«Mit der wachsenden Population sind von den Wölfen auch mehr Risse zu erwarten»: Die Kleinviehhalter im Appenzellerland sind gewarnt

Im Appenzellerland war vor kurzem ein Wolf unterwegs, für Kleinviehhalter bedeutet das eine zusätzliche Herausforderung. Sie müssen ihre Herden künftig besser schützen.

Yann Lengacher
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Der Wolf im Appenzellerland stellt die Kleinviehhalter vor eine zusätzliche Herausforderung.

Der Wolf im Appenzellerland stellt die Kleinviehhalter vor eine zusätzliche Herausforderung.

Bild: Benjamin Manser

Wie schütze ich meine Tiere vor dem Wolf? Diese Frage dürfte bei Tierhaltern im Appenzellerland wieder an Aktualität gewonnen haben. Die Kantone Inner- und Ausserrhoden haben letzte Woche bestätigt, dass das Wolfsmännchen M109 im letzten Herbst für die gerissenen Schafe in Urnäsch und Appenzell verantwortlich war. Aufgrund der Entwicklung der Population in der Schweiz und im nahen Ausland sei im Appenzellerland künftig mit mehr Wolfspräsenz zu rechnen. Denn die Zahl der Wölfe im Land wächst. Die Stiftung Kora, welche die Bestände von Grossraubtieren in der Schweiz überwacht, geht momentan von ungefähr 80 Tieren aus.

Im Appenzellerland heisst das besonders für Kleinviehhalter, dass sie konsequent Herdenschutzmassnahmen ergreifen müssen, wollen sie keine unschöne Überraschungen erleben. Der Bund anerkennt in Bezug auf den Wolf elektrifizierte Zäune und Herdenschutzhunde als relevanteste Schutzmassnahmen. Je nach Umgebung, in der eine Herde weidet, ist eine andere Lösung ideal. So gilt der Einsatz von Hunden im Siedlungsgebiet oder auf kleineren Weiden als ungeeignet. Sepp Sennhauser, der Präsident des Appenzeller Schafzuchtverbands sagt:

«Hunde halten andere Tiere mit ihrem Gebell fern, auch Füchse oder Katzen. Wenn ein Hund die Nachbarn in der Nacht mit seinem Gebell weckt, kann das schnell zu Problemen führen.»

Seine rund 100 Tiere umfassende Herde schützt der Schafzüchter aus Wald deswegen mit elektrifizierten Zäunen. Herdenschutzhunde eigneten sich eher für abgelegenere Betriebe und wenig begangene Alpen.

Sinnvolle, aber aufwendige Schutzmassnahmen

Sepp Sennhauser ist der Meinung, dass Appenzeller Kleinviehhalter die Massnahmen zum Herdenschutz in der Regel umsetzen und erachtet diese als sinnvoll. Für Herdenschutzzäune- und Hunde erhalten Tierhalter Beiträge vom Bund. Auch die Appenzeller Kantone bieten Hilfe an: Sie informieren Kleinviehhalter per SMS, wenn der Verdacht besteht, dass ein Wolf in der Gegend sein könnte. Zudem stellen die beiden Appenzell gemeinsam Zaunmaterial für Notfälle zur Verfügung. Als Notfall gilt ein Wolfsriss. Tierhalter können die Zäune so lange ausleihen, bis sie selbst genügend Material organisiert haben. Denn Herdenschutzmassnahmen liegen grundsätzlich in der Verantwortung des Tierhalters.

Trotz dieser Unterstützung bleibe speziell das Aufstellen von hohen Zäunen mit Schlupfsicherung ein Aufwand, sagt Sennhauser: «Gerade im Appenzellerland müssen viele Schafhalter mit ihren Tieren oft den Standort wechseln. Der Aufwand liegt nicht im finanziellen Bereich, sondern im Auf- und Abbau der Zäune, der mancherorts nicht einfach ist.» Einen hundertprozentigen Schutz gebe es zudem nicht. Vor fünf Jahren habe ein Bär im Engadin zwei von Sennhausers Schafe gerissen, die er dort gehalten habe.

«Es schmerzt einen Schafzüchter natürlich, wenn er seine Tiere tot oder schwer verwundet auffindet.»

Da sei die finanzielle Entschädigung ein schwacher Trost. Der Bund zahlt Tierhaltern 80 Prozent der Kosten von Schäden, die Luchs, Bär oder Wolf verursachen, sofern der Kanton die restlichen Kosten trägt. Dies ist sowohl in Ausserrhoden als auch in Innerrhoden der Fall – allerdings nicht ausnahmslos. In der Regel entschädigen die Appenzeller Kantone Wolfsrisse nur, wenn diese Herdenschutzmassnahmen getroffen haben.

Abschuss als letzte Lösung

Die Innerrhoder Jagd- und Fischereiverwaltung bestätigt, dass die Schafe beim Vorfall in Appenzell nicht durch Herdenschutzmassnahmen geschützt waren. Die Kantone beurteilen jeden Riss individuell, bevor sie entscheiden, ob Anrecht auf eine Entschädigung besteht. In Innerrhoden sei die Beurteilung auf der Basis des Standeskommissionsbeschlusses über die Verhütung und Vergütung von Wildschaden erfolgt.

Den Abschuss eines Wolfs beschliessen darf ein Kanton nur, wenn Herdenschutzmassnahmen wirkungslos geblieben sind. Voraussetzung für ein Abschuss ist, dass im Streifgebiet eines Wolfs in einem bestimmten Zeitraum eine Mindestanzahl an geschützten Nutztieren ums Leben gekommen ist: 35 Nutztiere innerhalb von vier Monaten, 25 innerhalb eines Monats oder 15 innerhalb eines Monats, sofern der Wolf schon im Vorjahr Schäden verursacht hat. Die aktuellen Regelungen könnten aber bereits am 17. Mai dieses Jahres überholt sein. Dann kommt das Referendum zum Bundesgesetz über die Jagd zur Abstimmung.

Das alte Bundesparlament hatte vor den Wahlen ein Gesetz verabschiedet, das es den Kantonen erlauben soll, die Bestände der Wölfe eigenständig zu regulieren – ohne, dass ein Wolf zuvor Schafe gerissen haben muss. Dagegen haben Tierschutzverbände das Referendum ergriffen. Pro Natura Schweiz ist einer davon. Der Naturschutzverein argumentiert auf seiner Website mit dem Herdenschutz als Grundlage für das Zusammenleben von Mensch und Wolf. Sennhauser sieht Schutzmassnahmen ebenfalls als Teil der Lösung. Aus seiner Sicht müssten aber leichtere Abschüsse möglich sein:

«Mit der wachsenden Population sind von den Wölfen auch mehr Risse zu erwarten. Das neue Jagdgesetz erlaubt eine bessere Regulierung.»

Mehr Wölfe entsprechen mehr Schafsrissen, stimmt diese Gleichung? «Mehr Wölfe brauchen mehr Nahrung. Ob die Zahl der Nutztierrisse weiter ansteigt, hängt aber davon ab, wie konsequent und effizient die Tierhalter die Herdenschutzmassnahmen durchführen», antwortet der Kanton Appenzell Ausserrhoden auf diese Frage. Ein linearer Zusammenhang zwischen Nutztierrissen und der Grösse der Wolfspopulation bestehe nicht unbedingt.

Nach Vorfall in Appenzell: Der Wolf hat auch in Urnäsch Schafe gerissen

Auf einer Weide in Appenzell wurden in den vergangenen Tagen zwei tote Schafe aufgefunden. Am Freitagnachmittag meldet auch Ausserrhoden tote Schafe. Die Behörden gehen davon aus, dass der selbe Wolf für alle Schafsrisse verantwortlich ist. Haltern von Kleinvieh wird geraten, ihre Tiere über Nacht einzustallen.
Dinah Hauser