Mit einem Erdbeben vergleichbar

Der in Wattwil aufgewachsene und heute in Zürich tätige Kinderarzt Roland Kägi gab Einblick in sein Spezialgebiet. Als Vorstandsmitglied der Fachgesellschaft für ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) und praktizierender Kinderarzt, hat er täglich mit dieser Erkrankung zu tun.

Adi Lippuner
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WATTWIL. Die Aula der Kantonsschule war mit rund 100 Personen gut besetzt, als die Organisatorin des Vortrags, die Wattwiler Ergotherapeutin Liselotte Rittmeyer, den Referenten begrüsste. «Roland Kägi ist in Wattwil aufgewachsen und hat hier die Kantonsschule besucht», so ihre Ankündigung. Und der Angesprochene doppelte nach: «1977 sass ich ganz zuhinterst in diesem Raum, als der damalige Rektor Meile uns mit den Worten begrüsste: Hier haben nur diejenigen etwas zu suchen, die wollen und können.»

Mangel an Neurotransmittern

Damit war der ADS-Spezialist (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) bereits mitten im Thema: «Es gibt viele Kinder, die eigentlich möchten, aber nicht können und zwar, weil es bei ihnen einen Mangel an Neurotransmittern im Hirn gibt.» Roland Kägi sprach von mangelnden Verknüpfungen und verglich die Verbindungen im Hirn eines ADS-Betroffenen mit einem internationalen Netzwerk, welches wegen beschädigter Kabel nicht richtig funktionieren kann.

Um den Anwesenden einen Einblick in die Welt eines ADS-Kindes zu geben, wurde der Film «Johnny Hurriciane» gezeigt. Rasch wurde deutlich, dass der Bursche seine Umgebung nicht richtig wahrnehmen kann und deshalb in seiner eigenen Phantasiewelt lebt. Dass er dadurch aneckt und vor allem in der Schule nicht verstanden wird, kam in den verschiedenen Sequenzen zum Ausdruck.

Ein Buchstabe weniger

Aktuell wird von ADHS (H steht für Hyperaktivität) gesprochen und geschrieben. «Neu fällt», so Roland Kägi, «das H weg, ich verwende deshalb den neuen Begriff ADS». Als «Doktor an der Front», er sei Praktiker und nicht Forscher, habe er täglich mit betroffenen Kindern und ihren Eltern zu tun. «ADS ist äusserst vielschichtig und mit einem Erdbeben, das sowohl Stufe eins als auch sieben auf der Richterskala haben kann, vergleichbar.»

Zuwenig Zucker im Hirn

Bei einem Erdbeben der Stufe eins oder zwei gebe es keine Schäden und es seien auch keine Massnahmen nötig, ganz anders bei Stufe sechs oder sieben. «Wo Leidensdruck vorhanden ist, sind Abklärungen und eine Diagnose nötig.»

Zudem gelte es, im Interesse von Eltern und Kindern, die Vorgabe der Invalidenversicherung (IV) wenn immer möglich einzuhalten. «Die Versicherung anerkennt nur Fälle, welche vor dem neunten Geburtstag erfasst wurden. So ist die Chance gross, dass die Kinder, bei entsprechender Behandlung, später den Berufseinstieg schaffen.»

ADS-Betroffene haben nicht nur einen Mangel an Botenstoffen, in ihrem Hirn ist auch zu wenig Zucker vorhanden und die Durchblutung funktioniert nicht gleich wie bei anderen Kindern.

Suchtgefährdung vorhanden

Vor allem Dopamin, der am häufigsten betroffene Neurotransmitter – im Volksmund auch Glückshormon genannt – sei beeinträchtigt. «Aus diesem Grund sind ADS-Betroffene oft auch suchtgefährdet», so der Fachmann. Die heutige Gesellschaft mit ihren «Multi-Task-Anforderungen» (mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen) sei für ADS-Betroffene eine zu grosse Herausforderung. «Ihre Wahrnehmungsstörungen führen deshalb zu Verhaltensauffälligkeiten.»

Gemäss Roland Kägi stehen drei anerkannte oder wie er es nannte, «relevante Behandlungsmöglichkeiten» zur Verfügung. Ergotherapie, Medikation und Psychotherapie, diese seien auch von den Versicherungen anerkannt. Wie sehr sich Eltern, Lehrpersonen und Betroffene um die Medikamentengabe sorgen, wurde in der Diskussion deutlich. Für Roland Kägi ist eine gut eingestellte Medikation, ob dies nun Ritalin oder ein anderes, anerkanntes Mittel sei, bei vielen ADS-Patienten unabdingbar.

Begleitende Massnahmen

«Medikamente sind wie der Dünger für den Garten, allerdings muss das Umfeld auch gepflegt werden. Wer die Beete nicht vorbereitet, die Pflanzen nicht giesst und erntet, braucht seinen Garten auch nicht zu düngen.» Genauso sei es mit Medikamenten. Es brauche begleitende Massnahmen und ein verständnisvolles Umfeld, dann könne die Störung unter Kontrolle gehalten werden. «Allerdings arbeite ich nicht bei Meteo Schweiz und kann deshalb keine Zukunftsprognosen abgeben.»

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