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Mit Musik Tennisspielen lernen

Der 62jährige Kurt Wiederkehr wohnt seit 20 Jahren im Obertoggenburg. Seit der ersten Stunde der Tennishalle Toggenburg in Unterwasser bietet er mit seiner selbst entwickelten Methode «Mental Match Play» einen Mehrwert für den weissen Sport.
Christiana Sutter
Psychologe und Tennislehrer Kurt Wiederkehr ist Entwickler von «Mental Match Play». (Bild: Christiana Sutter)

Psychologe und Tennislehrer Kurt Wiederkehr ist Entwickler von «Mental Match Play». (Bild: Christiana Sutter)

Früher war Tennisspielen sehr elitär, ein Sport für die Reichen und die Adligen. Heute ist es ein Volkssport. Worauf ist das zurückzuführen?

Kurt Wiederkehr: Tennis ist allgemein viel günstiger geworden. Früher musste man sich in einen Club einkaufen. Heute hat sich Tennis mit all den Fun-Sportarten geöffnet, Tennis ist Breitensport.

Steigt die Zahl an Tennisspielern durch die Erfolge von Roger Federer und Stan Wawrinka?

Wiederkehr: Es gibt im Sport immer Kurven. Es kommt darauf an, wie weit man zurückschaut. Nach den Zeiten von Boris Becker war Tennis rückläufig, das war vor etwa 15 bis 20 Jahren. Ein Teil davon nimmt Golf ein. Heute haben wir im Jugendbereich wieder eine Zunahme. Das ist sicher auf Roger Federer und Stan Wawrinka zurückzuführen, die einiges bewirkt haben. Aber auch Swiss Tennis und Jugend + Sport haben sich zusammengetan und gute Angebote für die Jugendlichen entwickelt.

Was ist für Sie die Faszination des weissen Sports?

Wiederkehr: (lacht) Weiss wird nur noch in Wimbledon gespielt. Der Tennissport ist farbig geworden, es ist ein sehr spielerischer und taktischer Sport. Das Ziel ist es schliesslich: Wie schaffe ich es, wenn ich auf dem Tennisplatz stehe, das was ich kann abzurufen und umzusetzen. Denn jedes Tennismatch ist ein Wechselbad der Gefühle.

Was bedeutet Tennis für Sie?

Wiederkehr: Tennis bedeutet für mich sehr viel. Ich konnte einer Arbeit nachgehen, die mir sehr viel Spass bereitet, damit eine 5köpfige Familie ernähren und den Kindern eine super Ausbildung finanzieren. Zudem wurde ich Unternehmer und durfte in verschiedenen Tennisschulen in Österreich, der Schweiz und Italien bis zu 14 Mitarbeiter beschäftigen. Im weiteren konnte ich mich durch den Tennissport persönlich immer weiterentwickeln. Da ich ja von der Sportpsychologie komme, faszinierten mich vor allem die verschiedenen Modelle des Lehrens und des Lernens. Für meine Diplomarbeit in Sportpsychologie besuchte ich die wichtigsten Tennisschulen in den USA, um deren Vermittlungsmodelle kennenzulernen. Wie beispielsweise bei Van der Meer oder Nick Bolletieri , wo ich kurzzeitig als Trainer gearbeitet habe. Diese Suche nach neuen Wegen der Vermittlung haben mich auch neben dem Tennisplatz weitergebracht. Heute bin ich vor allem in der Erwachsenenbildung und im Coaching in der Wirtschaft tätig

Worin liegt für Sie die Motivation, jemandem das Spiel mit dem Filzball beizubringen?

Wiederkehr: Für mich ist Tennis ein Spiegel des Lebens. Der Mensch kann so lernen, mit sich umzugehen, das Mittel dazu ist ein Racket und ein Ball. Der Mensch steht für mich im Mittelpunkt. Ich glaube, man lernt durch Tennis mit sich und seinen Fähigkeiten zu spielen. Was dann auch wieder ausserhalb des Tennisplatzes Auswirkungen hat.

Worauf kommt es beim Tennisspielen an?

Wiederkehr: Wie bei allen Sportarten spielt sich 70 Prozent im Kopf ab. Die restlichen 30 Prozent sind Fitness und Technik. Die Herausforderung beim Tennis ist es, wie kann ich meinen Focus und meine Konzentration aufrechterhalten? Es spielt sich im Kopf ab, ob man den Ball nur anschaut oder auch sieht. Heute haben alle Top-Spieler Sportpsychologen. Denn man hat im Spitzensport gemerkt, dass das Höher, Weiter, Mehr nicht mehr genügt. Es geht darum, wie kann ich in welchem Moment meine Fähigkeiten abrufen. Jeder Mensch hat persönliche Fähigkeiten, die womöglich noch nicht dem Tennisspiel angepasst sind. Das gilt für Einsteiger wie auch für Profis. Wenn jemand überzeugt ist, das kann ich sowieso nicht, dann geht es auch nicht. Alle Verhaltensmuster aus dem Leben bringt der Mensch auf den Tennisplatz mit. Dies sind dieselben Barrieren wie im richtigen Leben. Daher geht es mir nicht um den Sport als solches, sondern es geht darum, die Menschen in einen Zustand zu bringen, damit sie Neues annehmen und an ihre Fähigkeiten glauben.

Braucht es viel Talent oder wird man mit Fleiss ein guter Tennisspieler?

Wiederkehr: Es gibt beides. Zum einen gibt es die Arbeiter, die durch Tausende von repetitiven Bewegungsabläufen beispielsweise Herr oder Frau Rückhand werden. Das Prinzip ist: Kommt der Ball, reagiert man einfach. Das ist mechanisches Lernen. Oder es geht um bewusstes Lernen, das heisst, ich schule meine eigenen Wahrnehmungen und lerne wertfreier zu experimentieren, um Neues zu entdecken. Diese Art von Lehren und Lernen fasziniert mich sehr.

Schaut man die Schweizer Tennisszene an, erstaunt es, dass es ein paar Wenige an die Spitze geschafft haben. Worauf ist das zurückzuführen?

Wiederkehr: Es ist nicht nur in der Schweiz so. Ein Spitzenspieler zu werden, ist ein harter Weg und strenger, als es sich die meisten vorstellen. Tennis ist ein Individualsport, daher ist es wichtig, die Motivation und den Einsatz über Jahre immer wieder alleine zu finden. Ein Beispiel: Man geht für ein Turnier nach Südafrika und verliert in der ersten Runde und muss schon wieder zurück. Fact ist, man hat viel Geld verloren und keinen einzigen Rangpunkt gewonnen. Damit muss man lernen, umzugehen.

Sie haben die Methode «Mental Match Play» MMP entwickelt. Was ist speziell an dieser Methode?

Wiederkehr: Im klassischen Lernen gibt es richtig und falsch. Der Lehrer beschreibt, was falsch gemacht wurde. Mit MMP entdeckt der Schüler selber, was funktioniert. Es geht um die Eigenwahrnehmung und darum, die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Sache zu lenken und bei der Beobachtung zu bleiben. Die Hilfe erfolgt dadurch, dass der MMP-Coach dem Schüler eine Vorstellung des Inneren Bildes vermittelt und wie es ist, wenn etwas funktioniert. Beispielsweise sagt man im Klassischen Lernen, dass man den Ball vor dem Körper treffen sollte. Das heisst für den Schüler, dass er schneller auf den Ball zugehen muss und den Ball früher treffen sollte. Die Möglichkeit besteht dann, dass durch die Bemühung, dies umzusetzen, das Timing des Schülers nicht mehr stimmt. Bei MMP schafft man einen Erfahrungsraum, beispielsweise: Weit vor dem Körper ist eine Fünf, dann eine Vier und so weiter. Nach jedem Ball soll der Schüler dann sagen, wie er den Schlag empfunden hat. Es gibt weder richtig noch falsch. Der Schüler entdeckt dann plötzlich, dass es ihm in der Zwei gefällt. Das ist sein persönlicher optimaler Treffpunkt. Denn was man selber entdeckt, ist immer mehr wert als das, was man von aussen gesagt bekommt. Zu Beginn der 1980er-Jahre war diese Methode revolutionär. Heute weiss man, dass die Eigenwahrnehmung die beste Lehrerin ist. MMP setzt auch Musik ein, denn Musik hilft, die Konzentration zu steigern und zu behalten. In einem solchen Zustand lernt man einfacher und schneller.

Wurde die Musik extra für MMP geschrieben?

Wiederkehr: Die Musik ist von Tibor Lörenz speziell komponiert worden. Ich hatte die Übungen und habe dem Komponisten gesagt, welchen Zustand ich mit der Musik erreichen möchte. Die Musik ist nach musikpädagogischen Kriterien aufgebaut. Es hat rund zwei Jahre gedauert, bis wir zu allen 22 Übungen die passende Musik hatten.

Wäre es auch möglich, mit einem Naturjodel zu spielen?

Wiederkehr: Weniger, weil diese Musik eine andere Wirkung auf den Menschen hat. Oft ist der Naturjodel melancholisch und vermittelt Wehmut. Unsere Musik ist eher aufmunternd und rhythmischer.

Zuerst setzten Sie diese Methode im Tennis ein, jetzt auch im Alltag.

Wiederkehr: Wo immer man hingeht, was immer man tut, man nimmt sich selber immer mit. Damit ich meine Bestleistung abrufen kann, muss ich zuerst lernen, mit mir umzugehen. Dafür benötige ich meine persönlichen Werkzeuge. Was muss ich beispielsweise machen, damit ich wieder ruhig werde, wenn ich aufgebracht bin, egal ob beim Tennisspielen oder im Alltag.

Wer sind die Kunden?

Wiederkehr: Im Tennis gibt es grundsätzlich zwei Altersgruppen. Zum einen die Jugendlichen und dann wieder die über 40-Jährigen. Zwischendrin ist ein Loch. Diese Altersgruppe übt eher Funsportarten aus.

Sind die Toggenburger tennisbegeistert?

Wiederkehr: Grundsätzlich ist natürlich das Skifahren die Hauptsportart der Toggenburger und wird es auch bleiben. Doch in den Toggenburger Tennisclubs hat es überall begeisterte Tennisspieler. Durch die Tennishalle in Unterwasser ist Tennis ein Ganzjahressport geworden. Denn die Tennisturniere im Winter sind sehr gut besucht.

Was wünschen Sie sich für das Toggenburg?

Wiederkehr: Von den Leistungsträgern eine Zusammenarbeit im Sinne der Musik, des Klangs. Wir sind auf einem Weg, die gegenseitige Unterstützung ist bestimmt noch ausbaufähig.

Wie viel Zeit verbringen Sie auf dem Tennisplatz?

Wiederkehr: Das hat sich mit den Jahren verändert. Ich bin nicht mehr im Tennis-Tagesgeschäft tätig. Heute bin ich in unseren Tennisschulen ein Springer, immer wenn Not am Mann ist, bin ich da. Im April, bei den Saisonvorbereitungen für die Interclub-Mannschaften, bin ich bis zu neun Stunden auf dem Platz.

Spielen Sie noch Tennis just for fun?

Wiederkehr: Ja, ich spiele ein- bis zweimal pro Woche in unserer Seniorengruppe mit. Danach gibt es meistens ein Essen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Tennis spielen?

Wiederkehr: Heute bin ich im Seminarbereich, in der Erwachsenenbildung und in der persönlichen Begleitung tätig. Wie kann man Wissen einfach vermitteln und wie kann man mit sich in schwierigen Situationen umgehen. Ich habe daher auch noch eine Zusatzausbildung als Coach für Kunden aus der Wirtschaft gemacht. Hobbies sind aber auch Golf spielen, Bonsai züchten und Gitarre spielen.

Sie spielen im Theaterstück «Die Schweizermacher» mit, welches im August im Zeltainer Unterwasser aufgeführt wird. Was bedeutet das für Sie?

Wiederkehr: Ganz einfach Spass. Man ist an mich herangetreten und sagte mir, dass es noch eine Rolle zu besetzen gebe. Früher beim Club Intersport CIS war ich auch oft auf der Bühne und musste für Unterhaltung sorgen. Dann gefällt mir das Thema «Die Schweizermacher». Es ist reizvoll, ein Stück mit dieser Thematik und diesem Bekanntheitsgrad neu zu inszenieren. Meine kleine Rolle in dem Stück ist locker und nicht allzu ernst. Ich freue mich riesig auf die Aufführungen. (lacht)

www.tennishalle.ch www.tennis-academy.com

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