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Mit Schafen dem Schnee entfliehen

RICKEN. Kürzlich überquerte eine Wanderschafherde den Ricken. Das Toggenburger Tagblatt begleitete die Schafherde von Fritz Barandun auf dem Abschnitt und berichtet, wie er und Schafhirte Boro Stoilov bei Regen und Kälte zusammen mit ihrem Hund die Herde sicher führen.
Patricia Wichser
Schafhirte Boro Stoilov lädt dem Esel Zäune auf, welche für die Umzäunung der Schafherden auf- und wieder abgebaut werden. (Bilder: Patricia Wichser)

Schafhirte Boro Stoilov lädt dem Esel Zäune auf, welche für die Umzäunung der Schafherden auf- und wieder abgebaut werden. (Bilder: Patricia Wichser)

Es ist frühmorgens. Auf 950 Meter über Meer herrscht Hektik. Fritz Barandun macht einen Zwischenhalt in der Wattwiler Laad und muss nun mit seinen 600 Schafen so schnell wie möglich weiterziehen. Kleine, feine Schneeflocken rieseln auf die Herde herab. Ein mässiger Wind geht. Vorher profitierten sie von mehreren frühlingshaften Tagen. «Wir kommen von Wagen SG her und hatten für den Weg länger als angenommen», erklärt Fritz Barandun kurzatmig. Aber auch sonst bleibt eine Wanderherde selten lange auf derselben Wiese. «Je nach Futter», sagt der hauptberufliche Schafhirte. Manchmal eine halbe Stunde, manchmal eineinhalb Stunden und länger. «Doch mit dem Winter sind wir bisher zufrieden – es gibt bessere und schlechtere», bestätigt der gebürtige Bündner.

Begleitet wird Fritz Barandun von Boro Stoilov, welcher aus Bulgarien stammt und in Mazedonien lebt. Auch in der Hektik bewahrt er die Nerven und rüstet routiniert den Esel Julio. Sorgfältig hievt er den Transportsattel über den Rücken des geduldigen Tieres. Alles andere als geduldig sind die beiden Hirtenhunde Tom und Roma. Sie wissen genau: Es herrscht Aufbruchstimmung – gleich wartet viel Arbeit auf sie. Immer wieder schauen sie ihren Chef an: «Ob wohl gleich ein Befehl kommt?»

Man muss Freude haben

Die rassenmässig buntgemischte Schafherde von Fritz Barandun ist seit dem 26. November 2010 unterwegs. An diesem Tag luden sie die Schafe in Gossau auf und führten sie in die Linthebene. «Den Ricken machen wir immer, wenn er schneefrei ist», erklärt der Haupthirte, welcher vor 30 Jahren mit der Wander-Schäferei angefangen hat. Freiheitsliebend ist er und den Umgang mit den Schafen lernte er von Kindsbeinen an.

Auf die Frage, was ihm am besten gefällt an der Schäferei antwortet er bestimmt: «Alles. Es muss einem alles gefallen. Sonst ist es nicht gut. Man muss Freude haben an dieser Arbeit.» Hatte er schon einmal eine Begegnung aus der Ferne mit einem Luchs in der Region? «Nein, das hatten wir noch nicht», erzählt er. Andererseits komme es immer wieder vor, dass nicht angeleinte Hunde in die Herde fahren. «Wenn man bei den Schafen ist, kann man die Situation beschwichtigen und es gibt keine Probleme», fährt er fort. Eine Schwierigkeit ist, dass immer mehr verbaut wird und dass man auf die Verläufe von Bahn und Strasse achten muss. «Man muss immer wieder neue Wege suchen», weiss Fritz Barandun.

Doch wohin sie auch ziehen, die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Leute ist ihnen sicher. Immerhin ist es ein seltener Anblick so viele Schafe, welche die Strasse oder Landschaft säumen. Der Schäfer zieht sich die graue Pelerine an und steigt den Hang hinauf zum anderen Ende der Herde. Boro Stoilov geht mit dem bepackten Esel voraus.

Die Hunde weibeln hin und her und sorgen für die Kompaktheit der Herde. Weiter geht es Richtung Krinau. Eine halbe Stunde später drehte der Wind. Dicke weisse Flocken lösen die kleinen Flöckchen ab und innerhalb von einer Stunde liegen zehn Zentimeter Schnee auf den Weiden, wo vorher noch friedlich eine grosse schöne Schafherde graste.

Drei Herden in St. Gallen

Nebst dieser Herde gibt es noch zwei andere Wanderherden im Kanton St. Gallen mit je 600 und 800 Schafen. Auch diese mussten beim kantonalen Veterinäramt ihre Routen vorgängig bekanntgeben und bewilligen lassen. «In unserem Kanton gibt es zwei ideale Gebiete für Wanderherden», erklärt Markus Jenny vom St. Galler Veterinäramt. Doch leider sind diese voneinander getrennt durch unüberwindbare Strassen. «Allgemein werden die Möglichkeiten der Routen immer kleiner durch die Verbauung», bemerkt er weiter. Im mitgeführten Wanderbuch trägt der Hirte Abweichungen der Route ein sowie spezielle Ereignisse. «Bis jetzt wurden noch nie Schafe gerissen», weiss Markus Jenni. Doch Eintragungen von verunfallten Tieren mit kleineren Verletzungen gibt es hin und wieder. Die Verantwortung, die ein Hirte für seine Herde besitzt, ist nicht zu unterschätzen. «Bei gefährlichen Traversen oder Tunnels ist es unerlässlich, dass bei dieser Herdengrösse mindestens zwei bis vier erfahrene Personen die Tiere begleiten», erklärt Markus Jenni. Die Chance eine Wanderherde im Mittelland zu beobachten ist weit höher als im Toggenburg. Rein vegetationsbedingt. «Während der Wintermonate sind in der Schweiz gegen 25 Wanderherden unterwegs», gibt die Vereinigung «Agridea» Aufschluss. Vor zwanzig Jahren waren es doppelt so viele.

Schafe als Landschaftsgestalter

Naturforscher aus Deutschland befürchten, dass durch die verminderte Extensivnutzung viel an Landschaft und Ökosystem verloren geht. Im Sommer 1993 wurden auf der Schwäbischen Alb in 16 intensiven Untersuchungen eines einzelnen Schafes über 8500 Samen von 85 verschiedenen Gefässpflanzen gefunden. Vereinzelt blieben die Samen bis sieben Monate auf dem Fell. Neben Pflanzen spielen Schafe vor allem für Grashüpfer den Transporter. Bei einem Experiment mit 701 Grashüpfern verliessen zwei Drittel das Schaf. Aber 14 Grashüpfer liessen sich mehr als 30 Minuten vom Schaf tragen und konnten so bequem 700 Meter zurücklegen. Aber auch sonst sind die Schafe beliebte Landschaftspfleger: Sie beissen die Gräser kürzer als die Rinder und doch nicht so kurz wie die Pferde. Der Dünger kräftigt den Boden und die kleinen Hufe festigen den Boden. Dennoch sind die Bauern geteilter Meinung, einige ärgern sich über Druckschäden auf ihrem Boden.

Wirtschaftlich sinnvoll

In der Schweiz ist die Ausmast auf Winterweiden wirtschaftlich wichtig für die Schafhaltung in der Schweiz. In den Berggebieten werden zwei Drittel aller Schafe gehalten. Dort ist es wirtschaftlich nicht interessant, über den Winter jeweils Lämmer im Stall auszumästen. Im Flachland sind die Weiden über den Winter ungenutzt, was den Schafen zugutekommt, fressen sie auch gefrorenes Gras und können ihr Futter sogar unter einer bis zu 20 Zentimeter dicken Schneeschicht hervorscharren. Es gibt Bauern, welche die Winterweide schätzen, da sie mit weniger Schneeschimmel und mehr schmackhafterem Junggras rechnen können. Auch weniger Mäusebefall wird der Winterweide nachgesagt.

Nicht das grosse Geld

Das grosse Geld ist mit Wanderherden dennoch nicht zu machen: Laut Bestätigung von Peter Zwahlen, Lamm-Metzgereifachgeschäft in Thun, betragen die Kosten für Arbeit, Transport, Gebühren und Abgänge rund 60 bis 80 Franken pro verkauftes schlachtreifes Lamm aus der Wanderherde. Der Produzentenpreis hingegen hat sich in den letzten zwanzig Jahren von 15 auf unter 10 Franken reduziert. Wanderhirten sind auch seitens Direktzahlungen benachteiligt, dadurch, dass sie eine kleine Betriebsfläche besitzen. Es gibt zwar Beiträge für Rauhfutter verzehrende Tiere, doch diese Direktzahlungen bezahlt der Bund für Schafe, die über ein Jahr alt sind.

Für die Lämmer auf der Winterweide gibt es somit kein Bundesgeld. Eine minimale Preisstützung durch den Bund, um Preisschwankungen auszugleichen und Transparenz bei der Preisgestaltung, wäre den Wanderhirten hilfreich. «Wir versuchen auf politischem Weg die Import-Kontingente und das Import-System zu korrigieren», erklärte German Schmutz vom Schweizerischen Schafzuchtverband. Ebenfalls wurde zusammen mit der Migros ein Lammfleisch-Pilotprojekt lanciert. Es heisst «Alp-Lamm» und wird 2011 fortgesetzt. Ziel ist es, die Konsumenten auf inländisches Lammfleisch aufmerksam zu machen. Gemäss Schweizerischem Schafzuchtverband stammt 55 Prozent des Lammfleischabsatzes in der Schweiz aus dem Ausland, vorwiegend aus Neuseeland. Dabei seien ausschliesslich Filet, Lammrücken und Gigot gefragt. Das teure Fleisch hat 10 000 Seemeilen hinter sich und drückt dennoch die Preise.

Wanderschafe beissen die Gräser kürzer als die Rinder und doch nicht so kurz wie die Pferde.

Wanderschafe beissen die Gräser kürzer als die Rinder und doch nicht so kurz wie die Pferde.

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