Mit dem Velo um den Globus: Wie der Gossauer Martin Ruggle im Iran ein Stück Appenzellerland fand

Dreieinhalb Jahre war der Gossauer Martin Ruggle mit seinem Velo auf Weltreise. Im Iran kam es zu einer unerwarteten Begegnung mit dem Appenzellerland – in Form eines Bildes in einer Hütte.

Fynn Wohlgensinger
Drucken
Teilen
Die Schweizer Fahne immer dabei: Martin Ruggle machte auch Halt in Peru.

Die Schweizer Fahne immer dabei: Martin Ruggle machte auch Halt in Peru.

Bild: PD

Martin Ruggle wollte die Welt sehen, andere Menschen und ein anderes Leben kennen lernen. Deshalb ist er vor dreieinhalb Jahren in Gossau auf sein Velo gestiegen, um damit den Globus zu bereisen. Höchstens 18 Monate sollte die Reise gehen. «Nach anderthalb Jahren war ich aber an einem Punkt, wo es für mich keinen Unterschied mehr machte, ob ich weiterfahre oder nach Hause fliege», sagt Ruggle.

«In der Schweiz warteten keine Verpflichtungen auf mich und Geld hatte ich viel weniger gebraucht als geplant.»

So hängte der heute 33-Jährige nach der einjährigen Reise Richtung Osten über die Türkei, den Iran und Indien bis nach Südostasien noch zwei weitere Jahre an, in denen er von Kanada bis an die Südspitze Argentiniens gefahren ist. Die letzte Etappe führte Ruggle für sechs Monate nach Nordeuropa und schliesslich in die Schweiz. Übernachtet hat er fast immer in einem kleinen Zelt. Oft auch an ganz abgelegenen und einsamen Orten, die er jetzt nach der Reise am meisten vermisse.

Auf die Frage wieso er nun nach Hause gekommen sei, antwortet Ruggle: «Ich konnte gerade keine weiteren Eindrücke mehr aufnehmen. Ich brauche eine Pause und muss auch etwas Geld verdienen. Die nächste Reise ist aber in Planung.» Wieder zu Hause habe er in den ersten Nächten nicht besonders gut geschlafen. Ruggle musste sich zuerst an die Stille gewöhnen. In seinem Zelt sei die Natur immer zu hören gewesen, selbst an den einsamsten Orten.

«Die spontane Offenheit fehlt vielen Schweizern»

Ruggle hat bereits eine neue Stelle gefunden, die ihm ein Freund noch während der Reise vermittelt hatte. «Einen Bürojob hätte ich nicht direkt wieder antreten können, ich würde die Natur, das Draussensein zu sehr vermissen», sagt Ruggle. Die Anstellung als Saisonnier bei den Churer Bergbahnen passe da besser. Zudem käme er dort täglich mit Leuten aus verschiedenen Ländern zusammen, und er könne die Freundlichkeit und Offenheit zurückgeben, die ihm auf seiner Reise von vielen Menschen entgegengebracht wurde.

«Diese spontane Offenheit fehlt vielen Schweizern ein wenig, das ist schade», sagt er. «Ich glaube nicht, dass ein Veloreisender aus einem fremden Land in der Schweiz so oft eingeladen würde, wie ich es an vielen Orten auf meiner Reise wurde.»

Zu Besuch bei einem alten iranischen Bauern

Bei der Schönheit der Natur brauche sich die Schweiz aber vor keinem Land zu verstecken, sagt Ruggle. Im Iran sei er von einem alten Bauern eingeladen worden, der abgeschieden mit seinen hundert Ziegen und in einer kleinen Hütte wohnte. In der spärlich eingerichteten Behausung gab es nicht viel mehr als zwei Matratzen, ein durch eine Autobatterie betriebener Fernseher, eine Kochstelle und ein einzelnes Bild an der Wand. Der Bauer sprach kein Wort Deutsch oder Englisch.

So sei es unmöglich gewesen, ihm mit Worten zu erklären, wo er herkomme, erzählt Ruggle. Als sich Ruggle dann aber das einzige Bild in der Hütte genau anschaute, kam ihm die Landschaft darauf seltsam vertraut vor. Es war ein Bild des Appenzellerlandes. Der Bauer fiel aus allen Wolken, als ihm klar wurde, dass sein zufälliger Gast ausgerechnet aus der malerischen Gegend kommt, die er täglich als Bild vor Augen hat. Martin Ruggle:

«Es stimmt schon, dass man manchmal in die Ferne reisen muss, um die Schönheit der ­Natur zu Hause wieder richtig schätzen zu können.»

«Auf einer meiner ­allerletzten Etappen bin ich in den Schweizer Alpen in einen Schneesturm geraten. Als danach die Wolken wieder aufrissen und die Berge mit dem blauen Himmel im Hintergrund zum Vorschein kamen, war es einfach wunderschön.»

Mehr zum Thema