Mit dem Kohlestift ins 2016

Vor 90 Jahren warf der Lichtensteiger Künstler Traugott Stauss für das Toggenburg eine kühne Zukunftsvision auf Papier. Auch heute haben wir Anlass, an unsere Möglichkeiten zu glauben. Von Serge Hediger

Drucken
Teilen
«Metropolis» – Wattwil im Jahr 2000: So stellte sich 1924 der avantgardistische Lichtensteiger Künstler Traugott Stauss die Moderne vor. (Bild: Traugott Stauss)

«Metropolis» – Wattwil im Jahr 2000: So stellte sich 1924 der avantgardistische Lichtensteiger Künstler Traugott Stauss die Moderne vor. (Bild: Traugott Stauss)

In den Häuserschluchten, so tief wie in New York, verkehren Schnellbahnen, so schnittig gebaut wie in Tokyo. Flugtaxis landen auf den Dächern der würfelförmigen Hochhäuser; es steigen Menschen aus und ein. Am Himmel über einem Wolkenkratzer kreuzt ein Transportluftschiff. Im Hintergrund ragen Industriekamine auf – und am Horizont die sieben Churfirsten.

«Metropolis» lautet der Titel dieser Kohlezeichnung. Sie ist das Werk des Lichtensteigers Traugott Stauss. So stellte sich der Künstler und Designer 1924 die Moderne vor: Wattwil im Jahr 2000.

Die Zeichnung ist das Abbild des Zukunftsglaubens jener Zeit. Der Wirtschaftsmotor brummte. Allein das Textilunternehmen Heberlein, dessen Gebäude Zeichner Stauss hier auf Papier entwarf, hatte sich aufgemacht, zum grössten und führenden Lohnveredlungsbetrieb der Schweiz zu werden. 1300 Angestellte fanden hier in den «Goldenen Zwanzigerjahren» Arbeit. Nichts sprach dagegen, dass es künftig noch mehr werden könnten. Und auch nicht, dass sie dereinst mit Eindeckern zur Arbeit geflogen werden sollten.

Alles ist möglich. Das ist das Grundgefühl, das diese Zeichnung transportiert. Es tut gut. Gerade in diesen Tagen des Rückblicks und Ausblicks tut es gut, zu spüren, dass Veränderung, Verbesserung, Verwandlung möglich sind. Schon einmal möglich waren und es heute wieder sind.

Denn auch 90 Jahre später besteht Anlass, eine Zeichnung kühner Visionen auf Papier zu werfen. Mosaiksteinartig waren in den vergangenen Monaten dafür sprechende Anzeichen auszumachen: Talauf, talab stehen ungezählte Baukräne, jene roten, gelben, bunten Symbole einer wirtschaftlichen Zuversicht. Nach langen Jahren des Bevölkerungsrückgangs, bestenfalls der Stagnation, wächst das Toggenburg wieder. Die Verkehrsanbindung? Verbessert. Das Regionalspital? Erhalten. Die Kantonsschule? Gesichert. Das Klanghaus? Auf den politischen Weg geschickt vom Kantonsrat, dessen Wirtschaftsgruppe dieses Jahr zum Anschauungsunterricht nach Ebnat-Kappel reiste und sich bei der weltweit expandierenden Sensorentechnologiefirma IST über die «Best practice» zur Toggenburger Wirtschaftskraft informierte. Übrigens: Vertreter des kantonalen Gewerbeverbands und der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell hatten sich dieser Visite gleich angeschlossen. Ihr Lernziel: Das Toggenburg ist trotz allem ein guter Wirtschaftsstandort.

Ja, im Tal zwischen Säntis und Speer gelingt es, Wachstum durch Innovation und höchste Qualität zu generieren.

Das ist nichts Neues. Bereits in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts war Heberlein mit seinen neuen, weltweit nachgefragten Geweben in ein Produktefeld vorgestossen, für das der Genre-Fachbegriff «Hochveredlung» noch gar nicht existierte. Kritiker werden an dieser Stelle an den Niedergang des Unternehmens 2001 erinnern – gewiss. Jedoch andere Toggenburger Unternehmen trotzten den Krisen und feiern 2016 Jubiläum: 100jährig wird das Textilunternehmen Meyer-Mayor in Neu St. Johann. 125 Jahre zählt der Sportgerätehersteller Alder + Eisenhut aus Ebnat-Kappel. 150 Jahre alt wird das Technologieunternehmen Berlinger & Co. aus Ganterschwil.

Alles ist möglich. Als Georg Berlinger 1865 eine Weberei gründete, konnte er nicht ahnen, dass das Unternehmen dereinst international standardisierte Dopingkontrollsysteme herstellen wird. Als Robert Alder-Fierz 1891 eine Turngerätefabrik übernahm, konnte er nicht vorhersehen, dass sein Unternehmen später Wettkampfgeräte für die Europameisterschaften im Kunstturnen liefern wird. Und als Edouard Mayer-Mayor 1916 eine Weberei übernahm, konnte er nicht wissen, dass sich das Unternehmen mit High-End-Synthetikgewebe für Hochseeyachten und Heissluftballone einen Namen schaffen wird.

Was also würde eine Zeichnung zeigen, die heute die Zukunft des Toggenburgs abzubilden hätte? Sind die Churfirsten dereinst Unesco-Welterbe? Kommt in Unterwasser ein nadelförmiger Hotelturm eines kalifornischen Architekten zu stehen? Oder haben die zwölf Gemeinden des Wahlkreises dann zu Toggenburg Nord, Mitte und Süd fusioniert?

Das Was ist vielleicht gar nicht so entscheidend. Wichtiger ist vielmehr, dass wir erkennen: Wir haben den Kohlestift der Zukunft in der Hand. Unsere Zuversicht, unser Optimismus und unser Vertrauen lenken die Striche, verleihen ihnen Konturen und Plastizität.

In diesem Sinne kann uns die Zeichnung des Avantgardisten Traugott Stauss auch 2016 eine taugliche Visionsvorlage sein. Denn der Künstler hatte sich – getragen vom Optimismus – wohl nur etwas in der Jahreszahl geirrt.

? JAHRESRÜCKBLICK 28 und 29

Aktuelle Nachrichten