«Mit Diktat lernt man schreiben»

BÜTSCHWIL. «Der Verein «Starke Volksschule St. Gallen» zeigte in Bütschwil am Donnerstagabend auf, warum er die starke Volksschule verteidigt und gegen die globale Vereinheitlichung der Bildung mit dem Lehrplan 21 ist.

Cecilia Hess-Lombriser
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Gabriella Hunziker, Lutz Wittenberg und Judith Barben-Christoffel (von links) referierten. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Gabriella Hunziker, Lutz Wittenberg und Judith Barben-Christoffel (von links) referierten. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

«Gefährdet der Lehrplan 21 die hohe Bildungsqualität der Schweiz? Ist die Methodenfreiheit für die Lehrer wirklich noch gewährleistet?», waren Fragen, die Lisa Leisi als Moderatorin an den Anfang des Abends mit drei Referaten und einer engagierten und ausgiebigen Diskussion stellte.

Judith Barben-Christoffel, Lehrerin, Heilpädagogin, Psychologin und Publizistin berichtete von ihren Erfahrungen aus ihrer Praxis mit Kindern, die zunehmend Schwierigkeiten mit den Lehrmethoden der letzten Schulreformen haben und freudlos den Wochenplan abarbeiten, den Lehrer als Coach und nicht als Bezugsperson erfahren und weder solide Kenntnisse erwerben noch Werte vermittelt bekommen. «Wertvolle Schulzeit wird verplempert», stellte sie fest. Zuvor hatte sie aufgezählt, welche Werte und Inhalte bis 1990 vermittelt worden waren. Dazu hatten die Rechtschreibung, das Einmaleins und die schöne Handschrift gehört. «Es wurde noch geübt. Mit Diktat lernt man schreiben.»

Einführung durch Hintertüre

Barben-Christoffel zeigte in ihren umfassenden Ausführungen die Hintergründe des Lehrplans 21 auf. Die Wirtschaftsorganisation OECD gebe die Themen der Bildung vor, und es gehe ihr um die wirtschaftliche Investition in die Menschen und nicht um deren Grundrechte. «Die Schweiz hat lange Widerstand leisten können, weil sich der Souverän äussern durfte», erklärte sie. Eltern wünschten den Kindergarten und Hausaufgaben, doch genau das solle auch abgeschafft werden. Hausaufgaben seien Mobbing, habe ein Lehrer in der Schule erklärt, sollte später eine Mutter sagen. Mit den Pisa-Studien sei ein neuer Druck entstanden. «Alle Länder trimmen die Schüler auf Pisa-Norm», bemerkte Judith Barben. So werde der Lehrplan 21 durch die Hintertüre bereits eingeführt. Wenn im ersten Schulzyklus, zu dem die zwei Jahre des abgeschafften Kindergartens und der ersten und zweiten Klasse gehören würden, keine korrekte Rechtschreibung mehr gehöre, dann würden die Kinder nie lernen, richtig zu schreiben. Das Einmaleins müssten sie auch nicht mehr komplett lernen. Hinter dem Plan stehe ein Konstruktivismus; jeder Mensch könne sich seine eigene Realität schaffen, erklärte die Referentin.

Die Kompetenzen seien im neuen Plan zentral, nicht das Wissen, und doch würden zum Teil fragwürdige Inhalte vermittelt, wie später aus Lehrmitteln zitiert wurde. «Der Lehrplan 21 richtet sich gegen die Grundwerte des christlichen Abendlandes. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und darüber zu diskutieren.» Sich dafür oder dagegen aussprechen können die Stimmberechtigten im Kanton St. Gallen nur, wenn der Austritt aus dem Harmos-Konkordat angenommen wird. Eine entsprechende Initiative ist zustande gekommen; ebenfalls in weiteren zwölf Kantonen.

Niveau gesunken

Lutz Wittenberg, Gewerbeschullehrer, zeigte anhand von Unterlagen einer Weiterbildung im Kanton Thurgau auf, wie Lehrer dazu gebracht werden, den Lehrplan 21 zu befürworten. «Expertensysteme sind veränderungsresistent», heisst es darin, und damit sind die Lehrpersonen gemeint und: «der Leidensdruck muss erhöht und für schnelle Erfolge gesorgt werden.» Es wird klar gesagt, dass es zu Personalveränderungen komme, wenn jemand nicht mitmache. Wittenberg sprach von «Gehirnwäsche». Und wenn es heisse, dass sich über 50-Jährige an nichts mehr Neues gewöhnen könnten, dann sei es klar, wohin der Lehrplan ziele. Die alten Werte müssen weg. Die Pädagogische Hochschule Thurgau bilde bereits Lehrplan-21-konform aus. Wittenberg, der als Deutscher seit 15 Jahren in der Schweiz lebt, erfährt ein Zurückbuchstabieren der Bildung. Das Niveau sei gesunken. Berufsschullehrer und Ausbildner stellten zunehmend fest, wie schlecht die Schulentlassenen schreiben können. Was passiere, sei staatspolitisch stossend. «Es ist nötig, ins Gespräch zu kommen.»

Ohnmacht und Angst

Gabriella Hunziker, Psychiaterin und Psychotherapeutin, stellte ein Beispiel von Rechnungsaufgaben vor, das mit einer Geschichte gekoppelt ist, die vor negativen Werten strotzt. Eine eigentliche Rechnungsaufgabe fehlt. «Ich bin als Mutter empört und unser Kind hat die Aufgabe noch heute unerledigt im Schulsack.» Und wenn im aktuellen Lehrmittel für Deutsch in der Primarschule Schimpfwörter aufgelistet werden müssen, könne sie dies ebenfalls nicht verstehen. «Die positiven Werte sind in Gefahr.» Die Diskussion verlief angeregt.

Niemand sprach sich für den Lehrplan aus. Ein Schulratspräsident bekannte, dass er sein Amt wegen des Lehrplans abgegeben habe. Mütter zeigten sich ohnmächtig. Sie müssten zu Hause mit den Kinder lernen, was in der Schule nicht mehr beigebracht werde, und wenn sie reden wollten, würden sie abgeblockt. Von Angst war die Rede. «Das ist Bildungsdiktatur, die Demokratie wird umgangen», sagte ein Votant.