«Mit Schwarzgurt beginnt es erst»

Chiara Kurer aus Oberegg hat am Wado-Karate-Europacup in Budapest eine Goldmedaille gewonnen. Für die 15jährige Sekundarschülerin ist Karate mehr als eine Kampfsportart: Es gehe ihr um den Weg, sagt sie.

Michael Genova
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OBEREGG. Chiara Kurer steht im weissen Karateanzug in der Mitte des Raums. Sie verbeugt sich, dann zeigt sie ihre erste Kata. Diese besteht aus einer Abfolge von stilisierten Kämpfen gegen einen imaginären Gegner. Zwei Minuten höchste Konzentration. Kein Überlegen, kein Stocken – die Abläufe sind verinnerlicht. Gegen Ende stösst sie einen lauten Kampfschrei aus, den Kiai. Dann verbeugt sie sich vor den Kampfrichtern und verlässt die Matte.

Die drei Karate-Schwestern

Die Darbietung überzeugte: Am Wado-Karate-Europacup in Budapest erkämpfte sich die 15-Jährige aus Oberegg Anfang November eine Goldmedaille in der U16-Kategorie. «Es lief zwar gut, aber das Resultat hat mich überrascht», sagt Chiara Kurer, die auf ihrem Laptop Videos vom Karatecup zeigt. Eigentlich sind nicht die traditionellen Katas ihre Stärke, sondern das Kumite, der Kampf gegen eine Gegnerin. Über 30 Medaillen hat die Appenzellerin in den letzten Jahren gewonnen. Mit acht Jahren begann sie mit dem Karatetraining und folgte damit dem Vorbild ihrer beiden Schwestern Laura und Giulia. «Der Ursprung war mein Mann», sagt die Mutter. Er habe gewollt, dass sich die Töchter wehren können und Selbstsicherheit entwickeln.

Der lange Weg

Dreimal pro Woche besucht Chiara Kurer das Training im Wado-Karate-Dojo in St. Gallen, manchmal absolviert sie zusätzlich Lehrgänge am Wochenende. Am vergangenen Samstag hat sie die Prüfung zum ersten Schwarzgurt bestanden. «Ab dem schwarzen Gurt fängt Karate erst richtig an – man beginnt es zu verstehen», sagt Kurer. Es sei schwer zu sagen, was die Faszination am Karate ausmache: «Vielleicht ist es der Weg, den man über längere Zeit geht.» Hört man der jungen Karatekämpferin zu, ahnt man, dass ihr Weg noch lange nicht zu Ende ist. Auf den ersten Schwarzgurt folgen im Karate neun weitere. «Die jüngste Tochter ist angefressen», sagt die Mutter und fügt hinzu: «Manchmal, wenn ich im Bett liege, höre ich, wie Chiara Karatetechniken übt.»

Keine Angst, aber Respekt

Die meisten Techniken, die sie lerne, seien auf den Wettkampf ausgerichtet. Es gebe aber auch Übungen für den Ernstfall. «Das gibt einem schon eine gewisse Sicherheit, für mich steht aber der Wettkampf im Vordergrund», sagt die Schülerin. Vor Wettkämpfen pflegt sie immer dasselbe Ritual: Sie hört Musik von Linkin Park und 50 Cent. Bevor sie die Tatami-Matte betritt, geht sie gedanklich nochmals alle Techniken und Abläufe durch. Bei der Wettkampfform Kumite treffen Karatekämpfer auf einen Gegner und müssen versuchen, Punkte zu sammeln. Auf Japanisch bedeutet Kumite »Begegnung der Hände». Dazu Kurer: «Man darf keine Angst haben, sonst verliert man», und sie fügt hinzu: «Respekt habe ich, denn ich kämpfe gegen Gegner, die etwas drauf haben.»

Karate als Lebensschule

Zurzeit besucht Chiara Kurer die 3. Sekundarschule und wird danach eine KV-Lehre mit Berufsmaturität absolvieren. Gerne hätte sie das Sport-KV besucht, doch die finanzielle Belastung für die Familie wäre zu gross gewesen. «Japan würde mich reizen.» Ab dem fünften schwarzen Gurt müssten Karatekämpfer die Prüfung in Japan ablegen, erklärt die 15-Jährige, die sich intensiv mit der japanischen Kultur beschäftigt hat. Sie hat Bücher über Karate gelesen, schläft auf einem Futon und isst die Flädlisuppe mit Essstäbchen. Für die Sekundarschülerin ist klar: «Im Karate gibt es Dinge, die man nebenbei lernt. Dinge die passieren, während man trainiert.»

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