Mit der Erde verbunden

Es gibt ein chinesisches Sprichwort: «Gib einem Mann eine Flasche Wein, und er ist einen Tag lang glücklich. Gib ihm eine Frau, und er ist ein Jahr lang glücklich. Gib ihm einen Garten, und er ist ein Leben lang glücklich.

Jürgen Kaesler
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Jürgen Kaesler Pfarreibeauftragter St. Peter und Paul, Kirchberg (Bild: pd)

Jürgen Kaesler Pfarreibeauftragter St. Peter und Paul, Kirchberg (Bild: pd)

Es gibt ein chinesisches Sprichwort: «Gib einem Mann eine Flasche Wein, und er ist einen Tag lang glücklich. Gib ihm eine Frau, und er ist ein Jahr lang glücklich. Gib ihm einen Garten, und er ist ein Leben lang glücklich.» Dieses Sprichwort ist natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen – sehr viele Paare leben ein ganzes Leben lang glücklich und haben eine grosse Freude aneinander.

Das Sprichwort ist vor allem in Bezug auf den Garten ein bemerkenswertes. Es drückt eine besondere Wahrheit aus: Der Mensch, der eine Beziehung zum Boden, zur Erde hat, lebt ein erdverbundenes Leben. Sein Leben ist geerdet. Es ist etwas ganz Besonderes, wenn man sieht, dass man etwas aussät, dass die Saat aufgeht und kleine Pflanzen sich hervorstrecken, dass diese Pflanzen dann wachsen und aufblühen. Ein Wunder der Natur. Jene, die im Garten sich bewegen, spüren etwas davon: Die Erde in die Hand nehmen, schwitzen und ackern für den Boden, ist etwas, das glücklich machen kann. Auch in der Bibel wird von Gärten gesprochen, zum Beispiel zu Beginn, wenn vom Garten Eden die Rede ist. Es ist der Paradies- Garten, in den die Menschen gestellt werden. Das Paradies ist im Buch Genesis ein Garten, in dem Früchte und wunderschöne Pflanzen wachsen. Der Mensch lebt hier (anfänglich) in Harmonie mit der Natur. Im Neuen Testament stellt uns Jesus ebenfalls die Natur als Vorbild vor: In Matthäus 6,28 heisst es: «Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen!»

In der Nähe von Taizé habe ich vor rund 23 Jahren in einem Frauenkloster, dessen Bewohnerinnen ein Schweigegelübde abgelegt hatten, bei der Ernte geholfen. Wir waren eine Gruppe von etwa 15 jungen Männern und die Nonnen waren in Not, da Gewitter angekündigt wurde.

Die Schwester Oberin rief beim befreundeten Leiter unserer Gruppe an, denn sie wusste, dass wir uns zu dem Zeitpunkt gerade in Taizé aufhielten und sowieso einen Besuch im Frauenkloster in Burgund geplant hatten. So waren wir spontan bereit, bei der Ernte mitzuhelfen. Mit Heugabeln aus Holz haben wir das Heu zusammengenommen und auf langsam fahrende Wagen gehoben, oben standen Nonnen und verteilten das Heu. Beim wunderbaren Duft des Heus füllten wir die Wagen nach und nach.

Im Anschluss an die Heuernte sprachen die Nonnen unter einem riesigen Scheunentor – wir durften dabei sein – vor den sich verdunkelnden Wolken des Burgunds ein Gebet für die Gaben der Natur. Anschliessend wurden wir von den Schweigeschwestern zu einem einfachen, aber wunderbaren Znacht eingeladen. Wir sassen in einem romanisch geprägten grossen Innenraum des Klosters und genossen schweigend das selbstgekochte Abendessen. Glücklich, erschöpft und Eins mit Natur und Gott. Für mich war dies ein prägendes Erlebnis.

Das Erlebnis von Natur, das Arbeiten mit Erde im Garten, ist mehr als nur ein Sich-Bücken. Es ist eine Arbeit, die uns als Geschöpfe erleben lässt: verbunden mit der Erde, dem Humus, lernen wir die Humilitas, die Demut, wie sie von Gott gesehen wird: erdverbunden, mit Respekt vor dem Leben und gleichzeitig dankbar für das, was Gott seinen Geschöpfen jeden Tag schenken möchte, wenn wir es denn sehen wollen.

Diese wunderbare Erfahrung von Humus und Humilitas, von erdverbundener Dankbarkeit wünsche ich uns.