Mit der Entwicklung Schritt halten

Seit der Revision des Krankenversicherungsgesetzes im Jahr 2012 müssen sich auch die Spitäler Wattwil und Wil erhöhtem Konkurrenzdruck aussetzen. Wie sich auch das Spital Wattwil für die Zukunft rüstet, erläutert René Fiechter, CEO der Spitalregion Fürstenland Toggenburg (SRFT).

Urs M. Hemm
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CEO René Fiechter (links) im Gespräch mit Nevenko Stjepanovic, Fachmann für med. techn. Radiologie. (Bild: Urs M. Hemm)

CEO René Fiechter (links) im Gespräch mit Nevenko Stjepanovic, Fachmann für med. techn. Radiologie. (Bild: Urs M. Hemm)

Was tun Sie persönlich, damit Sie gesund bleiben?

René Fiechter: Zum einen gönne ich mir meistens genügend Zeit mit meiner Familie. Zum anderen komme ich jeden Tag zu Fuss ins Büro, was jedes Mal ein Weg von rund 20 Minuten ausmacht. Zudem treibe ich regelmässig Sport, etwa Volleyball, Tennis oder Badminton – und ich bin Nichtraucher.

Lagen Sie selbst schon einmal als Patient in einem Operationssaal und warum?

Fiechter: Ich war erst zweimal im OP. Zum ersten Mal als Kind wegen des Blinddarms. Damals war ich zehn Jahre alt. Und vor ein paar Jahren liess ich mich in Wattwil wegen eines Venenleidens operieren. Ansonsten habe ich als Patient einen OP nie von nahem gesehen.

Konnten Sie dabei etwas für Ihren Job als CEO der SRFT lernen?

Fiechter: Nein, ich habe aber in dieser Situation auch nicht speziell auf etwas geachtet. Ich fühlte mich gut aufgehoben und alles ist gut gegangen. Was mir jedoch auffiel war, welche Entwicklung in der Medizin in der Zwischenzeit stattgefunden hatte. Ich kann mich noch gut an meinen Spitalaufenthalt als Kind erinnern, wie oft ich nach der Operation meine Mutter gesehen habe und gleich wieder abgetaucht bin. Jetzt, mit den neuen Mitteln, bin ich aufgewacht und hatte das Gefühl, gerade erst aufgestanden zu sein. Aber nicht nur in der Anästhesie, auch in anderen Bereichen sind enorme Fortschritte gemacht worden. Heute würde der Blinddarm sogar mittels Single-Port-Methode über einen einzigen Schnitt im Bauchnabel entfernt werden.

Wie unterscheidet sich das Leiten von zwei Spitälern gegenüber den Aufgaben eines CEO eines herkömmlichen Industriebetriebs?

Fiechter: Der grösste Unterschied ist sicherlich, dass bei unserem Handeln immer der Mensch im Mittelpunkt steht. Bei uns geht es immer um Gesundheit, Krankheit, Leben und Tod – das sind die prägenden Elemente in einem Spital. Diese Tatsache prägt alle, die hier arbeiten. Dadurch sind auch immer viele Emotionen im Spiel wie Angst, Erleichterung, Hoffnung, Glück und Trauer. Ich denke, darin unterscheidet sich die Arbeit im Spital grundsätzlich von einem Industriebetrieb. Das ist es auch, was diesen Beruf so besonders macht.

Das Gesundheitswesen steht politisch oft in der Kritik. Inwiefern beeinflussen diese Diskussionen Ihre Arbeit?

Fiechter: Ich denke nicht, dass wir in der Kritik stehen. Es wird kontrovers diskutiert, was auch wichtig ist, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Umfragen der Vereinigung schweizerischer Krankenhäuser H+ haben aber ergeben, dass 94 Prozent der Befragten die Qualität der Schweizer Spitäler mit gut bis sehr gut bewerten. Das ist ein Punkt, der in der ganzen Diskussion nicht vergessen werden darf. Dass man in einzelnen Punkten anderer Meinung sein kann, ist klar, aber das trägt ja auch dazu bei, die Spitäler weiter zu entwickeln.

Einer der wichtigsten Umbrüche der letzten Jahre im Gesundheitswesen war die Revision des Krankenversicherungsgesetzes im Jahr 2012. Welches waren die einschneidendsten Veränderungen?

Fiechter: Es war in der Tat ein markanter Wechsel, den wir anfangs unterschätzt haben. Es sind eigentlich drei Elemente, die gleichzeitig verändert wurden. Erstens, dass wir seither im stationären Bereich über Swiss-DRG-Fallpauschalen abrechnen. Dadurch entsteht ein Druck, die Kosten pro Patient zu senken. Zweitens wurden die privaten und öffentlichen Spitäler gleichgestellt, das heisst, dass der Kanton auch Behandlungen in Privatspitälern mitfinanziert. Und der dritte Wechsel betraf die Aufhebung der Kantonsgrenzen. Alle drei Elemente zusammengenommen verstärken den Wettbewerb unter den Spitälern, seien sie privat oder öffentlich, enorm. Aber das war von der Politik bewusst so gewollt.

Wie wirkte sich dieser Systemwechsel konkret auf die SRFT aus?

Fiechter: Der Wechsel hat uns ziemlich stark beeinflusst. Uns wurde einmal mehr bewusst, dass neben den betriebswirtschaftlichen Aspekten die Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft, Pflege, Medizintechnik und Verwaltung in einem hart umkämpften Markt das Wichtigste ist. Der Wettbewerb verlangt zudem mehr Investitionen in die Infrastruktur, beispielsweise in Gebäude oder in die Medizintechnik. Hier können wir jetzt glücklicherweise in beiden Spitälern entsprechende bauliche Investitionen tätigen, wie es auch in anderen Kantonen zu beobachten ist. Denn Patienten legen neben der guten medizinischen Versorgung auch viel Wert auf eine gute Infrastruktur.

Welche Folgen hatte es finanziell?

Fiechter: Auf der betriebswirtschaftlichen Seite ist der Kostendruck gestiegen. Wir hatten im 2014 sinkende Erträge im stationären Bereich, da die Grundpauschale pro Fall gesunken ist. Da wir auf die Höhe dieser Pauschale nur sehr beschränkt und auf die Festlegung anderer Faktoren gar keinen Einfluss haben, ist die finanzielle Planung schwieriger geworden. Daher müssen wir versuchen, Ertragsrückgänge über Kostenoptimierungen zu kompensieren. Dabei liegt der Fokus auf den Abläufen vom Eintritt bis zum Austritt eines Patienten, die möglichst effizient sein müssen. Zudem haben wir Einkaufsgemeinschaften gebildet und sind zahlreiche Kooperationen, beispielsweise im IT-Bereich, eingegangen. Gerade hier ist es für ein kleines Spital unmöglich, alleine die Kosten zu tragen, will man alle Sicherheitsvorschriften bezüglich sensibler Patientendaten erfüllen und mit der technischen Entwicklung auf dem Laufenden bleiben. Trotz all dieser Massnahmen müssen wir künftig mit schwankenden Erträgen rechnen. Deswegen müssen wir heute, was früher für ein Spital verpönt war, einen Gewinn erwirtschaften. Nur so können wir Ertragsrückgänge ausgleichen und nötige Investitionen tätigen.

Bestandteil der neuen Spitalfinanzierung ist auch die freie Spitalwahl. Patienten können sich auf Wunsch sogar ausserkantonal behandeln lassen. Was können Sie als CEO der SRFT tun, damit sich Patienten dennoch für eine Behandlung in einem Ihrer Spitäler entscheiden?

Fiechter: Investitionen sind das eine. Grundsätzlich muss aber die Qualität stimmen. Dies zwar mit einem breiten Angebot, aber wir brauchen auch eine gewisse Spezialisierung. Dies kann zum Teil mit den eigenen Ärzten erreicht werden, zum Teil aber auch durch Kooperationen, zum Beispiel mit dem Kantonsspital St. Gallen. Worauf wir auch sehr grossen Wert legen, ist die Aus- und Weiterbildung des Personals. Insbesondere in diesem Bereich wollen wir konsequent weiter investieren. Wir haben in unserer Belegschaft einen hohen Anteil an Auszubildenden, denn wir sind davon überzeugt, dass hier die Basis für eine gute Zukunft liegt. Denn am Ende kommen die Patienten nicht zu uns, weil die Infrastruktur zeitgemäss ist, sondern weil sie hier eine qualitativ hochstehende Behandlung bekommen. Zugute kommt uns zudem, dass wir mit unseren Spitälern nahe am Wohnort der Patienten sind.

Ziel der kantonalen Gesundheitspolitik ist unter anderem, Kosten zu senken. Dennoch werden die Krankenkassenprämien im 2016 wieder um durchschnittlich vier Prozent steigen. Wo liegen nach Ihrer Meinung die hauptsächlich kostentreibenden Faktoren?

Fiechter: Allgemein ist zu sagen, dass die Medizin enorme Fortschritte gemacht hat – sei es in der Medizintechnik oder bei den Medikamenten. Dann spielt auch die Demographie eine wichtige Rolle. Die über 65-Jährigen machen heute in der Bevölkerung einen Anteil von 14 Prozent aus. Bis im Jahr 2040 rechnet man mit einer Erhöhung auf rund 25 Prozent. Altersabhängige Krankheiten, wie zum Beispiel Krebserkrankungen, nehmen denn auch stark zu und deren Behandlung ist teuer

Heutzutage haben viele Menschen keinen Hausarzt mehr und suchen daher auch bei Bagatellen den Notfall im Spital auf. Dies führt wiederum zu hohen Kosten. Gebe es von Ihrer Seite aus Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Fiechter: Im Zuge des Bauprojekts Notfalle Wil, für welches der Kantonsrat letztes Jahr die Mittel gesprochen hat, planen wir, im Notfallbereich Räume für den Betrieb einer hausärztlichen Notfallpraxis einzurichten. In dieser durch freipraktizierende Ärztinnen und Ärzte betriebenen Praxis können leichte ambulante Notfälle behandelt werden. Einerseits wird so das Notfallteam des Spitals entlastet. Andererseits werden diese Patienten schnell, bedarfsgerecht und kostengünstig behandelt. Eine solche Notfallpraxis wird im Rahmen der Gesamtsanierung auch in Wattwil geprüft. Zudem beteiligen wir uns an einem Programm des Kantons St. Gallen zur Förderung der Hausarztmedizin. In diesem Rahmen ist bei uns an jedem Standort ein Hausarzt in einem Teilpensum vor Ort. Sie begleiten die Assistenzärzte und versuchen, deren Interesse für die Hausarztmedizin zu fördern.

Wie können die beiden «kleinen» Spitäler Wil und Wattwil im Kampf um die besten Ärzte mit den grossen mithalten?

Fiechter: Zuerst müsste man die Frage nach den besten Ärzten beantworten. Denn eigentlich braucht jede Versorgungsstufe einen anderen Typ Arzt. Wir haben zuerst den Hausarzt, der ein sehr breites Wissen haben muss, damit er die Patienten adäquat behandeln kann. Dann braucht es Ärzte für kleine, wohnortsnahe Spitäler. Das sind Ärzte, die im Rahmen des Grundversorgungsauftrages innerhalb eines medizinischen Bereiches noch immer sehr breit tätig sind. Und dann gibt es die Zentrumsspitäler, wo sich die Ärzte auf ganz bestimmte Teilgebiete innerhalb eines Fachgebiets spezialisieren. Demzufolge brauchen wir in der SRFT eher Ärzte mit breitem Fachwissen und weniger stark ausgeprägter Spezialisierung. Nun gibt es Ärzte, die genau das suchen. Ärzte, welche die Abwechslung, die sich ihnen in einem kleinen Spital bietet, ebenso wie die familiären Strukturen und den intensiveren Kontakt zu den Hausärzten schätzen. Das alles können wir bieten. Ausserdem finden Ärzte bei uns dank der Vernetzung auch rege Austauschmöglichkeiten mit den Spezialisten des Zentrumsspitals.

Unabhängig von politischen Forderungen und wirtschaftlichen Zwängen: Wie sähe für Sie ein ideales Spital aus?

Fiechter: Für mich haben wir die idealen Lösungen für Wattwil und Wil dann, wenn die jetzt in die Wege geleiteten Massnahmen bezüglich der Erneuerung der Infrastruktur umgesetzt sind. Dann haben wir Spitäler mit einer hohen Qualität in der Grund- und Notfallversorgung in einer modernen Infrastruktur.

Bild: URS M. HEMM

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