen und die Manschetten werden über Generationen hinweg vererbt. Ab und zu müssen sie deshalb von Handstickerinnen geflickt werden.» Wenn es aber niemanden mehr gebe, der das Handwerk beherrsche, würde auch der Schlottenkragen irgendwann nicht mehr getragen werden können. «Das fände ich wirklich schade», sagt Schiegg. Deshalb sei es ihr ein grosses Anliegen, eine Nachfolgerin zu finden, die das traditionelle Kunsthandwerk weiterhin ausführt. Noch hat sie aber keine in Aussicht.

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