Mit Nachtfalter zum ersten Preis

Beim diesjährigen Wettbewerb für Uhrmacherlehrlinge holte Dion Ehrat, Lehrling der Lichtensteiger Uhren-Bijouterie Perret, den ersten Preis. Dabei liess er viele Konkurrenten namhafter Uhrenbetriebe hinter sich.

Raffaela Arnold
Drucken
Teilen
Der Gewinner: Ein Nachtfalter, der seine Flügel öffnet und schliesst. (Bild: Institut Horlogerie Cartier)

Der Gewinner: Ein Nachtfalter, der seine Flügel öffnet und schliesst. (Bild: Institut Horlogerie Cartier)

LICHTENSTEIG. Jedes Jahr wird vom Institut Horlogerie Cartier ein Uhrmacherwettbewerb ausgetragen (siehe Infokasten). Dieses Jahr jedoch hielt er eine Überraschung bereit: Nicht etwa ein Lehrling aus einem renommierten Uhrenbetrieb gewann den Preis, sondern einer aus einem unabhängigen Fachgeschäft aus dem Toggenburg: Dion Ehrat. Unter der Konkurrenz waren unter anderem Lernende von Audemars Piquet, Chopard, IWC, Cartier und Patek Philippe.

Von nichts gewusst

«Ich wusste vorerst gar nicht, dass ich angemeldet war», verrät Dion Ehrat, Uhrmacherlehrling und Preisträger. Er absolvierte gerade einen Kurs auswärts, warum er nicht mitbekam, wie ihn sein Ausbildner René Perret anmeldete. Die Teilnehmer erhielten einen Brief mit den Bestimmungen und den Einschränkungen des Wettbewerbs und durften dann 32 Stunden auf zwei Wochen verteilt an ihrem Werk arbeiten. In der ersten Woche habe er Ideen gesammelt, Pläne gezeichnet und die Arbeit konzipiert. «Schliesslich habe ich gar nicht mehr genau auf diese Pläne geschaut», sagt Dion Ehrat. Es gab diverse Richtlinien, die er zu beachten hatte. Zum einen durfte der entworfene Mechanismus die Masse des vorgegebenen Werkmoduls nicht überschreiten, und die Uhr musste funktionieren. Zum anderen war die Benutzung einer Fräsmaschine untersagt. «Nicht jedes Geschäft verfügt über eine solche Maschine, somit galten für alle die gleichen Voraussetzungen», erklärt Dion Ehrat. So stellte er ein kleines Rad mit der Feile her. Während dieser zwei Wochen musste ein Protokoll für die Arbeitszeit ausgefüllt werden, denn Cartier selber kontrolliert die Teilnehmenden nicht. Bei über hundert Wettbewerbern wäre dies mit einem zu grossen Aufwand verbunden.

Die Aufgabe lautete, eine Tag- und Nachtanzeige auf ein bestehendes Werk anzubringen. Ehrats Idee stach aus den übrigen heraus: Wo viele an Mond- und Sonnensysteme dachten, entwickelte er ein Prinzip, bei dem ein Nachtfalter seine Flügel öffnet und wieder schliesst, je nachdem ob Tag oder Nacht ist. Seine Idee kommt nicht von ungefähr: «Ich mag allgemein Insekten und Schmetterlinge», sagt Ehrat. Die Verwandlung einer hässlichen Raupe in einen schönen Schmetterling, der auch mit dem Tag verbunden wird, fasziniere ihn. Mit seinen Konkurrenten hat er sich ausgetauscht, waren sie doch alle Kollegen an der gleichen Schule. «Dabei wurde aber nichts abgeschaut, jeder hatte andere Vorstellungen», sagt Ehrat. Das Endprodukt durfte er nicht behalten, das sei nun Eigentum von Cartier. Für die Preisübergabe reiste das Geschäft am 9. Mai nach La Chaux-de-Fonds. «Den riesigen Gewinnerscheck im Zug nach Hause zu transportieren, war eine lustige Angelegenheit», lacht Dion Ehrat.

Die Uhren-Bijouterie Perret nimmt nicht das erste Mal teil an diesem Wettbewerb. Bereits drei Lehrlinge durften nun dabei sein, sagt René Perret, Geschäftsführer, Lehrlingsausbildner und selber Uhrmachermeister. «Einer von ihnen durfte den Prix à l'originalité entgegennehmen.»

Fachleute braucht es immer

René Perret ist stolz auf seinen Lehrling. Heutzutage gebe es nicht mehr viele, die den Beruf des Uhrmachers erlernen möchten, was schade sei, so Perret. «Wenn Fachleute fehlen, sind bald die Fachgeschäfte nicht mehr besetzbar.» Und die brauche es, denn obwohl man sich in Richtung Wegwerfgesellschaft – kaufen, tragen, entsorgen – entwickle, zeige sich auch ein anderer Trend: Die Uhren werden mechanischer, präziser, komplizierter. Da sind Fachleute gefragt, welche die teuren Uhren wieder reparieren können. Gerade im Zuge der aktuellen Veränderungen sieht Perret den Wert der ehrwürdigen, qualitativen Uhr: «Die Smartwatch kam und wird wieder so gehen», ist sich René Perret sicher. In fünf Jahren werden solche Uhren nicht mehr in dieser Form existieren, sie werden sich selber überholen. Schade sei, wenn da der Kommerz vor der Qualität stehe. «Diese Uhren sind nicht einmal wasserdicht, da können wir nur lachen!»

Stolz zeigt er sein Werk: Der Gewinner Dion Ehrat mit seinem Ausbildner René Perret. (Bild: Raffaela Arnold)

Stolz zeigt er sein Werk: Der Gewinner Dion Ehrat mit seinem Ausbildner René Perret. (Bild: Raffaela Arnold)